Die Geschichte des anderen annehmen

Das Ehesakrament im Horizont des Glaubens: Tagespost-„Serie“ (Teil XVIII): Zwei Familien finden zueinander. Von Monika Metternich

Das Essen war vorbereitet, der Tisch schön gedeckt. Endlich sollten sich die beiden Familien kennenlernen. Brauteltern, Geschwister und das jungverlobte Paar gaben sich betont entspannt und gelassen. Nur der Hund des Hauses schien die unausgesprochene Anspannung zu spüren. Er bellte schon den ganzen Tag, als drohe Gefahr. Kurzentschlossen wurde er eingesperrt, als das Auto der „Schwiegerfamilie“ nahte. Während sich die Familien zur höflichen Begrüßung anschickten, stürzte sich der Hund – oh Schreck! – todesmutig aus dem halboffenen Zimmerfenster ins Freie und wie ein Blitz auf das Hosenbein des künftigen Schwiegervaters. Zwei Familien hielten die Luft an und für das junge Paar die Erde in ihrer Umlaufbahn. Bis der alte Herr den Hund gelassen abschüttelte, der entsetzten Mutter der Braut die Hand reichte und lächelnd erklärte: „Keine Sorge, es war nur das Holzbein.“

Wenn zwei Menschen sich entscheiden, zu heiraten und ihr Leben zu teilen, sind die beiden zunächst ganz aufeinander fixiert. Doch stellt sich bald heraus, dass die Familie – ob im Guten oder im Schlechten – untrennbar und deshalb unvermeidlich jeweils zum Leben, zur Geschichte des geliebten anderen dazugehört. Auch, wenn ein eifersüchtiger Familienhund die Stimmung ebenso empfindlich stören kann wie zuweilen auch manche Familienmitglieder, so wäre dies doch kaum je ein Grund, nicht zu heiraten. Dennoch gehören auch sie dazu – und zwei Familien müssen lernen, was es bedeutet „mitgeheiratet“ zu werden.

Die Voraussetzungen sind für die Brautleute meistens günstig: Sie sind bestrebt, gut mit der Familie ihres oder ihrer Geliebten auszukommen: Einerseits, um einen guten Eindruck zu machen auf die Menschen, die dem anderen von Natur aus am nächsten stehen, andererseits, um so intensiv und positiv wie möglich teilzuhaben an diesem wichtigen, fortdauernden Teil des Lebens. Umgekehrt wünschen sich die meisten Eltern, im Ehepartner ihres Kindes einen Sohn oder eine Tochter hinzuzugewinnen.

Wenn für das Zusammenwachsen zweier Familien also all jene Regeln gelten, die auch sonst hilfreich sind – Höflichkeit, Interesse, Hilfsbereitschaft, Gelassenheit, Humor – dann fallen sie umso leichter, wenn sie kein Sollen, sondern ein Wollen repräsentieren. Sich charmant und interessiert einlassen auf neue Gegebenheiten, ungewohnte Gewohnheiten nicht abfällig zu kommentieren, in allem zunächst das Gute und nicht gleich das Schlechte zu sehen, Zurückhaltung zu üben bei Kritik und es zuweilen mit dem Lob sogar zu übertreiben – all das hilft beim Zusammenwachsen. Umgekehrt ist es aber auch nicht nur für die Brautleute wichtig zu lernen, dass ihre Familien bei aller Bedeutung nun „ins zweite Glied“ zurücktreten, ob man sich nun prächtig versteht oder ob es Probleme gibt.

„Du sollst Vater und Mutter ehren“ bedeutet für Schwiegerkinder nicht unbedingt, sie lieben zu müssen. Sie aber zu ehren aus Liebe zu deren Kind, ist die beste Möglichkeit, sie – und die ganze Familie des Partners – zu bejahen und damit den Grundstein zu legen für eine Ehe, in der einer den anderen in Liebe annimmt, samt seiner Geschichte, in guten und in schlechten Tagen. Jener Vater, der unliebsame Bekanntschaft mit dem eifersüchtigen „Schwiegerhund“ machen musste, gab jedenfalls ein gutes Beispiel, wie das Zusammenwachsen zweier Familien selbst unter widrigen Umständen gelingen kann: Mit Humor, Gelassenheit, Souveränität – und ein bisschen Glück.