Die Geisel des Missbrauchs schlägt auch den Vatikan

In der Medienhysterie um Skandalthemen drohen die eigentlichen Themen von Papst und Kirche unterzugehen

Rom (DT) Auch der Vatikan erlebt eine Bußzeit der besonderen Art – nur dass nicht die Themen im Vordergrund stehen, die in der Zeit des vorösterlichen Fastens zum Kern der Glaubengeheimnisse zurückführen sollen. Die Missbrauchsskandale in Deutschland und Österreich haben Rom und die italienischen Medien erreicht. Auch Benedikt XVI. dringt mit seiner eigentlichen Verkündigung nicht mehr durch. Besonders schmerzlich muss es für den Papst gewesen sein, dass sein Bruder Georg in die Schlagzeilen geriet, nachdem in der vergangenen Woche die Suchscheinwerfer der deutschen Medien auch auf die Regensburger Domspatzen gefallen waren. „Pädophilie im Chor des Bruders des Papstes“ lauteten in Italien am Wochenende die Schlagzeilen – wobei die Tatsache, dass die Domspatzen ein Knabenchor sind, einen weiten Opferkreis mit sich bringt, den Täterkreis hingegen sehr einengt.

Lombardi lobt Entschlossenheit der deutschen Bischöfe

Sollte sich vielleicht auch Georg Ratzinger etwas vorzuwerfen haben? Wieder einmal rächte es sich am vergangenen Wochenende, dass sich der Vatikan ein Presseamt leistet, das um 14 Uhr die Pforten schließt. Denn genau am Freitagnachmittag machten die Nachrichten aus Regensburg auch in den italienischen Redaktionen die Runde. Aber niemand war da, der den Journalisten die Informationen, die die Diözese Regensburg auf ihre Homepage gesetzt hatte, übersetzen und erläutern konnte. So kam es, dass statt des vatikanischen Pressesaals die Papst-Zeitung „Osservatore Romano“ einen Tag später – aber auch einen Tag zu spät – mit einer etwas ungewöhnlichen Mischung an Informationen erschien: Zunächst ein Artikel, der die Erklärungen des Pressesprecher der Diözese Regensburg vom vergangenen Freitag wiedergab, dazu eine Mitteilung des Ortsbischofs Gerhard Ludwig Müller, die darüber Aufschluss gab, wie die Domspatzen mit dem Gymnasium, dem Internat und der Vorschule – damals in Etterzhausen – zusammenhingen und welche Informationen man über die beiden verurteilten Geistlichen hat. Schließlich eine nicht gezeichnete Note, in der es hieß, dass der Heilige Stuhl die Bemühungen der Diözese Regensburg unterstütze, „die schmerzhafte Frage entschieden und offen im Sinne der Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz zu analysieren“. Das Hauptziel der Aufklärungen durch die Kirche müsse sein, möglichen Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Heilige Stuhl sei dankbar für die Bemühungen um Klarheit im Inneren der Kirche und wünsche sich, dass dasselbe auch in anderen öffentlichen und privaten Einrichtungen geschehe.

So, wie die Woche geendet hatte, begann auch die neue. Wieder war es zunächst der „Osservatore Romano“, der die Initiative ergriff. In einem Kommentar begrüßte die Papstzeitung am Dienstag den Runden Tisch gegen sexuellen Kindesmissbrauch in Deutschland und lobte die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan dafür, dass sie „Null Toleranz“ für Missbrauch an Schulen und Internaten fordere. Es sei richtig, jetzt „soviel Klarheit zu schaffen wie möglich“ – und zwar an allen Schulen und Bildungseinrichtungen, denn „diese schmerzhafte Frage betrifft ja nicht nur die katholischen Einrichtungen“.

Am Dienstagnachmittag meldete sich schließlich auch Vatikansprecher Federico Lombardi zu Wort, ebenfalls bemüht, deutlich zu machen, dass es sich bei den Missbrauchsskandalen nicht allein um ein kirchliches Phänomen handle: „Vielleicht kann die schmerzhafte Erfahrung der Kirche eine nützliche Lehre auch für andere sein.“ Auch der Jesuit stellte sich hinter den umfassenden Runden Tisch in Deutschland und lobt die Entschlossenheit der deutschen Bischöfe zur Aufklärung des Geschehenen. Bundeskanzlerin Merkel habe Recht, wenn sie die „Ernsthaftigkeit und den Einsatz der deutschen Kirche“ für Aufklärung würdige. Natürlich, so räumte Lombardi ein, seien „Fehler von kirchlichen Einrichtungen und Verantwortlichen besonders abscheulich, weil die Kirche ja eine besondere erzieherische und moralische Verantwortung hat“. Doch müsse man die Frage auch „viel weiter stellen“ und die Anklagen nicht nur „auf die Kirche konzentrieren“. Lombardi verwies dabei auf offizielle Zahlen aus Österreich: In einem bestimmten Zeitraum habe es dort siebzehn Missbrauchsfälle an kirchlichen, aber 510 an nichtkirchlichen Einrichtungen gegeben. „Es ist durchaus angezeigt, sich auch um letztere Gedanken zu machen“, so der Vatikansprecher.

Am Mittwoch dann landete wiederum das jüngste Interview von Prälat Georg Ratzinger über Prügelstrafen in früheren Zeiten auf den Seiten eins der Zeitungen. Der Papstbruder ist immer für eine Meldung gut. Und ob Fernsehen oder gedruckte Medien: Alles wartet nun auf den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, der morgen von Papst Benedikt empfangen wird. Den Medienrummel, der den Besuch der irischen Bischöfe im Vatikan umgab, wird sich auch Erzbischof Zollitsch nicht ersparen können.

Derzeit ist den italienischen Medien alles recht, um Papst und Vatikan mit Themen festzunageln, die nun gar nichts mit dem Auftrag der Kirche zu tun haben. Da genügte vergangene Woche ein vierzigjähriger Nigerianer, der zwar nichts mit der römischen Kurie zu tun hat, aber in einem der beiden Chöre der Vatikanbasilika singt. Telefonüberwachungen hatten ergeben, dass er einem hochgestellten Beamten Strichjungen für Homo-Partys zugeführt hatte. Seine Entfernung aus dem Chor war sofort eine Meldung für Seite eins. Wie auch der Beamte selbst, Angelo Balducci, der wegen Korruptionsverdacht im Gefängnis sitzt. 1995 war er zum „Gentiluomo di Sua Santita“ ernannt worden, zum „Ehrenmann des Papstes“, womit er gewisse repräsentative Aufgaben bei offiziellen Empfängen im Vatikan wahrnehmen darf und zur so genannten „Päpstlichen Familie“ gehört. Auch der vom Sockel gestürzte „Ehrenmann“ war in den vergangenen Tagen von den Aufmacherseiten der Zeitungen nicht wegzubekommen.

Kardinal Ratzinger sorgte für konsequentes Vorgehen

In den kommenden Wochen nähert man sich dem 19. April, dem fünften Jahrestag der Wahl Kardinal Joseph Ratzingers zum Papst. Es wäre Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen, die großen Themen dieses Pontifikats nachzuzeichnen und weiterzudenken und auch in den Medien die Aufmerksamkeit auf die besonderen Anliegen des bayerischen Papstes zu richten. Stattdessen, so der medial vermittelte Eindruck, versinkt der Vatikan in einem Sumpf von tatsächlichen Skandalen, Falschmeldungen und schlüpfrigen Affären – ein Sumpf, den er selber gar nicht trocken legen kann. In der fast hysterischen Aufregung um die Missbrauchsskandale vergessen selbst angesehene Zeitungen ihre eigene solide Berichterstattung. Zum Beispiel „La Repubblica“, das Blatt der Laizisten. Nicht kirchenfreundlich eingestellt, aber von Profi-Journalisten mit sauberen Recherchen über Vatikan und Kirche versorgt, hatte die Zeitung über Jahre immer wieder dargestellt, dass es Kardinal Joseph Ratzinger war, der mit Einverständnis Johannes Pauls II. im Jahr 2001 Missbrauchsfälle in der gesamten Kirche zur Chefsache der Glaubenskongregation gemacht und dafür gesorgt hatte, dass die Ahndung solcher Vergehen in den Diözesen und Orden nicht mehr auf eigene Faust betrieben und möglicherweise auch verschleppt werden kann. Dass der Fall Marcial Maciel neu aufgerollt werden konnte, verdanken die Legionäre Christi dieser Null-Toleranz-Politik Ratzingers. „La Repubblica“ hat das in verschiedenen Beiträgen – etwa im Jahr 2002 und zwei Mal im Oktober 2006 – korrekt gewürdigt. Doch vorgestern nun gibt die Zeitung ausgerechnet die falschen Darstellungen der deutschen Justizministerin Leutheuser-Schnarrenberger (FDP) wieder, die dem Irrtum aufgesessen war, unter dem Glaubenspräfekten Kardinal Ratzinger habe der Vatikan mit dem so genannten „päpstlichen Geheimnis“ (secretum pontificium) Missbrauchstäter im Klerus dem Zugriff entzogen. „La Repubblica“ hatte selber immer berichtet, wie es wirklich war – jetzt transportiert man die Äußerungen einer schlecht informierten Ministerin in das gleiche Lesepublikum.

Wie soll der Vatikan gegen diese Mischung aus tatsächlichen Skandalen, die nach vierzig, fünfzig Jahren auf einen Schlag publik werden, aber auch schlechter Recherche und bisweilen böser Absicht vorgehen? In Rom scheint man ratlos. Demnächst erscheint der Brief Benedikts XVI. zu den Missbrauchsskandalen in der Kirche Irlands. Deutschland, Österreich und die Niederlande kommen nun hinzu. Die Geißel des Kindesmissbrauchs in der Kirche, gegen die Kardinal Ratzinger so entschieden vorgegangen war, hat Benedikt XVI. wieder eingeholt.