Die Familiensynode taumelt

Kein Konsens zu Homosexualität und Kommunionempfang der Wiederverheirateten. Von Guido Horst

Welches Bild jemand von der Synode gewinnt, hat er auch selbst in der Hand. Brüche und Spaltungen unter den Teilnehmern sind bereits offen zutage getreten. Foto: dpa
Welches Bild jemand von der Synode gewinnt, hat er auch selbst in der Hand. Brüche und Spaltungen unter den Teilnehmern ... Foto: dpa

Rom (DT) „Kommando zurück!“: So klang es ein wenig, als Vatikansprecher Federico Lombardi SJ am Dienstagmittag erneut vor die Berichterstatter trat und zusammenfasste, wie es am Montag in der Synodenaula weitergegangen war, nachdem der ungarische Kardinal Peter Erdö dort als Generalrelator der Bischofssynode den Zwischenbericht nach der Debatte der Synodenväter in der ersten Sitzungswoche vorgetragen hatte. Die Synode hat ein wenig den Kopf verloren, könnte man den Eindruck haben – was sich jetzt nicht zuletzt darin zeigt, dass einige „Schwergewichte“ auf der Synode sehr kritische Interviews geben. Am weitesten ging der amerikanische Kardinal Raymond Burke, Präsident des obersten Vatikangerichts, der im Interview mit der von Giuliano Ferrara geführten Ideen-Zeitung „Il Foglio“ die täglichen Medieninformationen im Pressesaal des Vatikans kritisierte. „Ich weiß nicht, wie das Briefing gedacht ist, aber mir kommt es so vor, dass etwas nicht gut läuft, wenn die Information manipuliert daherkommt.“

Eine stattliche Anzahl von Bischöfen akzeptierten die Idee der Öffnung gegenüber den wiederverheirateten Geschiedenen nicht, „aber nur wenige wissen das“, so Burke. Man spreche nur von der Notwendigkeit, dass sich die Kirche für die Bittgesuche der Welt, von denen Kardinal Kasper im Februar gesprochen habe, öffnen müsse. Dabei seien seine Thesen über die Familie und über eine neue Regelung im Hinblick auf die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene „in Wirklichkeit nichts Neues. Darüber wird ja schon seit dreißig Jahren diskutiert.“

Auch der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislaw Gadecki von Posen, lehnte den von Kardinal Erdö vorgetragenen Bericht ab. Gegenüber Radio Vatikan sagte er, diese „Relatio“ nach der ersten Synodenwoche sei für viele Bischöfe nicht annehmbar, sie entferne sich von der Lehre des heiligen Johannes Paul II. und lasse eine klare Vision vermissen. Insgesamt hinterlasse die Relatio „den Eindruck, dass die kirchliche Lehre bisher unbarmherzig gewesen sei und als ob man erst jetzt beginne, die Barmherzigkeit zu lehren“, sagte Gadecki. Stattdessen hätten gar Spuren einer gegen die Ehe gerichteten Ideologie Eingang in den Text gefunden. Der Posener Erzbischof kritisierte auch eine zu wohlwollende Bewertung von eheähnlichen Lebensgemeinschaften und eine mögliche Billigung der Kindererziehung durch gleichgeschlechtliche Paare. Der Zwischenbericht scheine „alles zu akzeptieren, was es gibt“.

Auch Vatikansprecher Lombardi bestätigte dann am Dienstag ganz offiziell vor den Journalisten, dass es am Montagnachmittag nach der Vorstellung des Zwischenberichts eine heftige Aussprache gegeben habe. Von 41 Wortmeldungen ist die Rede. Einige Redner hätten deutlichere Worte zur Unauflöslichkeit des Ehesakraments angemahnt, hieß es in der Darstellung Lombardis. Der Text konzentriere sich zu sehr auf die Situation unvollkommener Ehen und stelle zu wenig die Schönheit der lebenslangen Treue heraus. Die Kritiker warnten vor einer „Verwirrung“ durch den Begriff der „Gradualität“. Damit bezeichnete der Zwischenbericht die Möglichkeit, dass auch viele nicht der katholischen Lehre entsprechende Partnerschaften, etwa von wiederverheirateten Geschiedenen, sittlich wertvoll sein könnten.

Deren Wiederzulassung zur Kommunion könne schnell zur Regel werden, befürchteten die Kritiker in der Synodenaula. Sie bemängelten außerdem, dass der Begriff der Sünde in dem Bericht so gut wie gar nicht vorkomme, und warnten dabei vor einer Annäherung an den Zeitgeist. Als weiteren Kritikpunkt nannte der Vatikansprecher in seiner Darstellung vom Dienstag die entgegenkommenden Ausführungen des Zwischenberichts über Homosexuelle. Die Kirche müsse diese Menschen willkommen heißen, aber „mit der richtigen Vernunft“, hieß es. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, die Kirche vertrete eine positive Wertschätzung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Vor allem unter afrikanischen Bischöfen, so ist aus der Synodenaula zu hören, ist diese Befürchtung sehr groß.

Nicht hilfreich bei der Verkündigung der Lehre

Pater Lombardi saßen zwei Kardinäle zur Seite – ebenfalls „Schwergewichte“ der Synode: der Schwarzafrikaner Wilfrid Fox Napier, Erzbischof von Durban in Südafrika, und der Italiener Fernando Filoni, Präfekt der Missionskongregation „Propaganda Fide“. Filoni berichtete von einer gewissen „Perplexität“ der Synodenväter angesichts des Medienechos, das die Beratungen in der Synodenaula finden. Napier zeigte sich gar nicht zufrieden über einzelne Formulierungen des Zwischenberichts. Zuweilen erwecke das Dokument den Eindruck, die Positionen seien Konsens der gesamten Synode. Wörtlich sagte der Kardinal zu der„Relatio“: „Nicht sehr hilfreich bei der Verkündigung der Lehre der Kirche!“ Das Dokument sei aber nur ein Arbeitspapier, über das in dieser Woche in den so genannten zehn Sprachzirkeln intensiv diskutiert werde. Viele Medien berichteten aber so, als gebe es bereits Beschlüsse.

Wenn viele Zeitungen auch keine wirklichen Beschlüsse präsentieren, so geben doch die meisten ein sehr verwirrendes Bild von der Bischofsversammlung. Der bereits zitierte „Foglio“ titelte am Mittwoch über die ganze Seite eins: „Der Sex pflügt den Weinberg um – Die Synodenväter im Krieg – Harsche Kritik an der Relation von Kardinal Erdö: ,Sie entspricht nicht der wirklichen Debatte‘“. Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, hatte schon vor einer Woche gefordert, dass die Redebeiträge der Synodenväter veröffentlicht werden sollten, wie es in früheren Jahren der Fall gewesen sei. Die Gläubigen hätten ein Recht zu erfahren, was ihre Bischöfe hier sagten. Da das aber offensichtlich nicht der Fall sein wird, ist man auf die verwirrende Kommunikation des vatikanischen Presseamts angewiesen – und das entsprechende Echo der Medien. Hinter dem Presseamt steht aber auch das Generalsekretariat der Synode, das von Kardinal Lorenzo Baldisseri geleitet wird. Dieser tritt kaum noch in Erscheinung.

Ob die Synode zu einem breiteren Konsens zurückfinden wird, ist offen. Nur noch heute debattieren die Synodenväter in den Sprachzirkeln, dann geht es morgen und am Samstag an die Abfassung und Diskussion des Abschlussberichts, der so genannten „Relatio synodi“, die für den Papst bestimmt ist und als Vorbereitungsdokument der Synode im Herbst 2015 dient. Nur dann, wenn man erfahren sollte, wie die Bischöfe und Kardinäle über die einzelnen Abschnitte dieser „Relatio synodi“ – also auch über die zu den homosexuellen Paaren und zum Kommunionempfang der Wiederverheirateten – abstimmen werden, lässt sich ein Bild von den Mehrheitsverhältnissen auf dieser Synode zeichnen. Über die definitiven Ergebnisse zur Ehe- und Familienpastoral auf der Synode im kommenden Jahr, die drei Wochen dauern wird, lässt sich noch gar nichts sagen.