„Die Gewissen wachrütteln“

Brief des Heiligen Vaters an den Generalsekretär der Vereinten Nationen zur Situation im Norden des Irak – 13. August 2014

Am Härtesten trifft es die Kinder: Christliche Flüchtlinge harren in einem verlassenen Gebäude in Arbil im Norden Bagdads aus. Foto: Reuters
Am Härtesten trifft es die Kinder: Christliche Flüchtlinge harren in einem verlassenen Gebäude in Arbil im Norden Bagdad... Foto: Reuters

Seine Exzellenz,

Herrn Ban Ki-Moon,

Generalsekretär der Vereinten Nationen

Mit schwerem und von Schmerzen geplagtem Herzen habe ich die dramatischen Ereignisse dieser wenigen vergangenen Tage im Nordirak verfolgt, wo Christen und andere religiöse Minderheiten gezwungen wurden, aus ihren Häusern zu fliehen und die Zerstörung ihrer Gebetsstätten und ihres religiösen Erbes mit anzusehen. Ergriffen von ihrer Situation habe ich den Präfekten der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, Seine Eminenz Fernando Kardinal Filoni – der als Vertreter meiner Vorgänger, des Heiligen Papstes Johannes Paul II. und von Papst Benedikt XVI., dem Volk im Irak diente – gebeten, meine geistliche Nähe zu bekunden sowie meine Betroffenheit und die der gesamten katholischen Kirche über das unerträgliche Leiden jener, die einfach nur in Frieden, Harmonie und Freiheit in dem Land ihrer Vorfahren leben möchten, zum Ausdruck zu bringen.

In diesem Sinne schreibe ich Ihnen, Herr Generalsekretär, und stelle Ihnen die Tränen, das Leiden und die von Herzen kommenden Schreie der Verzweiflung von Christen und anderen religiösen Minderheiten des geliebten Landes Irak vor Augen. Indem ich meinen dringenden Appell an die internationale Gemeinschaft erneuere, Maßnahmen zu ergreifen, um die nunmehr in vollem Gange befindliche humanitäre Tragödie zu beenden, ermunterte ich alle zuständigen Organe der Vereinten Nationen, insbesondere die für die Sicherheit, den Frieden, das humanitäre Recht und die Unterstützung der Flüchtlinge verantwortlichen, ihre Bemühungen im Einklang mit der Präambel und den entsprechenden Artikeln der Charta der Vereinten Nationen fortzusetzen. Die gewaltsamen Angriffe, die durch den Nordirak fegen, können gar nicht anders, als die Gewissen aller Männer und Frauen guten Willens zu konkreten Taten der Solidarität wachzurütteln, durch die jene beschützt werden, die von Gewalt betroffen oder bedroht sind, und durch die den vielen vertriebenen Menschen der nötige und dringende Beistand wie auch ihre sichere Rückkehr in ihre Städte und ihre Häuser garantiert wird. Die tragischen Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts und das einfachste Grundverständnis der Würde des Menschen verpflichtet die internationale Gemeinschaft, insbesondere durch die Normen und Instrumente des internationalen Rechts, alles zu tun, was ihr möglich ist, um systematische Gewalttaten gegen ethnische und religiöse Minderheiten zu beenden und weitere zu verhindern.

In der Zuversicht, dass mein Aufruf, mit dem ich mich dem Appell der Patriarchen des Ostens und anderer religiöser Vertreter anschließe, auf eine positive Antwort treffen wird, ergreife ich diese Gelegenheit, um Ihre Exzellenz erneut meiner Hochachtung zu versichern. Vatikan, 9. August 2014

Franciscus PP.

Aus dem Englischen übersetzt

von Katrin Krips-Schmidt