Die Gnade befreit den geknechteten Willen

Die Bedeutung der Paulusbriefe für die Bekehrung des heiligen Kirchenvaters Augustinus

Zu den theologiegeschichtlich aufschlussreichen Themen, die anlässlich des Paulusjahres in den kirchlichen Medien zur Sprache kommen, dürfte nicht zuletzt der Einfluss der Schriften des Völkerapostels auf die geistige Entwicklung jenes Mannes gehören, den kein geringerer als Martin Luther den ,zuverlässigsten Vermittler‘ der paulinischen Verkündigung nannte, Augustinus. In der Tat, wie keine anderen Schriften sind die Briefe dieses Apostels in dem wirkungsgeschichtlich nahezu beispiellosen Werk des 354 geborenen und 430 als Bischof von Hippo in Nordafrika verstorbenen Augustinus präsent.

Bereits in seiner ersten uns erhaltenen Schrift Gegen die Akademiker rühmt Augustinus die Rolle der Paulusbriefe bei seiner Bekehrung zum Katholizismus im Jahr 386 zu Mailand. Auf dem Wege einer zunächst philosophisch motivierten Um- und der Einkehr zu sich selbst warf er einen Blick auf die Religion, die ihm bereits „als Kind eingepflanzt und tief ins Innere gesenkt worden war. Und so griff ich“, schreibt er, „zitternd, eilend, zögernd nach dem Apostel Paulus. ... Mit größter Aufmerksamkeit las ich ihn ganz durch“ (2, 5).

Nun konnte für Augustinus der Apostel Paulus zuvor schon kein Unbekannter gewesen sein, denn die Manichäer, deren Religionsgemeinschaft er neun Jahre lang angehörte, verwarfen zwar das Alte Testament, lasen aber das Neue selektiv. Sie hielten Jesus für einen das mosaische Gesetz verachtenden Propheten und Paulus für einen authentischen Interpreten Jesu. Ihre gnostisch-dualistische Lehre von einander bekämpfenden Prinzipien des Guten und des Bösen begründeten sie auch mit Begriffspaaren, die wie ,Licht und Finsternis‘, ,Geist und Fleisch‘, ,innerer und äußerer Mensch‘ zum Kernbestand der biblisch-neutestamentlichen, insbesondere der paulinischen Schriften zählen. Es ist nicht daran zu zweifeln, dass die Manichäer die Paulusbriefe bei ihren missionarischen Aktivitäten unter Christen propagandistisch benutzt haben. Augustinus muss sie infolgedessen gekannt haben. Sein erwähnter Bericht von der existenzwendenden Pauluslektüre kann daher nur so verstanden werden, dass er die Briefe des Apostels nunmehr unter einem veränderten Vorverständnis las.

Die Einheit der Schrift bei Ambrosius kennengelernt

In seinen um gut ein Jahrzehnt später (397–401) abgefassten, manch autobiographisches Material verarbeitenden Bekenntnissen kam Augustinus erneut und diesmal ausführlicher auf die Ereignisse zu sprechen, die ihn in Mailand endgültig zur katholischen Kirche führten. „Und ich kam nach Mailand zum Bischof Ambrosius, als der Besten einer bekannt auf dem ganzen Erdkreis“, so beginnt der Bericht über jene Jahre (5, 23). Als Professor der Rhetorik besuchte er „zunächst aus Neugier“ die Predigten des rhetorisch versierten Bischofs, wobei er sich allmählich auch für deren Inhalt interessierte. Immer noch hatte er seine Schwierigkeiten mit der Bibel. Nun hörte er Ambrosius das mosaische Gesetz geistig auf das Neue Testament hin auslegen. Oftmals habe dieser dabei die Stelle aus 2 Kor 3, 6, dass der Buchstabe töte, der Geist aber lebendig mache, „dem Volk gleichsam als Regel aufs Dringendste ans Herz gelegt“ (6, 6). So lernte er dank dieser geistig-geistlichen Schriftauslegung die Einheit der aus zwei Testamenten bestehenden Bibel allmählich kennen.

Um diese Zeit lernte er in Mailand auch die Schriften der Neuplatoniker kennen, deren Lektüre ihn definitiv von einer monistischen, alles Seiende auf ein einziges Prinzip zurückführenden Ontologie überzeugte. Schon bald darauf identifizierte er dieses Prinzip an der Spitze des Seins mit dem Schöpfergott der Bibel, dem „unveränderlichen Licht“ und der ebenso „unveränderlichen Wahrheit“ (7, 16). Er betrachtete es als eine göttliche Fügung, dass er zuerst auf die Schriften der Platoniker und dann erst auf die der Bibel gestoßen sei.

„In diesem Zustand“, schreibt er, „griff ich mit größtem Eifer nach den ehrwürdigen Schriften deines Geistes, allem voran nach den Schriften des Apostels Paulus, und es zerrannen jene Fragen, in denen einst mir vorkam, er widerspreche sich und es stünde der Text seiner Rede nicht im Einklang mit den Zeugnissen des Gesetzes und der Propheten“ (7, 27). Ja, in den Briefen des Apostels, dies betont er, fand er eine weitreichende Übereinstimmung mit dem, was er bei den Neuplatonikern gelesen hat. In einer entscheidenden Einschränkung weicht allerdings der Bericht der Bekenntnisse von dem aus der Erstschrift Gegen die Akademiker zitierten ab. Während nämlich die Neuplatoniker sich rühmten, das Prinzip allen Seins mit Hilfe der Vernunft aus eigenem Vermögen erkennen und sittliches Verhalten auf dieses Prinzip hin gestalten zu können, unterstrichen die Schriften des Apostels das Angewiesensein des Menschen auf Gottes Gnade. In den Paulusbriefen, so Augustinus, werde „die Gnade gelehrt und nahegelegt, damit nicht, wer da sieht (d.h. zur Gotteserkenntnis komme), ,sich rühme, als hätte er es nicht empfangen‘ (1 Kor 4, 7), nicht nur was er sieht, sondern dass er (überhaupt) sieht – denn was besitzt er, das er nicht empfangen hätte“ (7, 27).

Dieses charakteristisch Eigentümliche der paulinisch-neutestamentlichen Verkündigung finde sich bei den Platonikern nicht, vermerkt er. Wohl aus diesem Grunde ließ Augustinus in den gewiss auch literarisch gestalteten Bekenntnissen die Szene seiner Bekehrung im 8. Buch – zweifelsohne einer der Höhepunkte dieser zur Weltliteratur zählenden Schrift – in der Lektüre von Röm 13, 13–14 gipfeln. Der Szene selbst gehen intensive Gespräche über verschiedene Bekehrungserzählungen voraus, die Augustinus in die Erregung versetzten, das Vernommene nachzuahmen. Eines Tages erhielt er Besuch von einem Landsmann aus Afrika namens Ponticianus, der auf dem Tisch wider Erwarten einen Kodex mit Schriften des Apostels Paulus liegen fand, worauf Augustinus ihm erklärte, dass er auf jene Schriften größtes Interesse verwendete (8, 14). Daraufhin erzählte Ponticianus weitere Bekehrungsgeschichten. Nun schlug für Augustinus selbst die Stunde.

Er zog sich in den Garten zurück, wo er seinen Tränen freien Lauf ließ und sich heftig anklagte: „Wie lange noch, wie lange morgen und morgen? Warum nicht jetzt?“ Da vernahm er eine Stimme, die in singendem Tonfall wiederholte: „Nimm und lies, nimm und lies!“ Er vermochte dies nicht anders zu deuten, als dass ihm von Gott befohlen werde, ein Buch zu öffnen und dort zu lesen, was er finden würde. So kehrte er ins Haus zurück, wo er die Briefe des Apostels liegengelassen hatte. Er griff mit Hast danach, schlug sie auf und las schweigend die Stelle, auf die sein Auge fiel. Es waren die Verse 13–14 aus dem 13. Kapitel des Römerbriefes: „Nicht in Gelagen und in Zechereien, nicht in Schlafkammer und Unzucht, nicht in Hass und Hader, sondern zieht den Herrn Jesus Christus an, und pflegt das Fleisch nicht zur Erregung eurer Lüste“. Weiter wollte er nicht lesen. „Denn gleich beim Schluss dieses Satzes“, so resümieren die Bekenntnisse, „ergoss sich ein Strahl von Sicherheit in mein Herz, und alle Finsternis des Zweifels war wie zerstoben“ (8, 29).

Was ist hier vorgegangen? Das ist die Frage, die zu stellen die Fachwelt nicht müde wird. Dementsprechend reichen auch die Interpretationen dieses Kapitels vom naiven Wunderglauben bis zum aller Geschichtlichkeit entleerten Symbolismus. Feststehen dürften die entscheidenden Impulse, welche die Lektüre der Paulusbriefe auf Augustinus in dessen Mailänder Zeit ausübten. So bedeutsam jedoch diese Impulse für seine Bekehrung auch gewesen sein mögen, sie dürften erst eine Art Ouvertüre zu jener intensiven Beschäftigung mit den Paulusbriefen gewesen sein, zu der der Bekehrte sich fünf Jahre später, als er in Hippo zum Priester geweiht wurde, gezwungen sah. Gleich zu Beginn seiner kirchlichen Laufbahn ließ er sich nämlich von seinem Bischof Valerius beurlauben, um sich in die offenbarten Bücher einarbeiten zu können. Dabei dürfte das Studium der Paulusbriefe im Vordergrund gestanden haben. Bezog sich die reiche schriftstellerische Tätigkeit, die Augustinus schon in Mailand begann, vorzüglich auf philosophische Themen, so verlagerte diese sich von nun an so gut wie ausschließlich aufs Theologische und Pastorale.

Nach wie vor gilt der Kirchenvater als der größte apologetische, den offenbarten Glauben gegen Irrlehren und Sekten verteidigende Schriftsteller der katholischen Kirche. Sein immenses Werk wird unter schriftstellerischem Aspekt im Großen und Ganzen in drei Epochen geteilt: in die antimanichäische, in die antidonatistische und in die antipelagianische. Zahlreiche Werke beginnen mit der Präposition ,Contra ...‘ , etwa Gegen den Manichäer Faustus oder Gegen die Donatisten oder Gegen zwei pelagianische Briefe. Was indes nahezu alle diese Schriften wie ein roter Faden durchzieht, sind Argumentationsstränge, die der Bischof bevorzugt den Briefen des Apostels Paulus entnahm.

Noch während der Jahre seiner Presbyterzeit entstanden die ersten Versuche, Paulusbriefe zu kommentieren: Die Auslegung einiger Fragen aus dem Brief an die Römer, die Auslegung des Briefes an die Galater und die angefangene Auslegung des Briefes an die Römer. Darüber hinaus befasste er sich ausführlich mit einer Reihe von Paulustexten, und zwar mit Röm 7–8, 1; mit Röm 8, 18–24; mit Röm 9, 20; mit 1 Kor 15, 28; mit Gal 2, 6; mit Phil 2, 7 und mit Kol 1, 14f. Sie alle veröffentlichte er zusammen mit zahlreichen anderen Themen unter dem Titel Dreiundachtzig verschiedene Fragen. Was die Intellektuellen unter den Christen an den Paulusbriefen besonders interessierte, war natürlich die Frage, welche Bedeutung der Willensfreiheit und welche der Gnade beim Glauben als Bedingung und Sicherung des Heils zukomme. Gewiss sei die Gnade als Gottes Gabe Voraussetzung zum Heil, aber der Glaubensakt sei auch Sache des Menschen – dies lehrte Augustinus im Großen und Ganzen in den erwähnten Kommentaren, womit er weithin mit den übrigen kirchlichen Schriftstellern, die vor ihm schon die Paulusbriefe kommentierten, übereinstimmte.

Indes, kaum war Augustinus zum Bischof geweiht, als er von seinem väterlichen Freund Simplician, zu dem er bereits in Mailand enge Kontakte knüpfte, und der Ambrosius dort auf dem Bischofsstuhl folgen sollte, einen Brief mit acht verschiedenen Fragen, darunter zwei den Römerbrief betreffend, erhielt. Es ist nicht auszuschließen, dass der philosophisch wie theologisch hochgebildete Simplician Augustins bisherige Einsichten in punkto Gnadenlehre kannte, sich aber damit nicht völlig zufrieden gab und deshalb seinen Freund drängte, die mit dem Römerbrief gegebenen Probleme erneut zu durchdenken. Augustinus, den die Fragestellung betreffs der paulinischen Gnadenlehre offensichtlich immer noch brennend interessierte, vertiefte sich erneut in die Schriften des Apostels und veröffentlichte seine jüngsten Paulusstudien unter dem Titel „An Simplicianus zwei Bücher über verschiedene Fragen“.

Die singuläre Bedeutung unter den Gnadenschriften Augustins verdankt dieses Werk der definitiven Vorrangstellung der Gnade bei der Sicherung des Heils. Mit ihm hat des Kirchenvaters Gnadenlehre zwar keinen Bruch – zumindest er hat es nicht als solchen empfunden –, wohl aber eine zuvor nicht gekannte Schärfe und Dichte erreicht. Er selbst hat diese Entwicklung wahrgenommen, sie aber als Fortschritt gedeutet. Im Vorwort seiner Retractationes, jenem in der Literaturgeschichte einmaligen Werk, mit dem er sich zum Ende seines Lebens vornahm, sein gesamtes schriftstellerisches Schaffen einer kritischen Revision zu unterziehen, machte er die Leser eigens auf diesen Fortschritt aufmerksam. „Wer meine Werke in der Reihenfolge, wie sie geschrieben worden sind, liest, der wird, so hoffe ich, finden, wie ich im Schreiben Fortschritte machte“. Zu „An Simplicianus“ hatte er im Unterschied zu seinen vorausgegangenen Kommentaren zu den Paulusbriefen nicht nur nichts auszusetzen, er rühmt darin sogar den erreichten Erkenntnisstand. „Bei der Lösung der Frage (zu Röm 9, 10–29 über Gottes erwählendes Erbarmen) ist zwar eine Menge zugunsten der freien Entscheidung des menschlichen Willens vorgebracht worden, aber die Gnade Gottes blieb Siegerin, und ich kam nur so weit, um zu verstehen, dass der Apostel mit einer Zuverlässigkeit sondergleichen gesagt hat: ,Wer nämlich gibt dir einen Vorrang? Was hast du überhaupt, das du nicht empfangen hättest? Hast du es aber empfangen, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen? (1 Kor 4, 7)“ (2, 1, 1).

Theologischer Schriftsteller mit pastoraler Zielsetzung

Es bleibe nicht unerwähnt, dass Augustinus mit seinen theologischen Schriften auch pastorale Anliegen verfolgte. Es fällt auf, dass er die bereits mehrfach erwähnten Bekenntnisse fast unmittelbar nach Abfassung von „An Simplicianus“ zu schreiben begann. Was immer der äußere Anlass zu deren Abfassung war, bleibe dahingestellt. Dass sie aber das geworden sind, was sie sind, dies dürfte mit dem „Fortschritt“ zusammenhängen, den er mit „An Simplicianus“ erreicht hatte. Er berichtet darin von seiner Bekehrung darum so, dass er dabei zugleich Gottes Großtaten, die Schöpfung, und Gottes Erbarmen als Macht seiner Gnade verkündet. Das dem lateinischen Titel Confessiones zugrundeliegende Zeitwort „confiteri“ bedeutet ja nicht nur „bekennen“, sondern auch „anerkennen“, „feierlich verkünden“, „rühmen“ und „preisen“.

Die Bekenntnisse illustrieren Gottes Gnadenhandeln bei der Bekehrung des Menschen. Nicht der Mensch Augustinus, sondern die Gnade verwandelt den alten, den fleischlichen Willen zu einem geistigen. Sie bewirkt dies aber nicht, indem sie den freien Willen vergewaltigt, sondern indem sie die Ketten, die den Willen niederhalten, allmählich, gelegentlich auch plötzlich, lockert. Wie Gott dies leistet, dies ist das erregende Thema jener epochalen Schrift. In ihr kommt des öfteren der Satz vor, der die paulinische Gnadenlehre in ihrer augustinischen Interpretation gleichsam auf den Punkt bringt: „Gib, was du befiehlst, und (dann) fordere, was du willst“ (10, 40 gleich zweimal und 10, 45.60). Nun gehört es zur Tragik dieser nach dem Neuen Testament von Christen vielleicht meistgelesenen Schrift, dass gerade dieser zitierte Satz in ihr einen Streit unter den Theologen auslöste, der eigentlich bis zur Gegenwart nicht zur Ruhe kam.

Es ist jedoch interessant zu wissen, dass in der Kirche vor Augustinus das Wissen um die Bedeutung der den Vorrang der Gnade artikulierenden Theologie des Römerbriefes allmählich ins Vergessen geriet – ein Vorgang, der sich in der Geschichte der Kirche beziehungsweise der Kirchen wiederholen sollte. Es sei lediglich an das theologische Anliegen Martin Luthers im 16. und an jenes Karl Barths im 20. Jahrhundert erinnert. Augustinus war der erste, der dies wahrnahm. Er rückte die Bedeutung der paulinischen Glaubensverkündigung nicht erst in seinen späteren Auseinandersetzungen mit den Pelagianern wieder ins Licht, er tat dies mustergültig in den Bekenntnissen, speziell in der von ihm nicht einfach historisch berichteten, sondern zugleich gnadentheologisch gedeuteten Bekehrung. Wo immer in den nach ihm folgenden Jahrhunderten der Kampf wider eine diese Mitte der christlichen Verkündigung aushöhlende Theologie unternommen wurde, dort besann man sich seiner in den Bekenntnissen erzählten Bekehrung, dort war sein von den Paulusbriefen angeregter Geist, der fortgewirkt hat.