Die Frage

Zu den Lesungen des Fronleichnamstages: Was ist Leib Christi und was ist Fleisch Christi? Von Ingeborg Rüttermann

die frage

Die Lesungen am Fronleichnamstag („Ist das Brot, das wir brechen nicht Teilhabe am Leib Christi...“ 1 Korinther 10, 16/ „Das Brot, das ich euch geben werde, ist mein Fleisch.“ Johannes 6, 51) stammen aus verschiedenen neutestamentlichen Traditionen. Während die Lesung aus dem ersten Korintherbrief des Apostels Paulus im Zusammenhang mit der Unvereinbarkeit von Herrenmahl und Götzenopfermahl deutlich machen will, dass wir durch die Feier des Brotbrechens (Eucharistie) teilhaben an der Gemeinschaft mit Christus und untereinander, geht es dem Verfasser des Johannesevangeliums in der berühmten Brotrede (Joh 6, 22–59) mehr um die Bedeutung dessen, was Jesus für uns getan hat, letztlich seine Hingabe am Kreuz in Fleisch und Blut. In beiden Fällen ist aber der Bezug zur Eucharistie erkennbar, weswegen sie auch als Lesungstexte für Fronleichnam ausgesucht wurden.

Der Begriff „Leib Christi“ kann in zweierlei Weise verstanden werden. Zum einen ist er Bezeichnung für das konsekrierte Brot bei der Eucharistie, in der bei der Kommunionausteilung genau dies als Spendewort gesagt wird: „Der Leib Christi.“ Auch in den Einsetzungsworten der heiligen Messe ist vom „Leib“ (griech. soma) die Rede. Darüber hinaus spielt der Begriff aber im Zusammenhang mit der kirchlichen Gemeinschaft eine wichtige Rolle. Hier bedeutet „Leib Christi“, dass wir als Christen alle Glieder des einen Leibes sind, dessen Haupt Christus ist. Im Bild der Kirche als „Leib Christi“ wird deutlich, dass wir zusammen einen Leib bilden und aufeinander angewiesen sind, ähnlich wie das Ohr auf das Auge oder die Hand auf den Fuß (vgl. 1 Kor 12, 15–17).

So wird der Begriff „Leib Christi“ zu einer Metapher, durch die das Zueinander und Miteinander in der christlichen Gemeinschaft deutlich wird. Dass der Empfang des Leibes Christi in der heiligen Messe sehr eng verbunden ist mit dem Leben als Leib Christi (auch über die Messe hinaus), wird am schönsten in einem Satz zum Ausdruck gebracht, der dem heiligen Augustinus zugeschrieben wird: „Empfangt, was ihr seid: Leib Christi; damit ihr werdet, was ihr empfangt: Leib Christi.“ In der Stelle aus 1 Korinther 10, 16 klingt beides an. Die Teilhabe an dem einen Brot, das der Leib Christi ist, führt zur Gemeinschaft mit Christus und untereinander.

Der Abschnitt des Johannesevangeliums, der an Fronleichnam verkündet wird (Joh 6, 51–58), geht demgegenüber nicht primär von der kirchlichen Dimension der Gemeinschaft aus. Vielmehr wird hier im Anschluss an den Prolog des Evangeliums vom „Fleisch“ (griechisch sarx) gesprochen. Dort heißt es: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Johannes 1, 14). Dies bedeutet zunächst nichts anderes als die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, freilich in einer sehr drastischen Ausdrucksweise, die den Verfasser vielleicht von den Gnostikern, für die Gott rein geistig zu verstehen ist, absetzen sollte. In der Brotrede in Johannes 6 wird dieser Teil auch als eucharistischer Abschnitt bezeichnet. Allerdings muss man dann aufpassen, dass man nicht in ein falsches Verständnis der Eucharistie gerät. In keinem der Abendmahlsberichte wird nämlich vom „Fleisch“ gesprochen, sondern immer nur vom „Leib“. Außerdem ist in den Abendmahlsberichten von einem echten Essen und Trinken die Rede, während es bei Johannes um ein „Essen“ und „Trinken“ im übertragenen Sinn geht. „Fleisch“ und „Blut“ stehen hier zum einen für das wirkliche Menschsein Jesu („ein Mensch aus Fleisch und Blut“), zum anderen weisen sie auf die Lebenshingabe Jesu am Kreuz hin. Die Stelle muss daher im Zusammenhang gesehen werden mit dem Manna und dem Himmelsbrot, von dem davor die Rede war, und dem Bleiben in Christus. Jesus selbst, der aus Fleisch und Blut besteht, ist für diejenigen, die an ihn glauben, „wahrhaft“ eine Speise und ein Trank. Wenn man die Rede vom „Fleisch“ an dieser Stelle zu wörtlich nimmt und versucht, sie eucharistisch auszulegen, kann dies zu Missverständnissen führen. Vielmehr gilt es, in dem Begriff des „Fleisches“ Christi seine bedingungslose Selbsthingabe bis zum Tod am Kreuz zu verstehen.

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