Die Bischöfe schlagen den „synodalen Weg“ ein

Im Kampf gegen die Krise bringen die deutschen Bischöfe altbekannte Reformfragen uf den Tisch. Sie wünschen sich verbindliche Ergebnisse. Von Kilian Martin

Abschluss Deutsche Bischofskonferenz
Kardinal Reinhard Marx tritt bei der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Lingen vor die Presse. Foto: dpa

In der katholischen Kirche in Deutschland wird weiter diskutiert – künftig in Form eines „synodalen Prozesses“. Diese Absichtserklärung ist das zählbare Ergebnis langer Verhandlungen der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in der vergangenen Woche in Lingen. Ein halbes Jahr nachdem die sogenannte MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch durch Geistliche die Kirche erschütterte, wollen die deutschen Bischöfe damit die Aufarbeitung des Skandals vorantreiben. Die „systemischen Fragen“, die das Kirchenvolk im Licht der jüngsten Missbrauchskrise nun debattieren soll, drehen sich um die Machtverhältnisse in der Kirche, den Zölibat und die kirchliche Sexualmoral. Wie der DBK-Vorsitzende Kardinal Reinhard Marx erklärte, hätten die deutschen Bischöfe einstimmig beschlossen, diese Fragen zur Diskussion zu stellen. Die Entscheidung sei in der letzten halben Stunde des viertägigen Frühjahrstreffens der deutschen Bischöfe gefallen.

Wie genau der „verbindliche synodale Weg“ aussehen soll, in dem die genannten Fragen zu diskutieren sind, konnte Marx am Donnerstag vergangener Woche noch nicht mitteilen. Die drei Themengebiete sollen nun in „Foren“ weiter beleuchtet und zur Debatte vorbereitet werden. Verantwortlich dafür zeichnen die Bischöfe Karl-Heinz Wiesemann für den Bereich Macht und Gewaltenteilung, Felix Genn für die Fragen der priesterlichen Lebensform und Franz-Josef Bode für das Feld der kirchlichen Sexualmoral.

Nicht wenige seiner Amtsbrüder in Deutschland hätten die Veröffentlichung der MHG-Studie als Zäsur empfunden, sagte Marx nun mit einem halben Jahr Abstand. Dabei gehe es weniger um neue Erkenntnisse über das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs im Bereich der Kirche als vielmehr um die von den Wissenschaftlern dargestellten „systemischen Ursachen“ und die daraus resultierenden Reformforderungen. Diese würden nicht zuletzt auch in der Bischofskonferenz selbst kontrovers diskutiert, wie der Vorsitzende betonte.

Ein Beispiel ist die Debatte um die Ehelosigkeit der Priester. „Die Frage ist erlaubt und berechtigt – auch manche Bischöfe stellen sie –, ob Weihe und zölibatäre Lebensform immer verbunden sein müssen“, sagte Marx in Lingen. Gleichwohl müsse bei allen Diskussionen die Einheit der Kirche und ihre Tradition gewahrt werden. Der Wunsch der Bischöfe nach einer strukturierten Debatte bedeute aber nicht zwangsläufig, dass man den Zölibat abschaffen wolle, weil das nun seit 40 Jahren gefordert werde. Ohnehin gehe es beim „synodalen Prozess“ nicht darum, einen „deutschen Sonderweg“ einzuschlagen, sagte Marx. Angesichts der Themenliste würde man am Ende vermutlich einen Brief nach Rom schicken, wo die Fragen zu beantworten seien. Derzeit sei die Kirche in Deutschland die einzige Ortskirche, die sich den „systemischen Fragen“ des Missbrauchs stelle, weshalb man die Entwicklung in der Weltkirche nicht abwarten wolle.

Wie Marx am Donnerstag nach Abschluss der Vollversammlung den wartenden Journalisten erklärte, habe er unmittelbar zuvor bereits einen ersten Mitstreiter für den „synodalen Prozess“ gewinnen können.

Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, habe die Kooperation seines Verbands direkt zugesagt. Gegenüber der Münsteraner Bistumszeitung „Kirche+Leben“ mahnte er jedoch am gleichen Tag eine hohe Verbindlichkeit und Klarheit über die Themen der anstehenden Debatten an. Zugleich bedauerte Sternberg, dass die Bischöfe nicht auch „den Frauendiakonat und die Priesterweihe für bewährte verheiratete Männer“ auf die Liste der zu diskutierenden Reformen gesetzt hatten.

Theologen fordern Debatte über Lehrfragen

Deutliche Forderung nach Reformen hatten bei der DBK-Vollversammlung bereits mehrere Theologen in ihren Beiträgen zum Studientag der Bischöfe über die Missbrauchskrise vorgebracht. Dort sprach unter anderem der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff über die kirchliche Sexualmoral. Deren „normativen Postulate“, referierte er vor den Bischöfen, hätten „an den Erkenntnissen verschiedener Humanwissenschaften über die Sinndimension menschlicher Sexualität keinen Rückhalt mehr“. Wie Marx später berichtete, hätten mehrere Bischöfe ausdrücklich Schockenhoffs Ansicht geteilt, dass in dieser Frage Gesprächsbedarf bestehe. „Da gibt es unterschiedliche Meinungen, natürlich, aber es muss geredet werden“, so der Kardinal.

Schon zur Einführung in den Tag hatte die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop ausdrücklich gelobt, dass über die anstehenden Fragen nun überhaupt eine Debatte geführt werde, welche lange nicht gewünscht gewesen sei. „Ich gehe davon aus, dass einige von Ihnen diese Tradition der Tabuisierung gern fortgeschrieben hätten“, sagte Knop. Wie aus Teilnehmerkreisen später zu erfahren war, gab es zu ihren Ausführungen keinen unmittelbaren Widerspruch.

Insgesamt hätten die Bischöfe intensiv, aber sachlich diskutiert. „Am Ende war es kontrovers, ja. Wir haben wirklich offen miteinander geredet und freimütig, aber doch gemeinsam und auf hohem Niveau“, erklärte Marx zum Abschluss der bischöflichen Beratungen. Angesichts der nun aufgeworfenen Fragen dürfte es auch künftig kontrovers zugehen. Welches Niveau der „synodale Prozess“ erreichen wird und ob es dabei auch weiterhin gemeinschaftlich zugehen wird, bleibt hingegen abzuwarten.