Die Crux mit der Tugendethik: Hintergrund

Schritt für Schritt näher zur Gnade – Amoris laetitia enthält Hilfen und Anforderungen für Beichtväter. Von Vincent Twomey SVD

Die Beichte ist ein Geschenk, dessen Entdeckung sich lohnt. Foto: Symbolbild: KNA
Die Beichte ist ein Geschenk, dessen Entdeckung sich lohnt. Foto: Symbolbild: KNA

Der Begriff des Gewissens, wie es in Amoris laetitia dargestellt wird, hat einiges an Kritik hervorgerufen. So wie der Begriff im Text benutzt wird, fehlt es ihm in der Tat an Klarheit und daher ist er potenziell irreführend. Manchmal steht er für eine kluge Abwägung (Nr. 37, 42, 265) und einmal für die Tugend der Klugheit (Nr. 265). Dreimal bezieht er sich allgemein auf die Gewissensbildung (Nr. 37, 222, 302). In einem entscheidenden Paragraphen (298) wird er zweimal benutzt, um das „Bewusstsein der moralischen Bedeutung“ zum Ausdruck zu bringen, obwohl er beim zweiten Mal als reines Gewissen im ausdrücklichen Sinne des Wortes verstanden werden könnte. Dass wir zur Selbsttäuschung neigen, wird nicht erwähnt (vgl. Ps 19, 12–13). Die als Gewissenserforschung bekannte geistliche Übung (wie bei der Vorbereitung auf die Beichte) wird zweimal erwähnt (Nr. 300, 302). Zur größten Kontroverse hat die Verwendung des Begriffs Gewissen in Nummer 303 geführt.

Zunächst ruft der Text (was mildernde Umstände in Bezug auf subjektive Schuld hinsichtlich vergangener Handlungen anbelangt) zu einer besseren Einbeziehung des Gewissens „in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen […], die objektiv unsere Auffassung der Ehe nicht verwirklichen“, auf. Das ist schön, aber was ist hier mit „Gewissen“ gemeint? Es heißt, es sei „notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen“. Was ist ein aufgeklärtes Gewissen? Ist es aufgeklärt durch die Morallehre der Kirche? Der Kontext scheint etwas anderes nahezulegen, da es heißt: „Doch dieses Gewissen kann nicht nur erkennen, dass eine Situation objektiv nicht den generellen Anforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch aufrichtig und ehrlich das erkennen, was vorerst die großherzige Antwort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit entdecken, dass dies die Hingabe ist, die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht.“

Das ist die Beschreibung einer klugen Abwägung, zu der man mittels des Prozesses der „Unterscheidung“ gelangt. Es ist nicht das, was die klassische Tradition „Synderesis“, Urgewissen, nennt. Ein Gewissen ist im engen Sinne des Wortes (nach Eric Voegelin unser Vermögen, Transzendenz zu empfinden), das durch unsere Begegnung mit der Wahrheit, dem Guten und dem Schönen geweckt wird. Wie die Wissenschaft (Pieper richtigstellend) jüngst gezeigt hat, kann das Urgewissen nicht mit der Tugend der Klugheit gleichgestellt werden, da es jeden Aspekt der Ausübung der Tugend abwägt (vgl. Stuart P. Chalmers: Conscience in Context: Historical and Existential Perspectives, 2013, S. 303–317). Und wenn wir vom Urgewissen sprechen, dann sprechen wir nicht länger über extrinsische „Regeln“ oder Leitlinien, sondern vielmehr über die moralischen Forderungen, die sich aus unserer gemeinsamen Menschheit ergeben. Gewissen im ursprünglichen Sinn des Wortes – verwurzelt in unserem Instinkt, Gutes zu tun und Böses zu lassen –, wie Newman es verstand und Joseph Ratzinger es in unseren Tagen erläutert hat, ist das, was uns als menschlich definiert; es ist das Maß jeder Motivation, jedes Handelns und aller Lebenslagen (einschließlich der Konsequenzen). Erleuchtet durch die Offenbarung bestätigt und erklärt die kirchliche Lehre, was wir alle in unserem tiefsten Herzen über die moralische Ordnung wissen, die unserem Dasein durch den Schöpfer eingeschrieben wurde (vgl. Röm 2, 14–15).

Ein fehlerhaftes Verständnis des Gewissens (seine Reduzierung auf eine kluge Abwägung oder eine Zusammenführung mit ihr), ermöglichte etwa der westdeutschen Bischofskonferenz in der Königsteiner Erklärung, der Lehre Pauls VI. beizupflichten, sie de facto jedoch durch den Rückgriff auf die proportionalistische Vorstellung des Gewissens – das heißt, das Gewissen auf eine kluge Abwägung zu reduzieren – zu unterminieren. Da dies hier ausgeschlossen werden kann, kann die Verwendung des Begriffs „Gewissen“ in Amoris laetitia in Nummer 303 nur heißen, eine kluge Entscheidung darüber zu treffen, wo ein Ehegatte in einer irregulären Situation im Hinblick auf sein Bestreben steht, in Übereinstimmung mit der vollen kirchlichen Lehre über die Ehe zu leben, und welche Schritte unternommen werden können, um dieses Ziel zu erreichen.

In seiner Ansprache an die Generalkongregation der Jesuiten erklärte Papst Franziskus, dass moderne Moraltheologie (mit ausdrücklicher Bezugnahme auf Bernhard Häring als Beispiel) nicht länger „Kasuistik“ ist und dass Amoris laetitia Teil der Wiederaufnahme der Moraltheologie des heiligen Thomas von Aquin ist. Ist es – die Tatsache beiseite lassend, dass die Moraltheologie, einschließlich der Tugendethik, nicht ohne den Rückgriff auf eine gewisse Form von Kasuistik operieren kann, wie Amoris laetitia in der Tat demonstriert – möglich, dass Amoris laetitia, wenn es Begriffe benutzt, die der postvatikanischen Schule des Proportionalismus entstammen, diese jetzt neu anwendet und zwar im Sinne der Tugendethik? Die traditionelle Liste von Faktoren, die subjektive Schuldhaftigkeit verhindern (Nr. 302), die in der legalistischen, manualistischen Tradition der Moraltheologie entwickelt wurde (bestimmt für die Ausbildung von Beichtvätern, um sie im „Forum internum“ zu benutzen) bezieht sich auf individuelles menschliches Handeln (in der Vergangenheit). Sie behält ihre Gültigkeit. Es ist richtig, daran zu erinnern, dass die Schuld oder die persönliche Verantwortung für vergangene Handlungen, die die Menschen in ihre gegenwärtige irreguläre Situation geführt haben, durch verschiedene Faktoren hätten gemildert werden können, so dass „es nicht mehr möglich (ist) zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten ,irregulären‘ Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben“ (Nr. 301; vgl. 305).

Amoris laetitia scheint über die Hilfe für Menschen zu sprechen, einen Weg aus ihrer derzeitigen, objektiv unrechtmäßigen Lage zu finden, so dass sie in größerer Übereinstimmung mit der Fülle der kirchlichen Lehre leben können. Mit anderen Worten: Es muss angenommen werden, dass es Menschen sind, deren Urgewissen erneut von Gott berührt worden ist, und die jetzt zeigen müssen, dass sie bereit sind, sich in ihrer irregulären ehelichen Situation auf die Enthaltsamkeit zuzubewegen – oder zumindest aufrichtig entschlossen sind, danach zu streben.

Diese Bereitschaft ist das, was das Apostolische Schreiben – an den heiligen Johannes Paul II. anknüpfend – als das Gesetz der Gradualität (vgl. Nr. 298) bezeichnet. Hier ist die Voraussetzung, dass der oder die Reumütige ehrlich erkennt, das seine oder ihre derzeitige Situation objektiv falsch ist – so wie es die Kirche lehrt und wie alle es in ihrem Herzen auf unvollständige Weise wissen. Weiter wird vorausgesetzt, dass er oder sie eine gewisse aufrichtige Bereitschaft zeigt, danach zu streben, in Übereinstimmung mit der kirchlichen Lehre zu leben (das heißt „keusch“, auch wenn der Begriff hier nicht verwendet wird), während ehrlich anerkannt wird, dass dies unter den gegenwärtigen Umständen aus verschiedenen Gründen, wie sie etwa in Nr. 298 erwähnt werden, sehr schwierig wäre. In einfachen Worten: der Reumütige muss Zeichen seines aufrichtigen Vorsatzes zur Besserung zeigen. In Fußnote 364 sagt der Papst: „Vielleicht aus Skrupel, der hinter einem großen Verlangen nach Treue zur Wahrheit verborgen ist, verlangen manche Priester von den Büßern einen Vorsatz zur Besserung ohne den geringsten Schatten. Damit verschwindet die Barmherzigkeit unter dem Streben nach einer vermeintlich reinen Gerechtigkeit“ (vgl. auch Fußnote 351).

Amoris laetitia bietet den Hirten eine Reihe von praktische Leitlinien an, um den Beichtvätern zu helfen, die Not der Gläubigen besser zu verstehen, die in eine solche Lage geraten sind, für die sie vielleicht nicht vollständig verantwortlich sind, und die Echtheit eines solchen Vorsatzes zur Besserung zu unterscheiden, wie schwach er auch sein mag. Hier könnte die Zulassung zu den Sakramenten möglich oder sogar empfohlen sein, so dass derjenige, der die Anleitung eines Priesters sucht, die Gnade empfängt, Schritt für Schritt auf dem Weg zum Ziel vollkommener Enthaltsamkeit vom Geschlechtsverkehr voranzukommen – trotz häufigen Versagens (vgl. vor allem Fußnoten 336, 351). An einer anderen Stelle ruft Papst Franziskus – Evangelii gaudium Nr. 44 zitierend – in Erinnerung, „dass ,ein kleiner Schritt inmitten großer menschlicher Begrenzungen […] Gott wohlgefälliger sein [kann] als das äußerlich korrekte Leben dessen, der seine Tage verbringt, ohne auf nennenswerte Schwierigkeiten zu stoßen‘“ (Nr. 305; siehe auch Nr. 60, 164, 271). Die häufige Erwähnung der Gnade in dem Schreiben erinnert uns daran, dass Gott es ist, der in den Seelen aller wirkt, die in einer irregulären Situation leben, und dass Ihm nichts unmöglich ist – etwas, das wir Hirten vielleicht nicht immer ernst genug nehmen. Das tut der Tatsache keinen Abbruch, dass die Reumütigen, wenn sie in ihrem Entschluss fehlschlagen, wieder zur Beichte gehen müssen, um sich lossprechen zu lassen und die Gnade zu empfangen, ihren Kampf fortzuführen.

Um auf die allgemeinere Frage zurückzukommen, wie sich das Apostolische Schreiben auf die Moraltheologie auswirkt, so scheint mir Amoris laetitia, wenngleich es viele Anschauungen und sogar teilweise die Sprache des Proportionalismus anklingen lässt, dessen Fallen jedoch zu umgehen, nämlich die Leugnung an sich falscher Handlungen (objektive Moral) oder die Vorstellung einer „optio fundamentalis“, einer Grundentscheidung (in Fußnote 344 wird nur die Kritik des heiligen Johannes Paul II. an dieser Vorstellung erwähnt). Man könnte sagen, dass jene Theologen, die anfangs die fundamentalmoralische Lehre von Humane vitae verteidigt haben, so darauf konzentriert waren, die Vorstellung an sich schlechter sittlicher Handlungen aufrechtzuerhalten, dass sie dazu neigten, die anderen beiden Reihen von Konditionen herunterzuspielen, die darüber entscheiden, ob ein menschlicher Akt gut oder böse ist, nämlich Motivation und Umstände. Letzteres wurde durch die Proportionalisten entwickelt, die absolute moralische Normen leugnen. Auch die klassische Unterscheidung zwischen objektiver Sündhaftigkeit und subjektiver Schuld, die im Beichtstuhl so wichtig ist, wurde tendenziell heruntergespielt oder sogar vergessen, vor allem von weltlichen Moraltheologen, die nicht über die Erfahrung verfügen, Beichte zu hören. Ein Körnchen Wahrheit in der Vorstellung der „optio fundamentalis“ stellte vielleicht die Einsicht dar, dass Moral mehr als isolierte, individuelle Handlungen umfasst. Der Rückgriff auf die Tugend scheint mir zu einem dynamischeren und persönlicheren Verständnis von Moral geführt zu haben: Jetzt wird die Bedeutung jeder sittlichen Handlung für das handelnde Subjekt erkannt, doch auch die Tatsache, dass jede besondere menschliche Handlung die folgende gleichsam positiv oder negativ bedingt und zu einem Habitus von Tugend oder Laster führt.

Natürlich wäre noch mehr dazu zu sagen, doch dies muss für den Augenblick reichen. Um es nochmals zu wiederholen: Amoris laetitia erwähnt einfach die „Möglichkeit“ der Zulassung zu den Sakramenten (in einer Fußnote!). Es wird kein generelles Vorgehen empfohlen. Der Text ruft zu Verständnis und Unterscheidung inmitten der Uneindeutigkeiten auf, die das Menschsein charakterisieren. In moralischen Dingen haben wir, wie schon Aristoteles erkannte, nicht die Eindeutigkeit mathematischer Exaktheit.

Doch man muss auch eingestehen, dass das Schweigen über absolute moralische Normen, gerade dort, wo man eine Erwähnung im Text erwartet haben würde, zu Missverständnisses führen kann, wenngleich ausdrücklich abgelehnt wird, dass Priester „schnell ,Ausnahmen‘ gewähren“ (Nr. 300). Und das scheint mir der Grund, warum die vier Kardinäle im Sinne des päpstlichen Aufrufs zur Offenheit (Parrhesia) in den Dubia um Klarstellung gebeten haben. Das ungenügende Verständnis der Tugendethik wird besonders deutlich in der Interpretation des heiligen Thomas (STh I–II, q 94, art. 4) in Nummer 304: „ Obgleich es im Bereich des Allgemeinen eine gewisse Notwendigkeit gibt, unterläuft desto eher ein Fehler, je mehr man in den Bereich des Spezifischen absteigt.“

Wie schon andere hervorgehoben haben, bezieht sich dies auf die allgemeinen Prinzipien des Naturgesetzes, nicht auf seine Verbote, die immer Geltung haben sollten. Die Bitte der vier Kardinäle um Klarstellung über die Verbote ist sowohl verständlich als auch dringend erforderlich. Die Glaubenskongregation braucht nur auf die übliche Weise mit einer einfachen Verneinung oder Bejahung auf die Dubia zu antworten, um die Dinge zu klären. Theologen und Hirten können dann beginnen, auf eine neue Synthese hinzuarbeiten. Denn auf dem Spiel steht die Frage der Existenz gewisser Handlungen, die von ihrer Natur her unserer nach dem Bild Gottes geschaffenen menschlichen Natur widersprechen und sich daher tief auf unsere Beziehung zu Gott und zu unserem Nächsten auswirken. Sie sind die durch das Urgewissen gesetzten, nicht verhandelbaren Grenzen, innerhalb derer jede kluge Abwägung vorgenommen wird. Ihre Existenz zu bezweifeln ist existenziell beunruhigend und unterminiert zudem den Auftrag der Kirche, die Menschheit zu befreien, indem in Liebe die Wahrheit gesagt wird.

Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Reimüller

US-Kardinal Raymond Burke hat seine Kritik an der Amtsführung von Papst Franziskus erneuert. Zudem deutete er an, nun sei es Zeit für eine formale Korrektur seiner Aussagen zur Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene. Der US-Wochenzeitung „The Wanderer“ sagte Burke in einem Interview: Papst Franziskus habe entschieden, auf die fünf kritischen Nachfragen zu seinem im Vorjahr veröffentlichten Apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ nicht zu antworten. „Daher ist es jetzt notwendig, klarzustellen, was die Kirche lehrt.“ Burke sagte nicht, für wann genau er eine solche „formale Korrektur“ plane. Ein solches Verfahren sei jahrhundertelang nicht mehr angewendet worden, zudem noch nie in Fragen der kirchlichen Lehre. Im Kirchenrecht ist ein solches Verfahren allerdings nicht geregelt. Von der Form her, sagte Burke, würde eine solche Zurechtweisung einerseits die kirchliche Lehre darstellen und andererseits das, was vom aktuellen Papst tatsächlich gelehrt wird. Im Dezember 2016 hatten Burke und drei weitere Kardinäle Papst Franziskus einen Brief geschickt. Darin legten sie ihm fünf kritische Fragen („Dubia“) vor, besonders zu seinem Lehrschreiben „Amoris laetitia“ über Ehe und Familie vom April 2016. DT/KAP/KNA