Die Exerzitien des Ignatius von Loyola

Das dreißigtägige Schweigen ist keine Gehirnwäsche, sondern ein Weg zu Gott – Entscheidend ist ein guter geistlicher Begleiter

Der liebe Gott schreibt auf krummen Zeilen gerade, sagt der Volksmund. Das Leben des spanischen Heiligen, dessen Gedenktag die Kirche gestern beging, ist geradezu ein Paradebeispiel dafür: 1491 auf Schloss Loyola im Baskenland geboren, fiel er zunächst durch seinen Mut beim Glücksspiel, bei Frauengeschichten und Raufhändeln auf. In seiner Biographie heißt es, er sei allen „Eitelkeiten der Welt“ zugetan gewesen. Während der Belagerung von Pamplona wurde er durch eine Kanonenkugel der Franzosen schwer am Bein verletzt. Auf dem monatelangen Krankenlager las er geistliche Schriften, die ihn tief berührten. Er stellte fest, dass diese ihm eine Seelenruhe verschafften, die er bis dahin nicht gekannt hatte. Der junge Mann bekehrte sich und begann konsequent seine wahre Berufung zu suchen. Er weihte sein Leben Gott und der Kirche als dem konkret erfahrbaren, mystischen Leib Christi. Ignatius verbrachte Monate im Gebet und strenger Askese in einer Höhle.

Schließlich lernte er, in seinen geistlichen Betrachtungen zwischen Gedanken und Vorstellungen zu unterscheiden, die ihn milde und glücklich stimmten, und solchen, die bei ihm innere Unruhe auslösten. Das war der Anstoß zu den berühmten „geistlichen Übungen“. In Paris sammelte er eine Gruppe von Gleichgesinnten um sich (die späteren Jesuiten) und baute diese „geistlichen Übungen“ oder „Ignatianischen Exerzitien“ im Laufe der Jahre zu einem spirituellen Meisterwerk aus.

Der Verfasser hatte vor einigen Jahren die Gelegenheit, an den dreißigtägigen Schweigeexerzitien teilzunehmen. Eine gewisse Angst vor Gehirnwäsche oder davor, zu einem willenlosen Instrument fanatischer Glaubensboten zu werden, lag ihm im Vorfeld im Magen. Mitunter wird ein Zitat aus den geistlichen Übungen aus dem Zusammenhang gerissen und als Beleg für diese Ängst missbraucht: „...von dem Weißen, das ich sehe, glauben, dass es schwarz ist, wenn die hierarchische Kirche es bestimmt...“ heißt es an einer Stelle. Aber nichts könnte falscher verstanden werden.

Denn modern gesprochen geht es in den Exerzitien des Ignatius um Selbstverwirklichung. Dazu muss man das Wort „Selbstverwirklichung“ aber genauer betrachten: Als Mensch selbst wirklich, echt und glücklich zu werden, setzt voraus, dass man so wird, wie Gott selbst einen in der Schöpfung ursprünglich gemeint hat. Also muss man in allem zunächst den höheren Willen Gottes suchen, um in Gottes Plan eine endgültige Heimat zu finden. „Prinzip und Fundament“ menschlichen Lebens heißt für Ignatius: „Der Mensch ist dazu geschaffen, um Gott, unseren Herrn, zu loben, ihm Ehrfurcht zu erweisen und zu dienen und mittels dessen seine Seele zu retten.“

Die Doktrin der Kirche ist ein Kriterium für den Weg zu Gott

Alles Weitere ist dazu geschaffen, den Menschen bei diesem Bestreben zu unterstützen. Ein Kriterium dafür, was zu Gott führt, ist die Lehre der Kirche. Deshalb sollen wir nicht nur unserem eigenen Spatzenhirn glauben, sondern auch der Kirche Gottes und ihren Repräsentanten. Selbst wenn manches, was sie sagen, uns mitunter vorkommt, als würde man uns Weißes als etwas Schwarzes verkaufen wollen.

Vier bis fünf Mal am Tag meditiert der Exerzitant je eine Stunde lang eine Stelle aus der Bibel oder eine Meditationsvorgabe aus dem Exerzitienbuch des Ignatius. Berühmt ist beispielsweise die Meditation von den zwei Armeen, den zwei Heerbannern, dem des Teufels und dem Jesu Christi. Ignatius malt sie uns mit der schillernden Lebendigkeit der mittelalterlichen Vorstellungswelt aus. Für welche Seite entscheidet man sich in seinem Leben, wenn einem Ziele und Mittel dieser beiden Scharen genauestens vor Augen geführt werden? Möglichst sinnlich soll man sich die zu meditierende Szene vorstellen und dann betrachten, welche Gedanken und Vorstellungen einen zufrieden und welche einen unzufrieden machen, welche ablenken, langweilen oder gar einlullen und welche heilsam aufrütteln. Diese Beobachtungen bespricht man einmal am Tag mit dem Exerzitienbegleiter, schweigt aber (bis auf wenige Erholungstage) ansonsten während der ganzen Zeit.

Das Evangelium entfaltet seine Wirkung in der Stille

Diese „Unterscheidung der Geister“ zeigt auf recht einfache Weise, ob man sich auf dem guten Weg – dem zu Gott – oder auf dem berüchtigten Holzweg befindet. Meis-tens, so eine Feststellung des Autors, spürt man schon im Herzen, welche Gefühle und Entscheidungen richtig und welche falsch sind. Gibt es Entscheidungskonflikte, so hilft Ignatius mit einer Reihe von Erkenntnissen über das Verhalten der guten und der bösen Geister und mit praktischen Tipps. Diese finden sich übrigens heute in abgewandelter Form auch in Management-Lehrbüchern. So kann man beispielsweise, immer begleitet vom Gebet, alle Gründe für und wider eine Angelegenheit genau auflis-ten, sie sorgfältig abwägen, schließlich abzählen und dann entscheiden.

Erstaunlich ist auch, dass einen bei den Betrachtungen Fragen oder Evangelienstellen anrühren, von denen man das nicht erwartet hätte. So merkt man, welche Probleme eigentlich ungelöst in einem schlummern. Dabei handelt es sich oft um ganz andere Anliegen als die, die man glaubte, lösen zu müssen. Bei den geistlichen Übungen soll man gut essen, viel schlafen und spazieren gehen. Auch die tägliche Mess-feier ist ein fester Bestandteil.

Natürlich sind die Ignatianischen Exerzitien damit nur sehr grob umrissen. Was in dem nüchtern geschriebenen Exerzitienbuch wie eine Sammlung von Kochrezepten anmutet, füllt sich erst im praktischen Vollzug. Man erlebt neben Momenten tiefs-ter Betrübnis auch Augenblicke inniger Freude. Vieles hängt davon ab, ob man einen guten Exerzitienbegleiter hat. In Vorgesprächen sollte man sich klar darüber werden, ob man miteinander auskommt. Statt eines psychologisierenden „Zeitgeistbetreuers“ ist eher ein erfahrener, traditionell gesinnter Begleiter zu empfehlen.

Jedem Exerzitant wird irgendwann der Gedanke kommen, dass sich ein Mensch allein diese geistlichen Übungen nicht ausdenken konnte. Die göttliche Inspiration begegnet einem auf Schritt und Tritt. Die Exerzitien des Ignatius ähneln einer großen Schatzkiste, aus der man noch nach Jahren Anregungen, Trost und Hilfe wie Juwelen hervorholen kann.

Ignatius starb am 31. Juli 1556. Er hinterließ einen straff organisierten Orden mit über tausend Mitgliedern. Die unbedingte Loyalität zur päpstlichen Kirche und die soldatische Strenge, die Ignatius so wichtig waren, findet man allerdings heute, beispielsweise bei den deutschen Jesuiten, nur noch selten. Mit einem Frauenzweig seines Ordens konnte sich der ehemalige Soldat nie recht anfreunden, wiewohl sich manche weibliche Ordensgemeinschaft später an seine Spiritualität anlehnte. Ignatius wird man nur gerecht, wenn man sein von ritterlichen Idealen und den damaligen Glaubensvorstellungen geprägtes Denken berücksichtigt. Seine Grundbotschaft aber ist zeitlos: Alles zur höheren Ehre Gottes – Omnia ad maiorem Dei gloriam!