„Die Augen der Afrikaner sind auf den Papst gerichtet – wie nie zuvor“

Der äthiopische Prinz und Bestsellerautor Asfa-Wossen Asserate setzt große Erwartungen in die aktuelle Reise des Heiligen Vaters. Von Stephan Baier

Der mit seinen Büchern berühmt gewordene Asfa-Wossen Asserate ist ein Großneffe des letzten Kaisers von Äthiopien, Haile Selassie. Er lebt heute in Frankfurt. Foto: dpa
Der mit seinen Büchern berühmt gewordene Asfa-Wossen Asserate ist ein Großneffe des letzten Kaisers von Äthiopien, Haile... Foto: dpa
Papst Franziskus ist am Mittwoch zu seiner ersten Afrika-Reise aufgebrochen. Bis 30. November besucht er nun Kenia, Uganda und die Zentralafrikanische Republik. Welche Botschaft erwarten die Menschen, die Völker und Volksgruppen Afrikas von ihm?

Es geht meines Erachtens um drei wichtige Fragen: An erster Stelle steht die Familienplanung. Für Afrika ist die Frage: Wie sieht es mit der Bevölkerungsexplosion aus? Und was hat uns der Heilige Vater dazu Neues zu sagen? Ich will nun die Debatte über die Pille nicht wieder aufkommen lassen. Es geht vielmehr darum, dass der Papst unseren afrikanischen Schwestern und Brüdern sagt, welche Verantwortung es in dieser modernen Welt ist, Kinder zu erziehen. Die Bevölkerungsexplosion ist in Afrika bis heute nicht eingedämmt worden: Als ich Äthiopien 1974 verließ, hatte Addis Abeba eine Bevölkerung von 500 000 Menschen, heute sind es 7,5 Millionen. Äthiopien hatte damals eine Gesamtbevölkerung von 25 Millionen, heute dagegen 90 Millionen. Egal wie gut die afrikanischen Politiker wirtschaften mögen: Sie werden es nicht schaffen können, diese Bevölkerungsexplosion, die zwischen drei und vier Prozent liegt, erfolgreich zu bewältigen, wenn sie nicht eine tragbare Familienpolitik aufweisen können. Es wäre darum gut, wenn der Heilige Vater den Afrikanern deutlich machen könnte, dass sie als gute Katholiken zu einer verantwortungsvollen Familienplanung verpflichtet sind. Sie sollen die Kinder in die Welt setzen, die sie auch ernähren und erziehen können. Gleichzeitig muss man den afrikanischen Herrschern sagen, dass innerhalb Afrikas eine Neuordnung der Gesellschaft entstehen muss: Ähnlich wie in Deutschland unter Bismarck muss eine Minimum-Rente für jedermann kommen. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch in Deutschland bis zu Bismarcks Sozialgesetzen die Menschen häufig zehn Kinder hatten. So denkt der Afrikaner heute: Von zehn Kindern, die ich in die Welt setze, sterben drei bevor sie zehn Jahre sind, weitere drei bevor sie 20 Jahre werden – und der Rest sichert meine Pension. Solange wir dieses Problem nicht gelöst haben, werden die Afrikaner weiterhin so planen! So kommen wir nie aus dem Zirkel von Armut, Hunger und Elend heraus.

Symptome gescheiterter Staatlichkeit?

Der Papst muss den afrikanischen Herrschern sagen, dass es an der Zeit ist, dass sie endlich die Rechtsstaatlichkeit in ihren Ländern walten lassen, und dass die katholische Kirche hinter der Rechtsstaatlichkeit steht, weil alle Menschen als Kinder Gottes – und damit als gleichwertig – zu behandeln sind. Es gibt mehrere Präzedenzfälle, in denen sich die katholische Kirche auf die Seite der Unterdrückten gestellt hat. Als es etwa im Jahr 2005 nach den Wahlen in Äthiopien große Unruhen gab und junge Menschen Zuflucht suchten, fanden sie diese nicht in der orthodoxen Kirche, sondern in der äthiopisch-katholischen Kirche. Das hat die Menschen damals sehr beeindruckt. Hier hat die katholische Kirche zu stehen: an der Seite der Verfolgten und Unterdrückten gemäß den Weisungen Jesu!

Der dritte Punkt ist die größte Herausforderung, die wir in Afrika im 21. Jahrhundert haben: Wie kommen wir mit dem Islamismus zurecht? Der Vatikan führt und fördert heute einen Dialog auf allerhöchster Ebene zwischen Christentum und Islam. Darauf kann die katholische Kirche stolz sein! Diesen Dialog muss man auch öffentlich in Afrika bekräftigen. Unser Heiland hat ja nicht gesagt „Liebet Eure Freunde“, sondern „Liebet Eure Feinde“. Der Brudermord in Afrika basiert darauf, dass der Nachbar einer anderen Ethnie oder Religion angehört. Der Heilige Vater sollte sagen, dass das aufhören muss und dass eine neue Annäherung der drei abrahamitischen Religionen lebenswichtig ist.

Zum ersten Punkt: Setzt verantwortete Elternschaft nicht eine Änderung in der Mentalität und langfristige Bildung voraus?

Im Kern geht es um die Rolle der Frau. In Afrika stellen wir fest, dass in den animistischen, in den christlichen und in den meisten muslimischen Familien die Frau eine Person des Respektes darstellt. Die Kleinkredite in Afrika werden zu 95 Prozent an Frauen vergeben, weil sie die Gelder der Familie verwalten, und weil sie zuverlässiger sind in der Rückführung der Kredite. Es wäre schön, wenn die katholische Kirche das Verständnis von der Gleichwertigkeit der Geschlechter und von ihrer Zweisamkeit verstärkt – und damit die Bedeutung der Frau. Ich denke nicht, dass der Glaube hier ein Hemmnis ist, sondern vielmehr das soziale Element. Bisher haben die afrikanischen Staaten sich nicht an die Europäische Union oder an die UNO gewandt, um neue soziale Strukturen aufzubauen, wie eine Minimalrente und neue Beschäftigungsmöglichkeiten für Jugendliche. Das Fehlen dieser Neuordnung ist eine wesentliche Ursache der Massenmigration.

Soll der Papst bei seinem Besuch die Menschenrechtsverletzungen, die Ausbeutung, die Korruption und den Machtmissbrauch, die ungerechten wirtschaftlichen und politischen Strukturen direkt ansprechen?

Das ist sehr sinnvoll, und genau das, was ich von diesem Papst erwarte! Es wäre so heilsam, wenn der Heilige Vater als Oberhaupt einer Weltkirche das auch in Afrika ohne diplomatische Formulierungen direkt angeht und sagt: So kann es nicht weitergehen! Auch nach der Lehre der katholischen Kirche ist die Würde des Menschen unantastbar, weil sie an die Gottesebenbildlichkeit aller Menschen glaubt.

Welche Rolle spielt die katholische Kirche in den drei Staaten, die der Papst derzeit bereist: in Kenia, Uganda und der Zentralafrikanischen Republik?

Man erwartet hier sehr viel von der katholischen Kirche. Es wäre bahnbrechend, wenn ein kirchliches Oberhaupt sich im genannten Sinn sehr deutlich äußert, denn das würde auch dem Demokratisierungsprozess sehr helfen. Und es würde die Jugend mehr an die Kirche binden, die immerhin mehr als 85 Prozent der gesamten afrikanischen Bevölkerung bildet. Die Kirchen in Afrika sind ja – anders als hier in Europa – voller als je zuvor, und zwar vor allem mit jungen Menschen.

Kann Papst Franziskus wegen seiner eigenen Herkunft und aufgrund seiner spürbaren Liebe zu den Armen ein Hoffnungsträger für Afrikas Völker sein?

Interessanterweise ist er es jetzt schon! Durch die Nachrichten, die die Afrikaner den Medien entnommen haben, sehen sie, dass dieser Mann dabei ist, einen neuen Weg zu gehen. Ich glaube, dass für viele der afrikanischen Christen Papst Franziskus als ein großer Hoffnungsträger gilt, trotz der Kontroverse über seine Person, die in Europa herrschen mag. Gerade deshalb darf man die Afrikaner jetzt nicht enttäuschen! Und sie wären enttäuscht, wenn der Papst die Probleme nicht ansprechen und neue Wege aufzeigen würde.

Beim Papstbesuch in Kenia und in der Zentralafrikanischen Republik wird es zu christlich-muslimischen Begegnungen kommen. Was kann der Besuch des Papstes zum interreligiösen Zusammenwirken beitragen?

In diesen beiden Ländern herrscht nicht ausschließlich ein islamischer Fanatismus, wie wir zuletzt in Kenia gesehen haben. Den findet man andernorts gewaltiger und intensiver, etwa in Nigeria, in Mali und in Nordafrika. Aber in diesen Ländern haben Christen und Muslime über Generationen Seite an Seite gelebt. Ich befürchte jedoch, dass fanatische Kräfte die Neubekehrung Afrikas auf ihr Programm geschrieben haben. Es droht der Wahhabismus. So wollen manche nun die Sufis ausrotten, ja einige behaupten sogar, die Sufis seien gar keine richtigen Muslime, weil sie eine gewaltlose Mystik haben. Wenn hier ein Zeichen aus Rom käme, dass der Vatikan den Islam nicht verdammt, sondern respektiert und bereit ist, auf Augenhöhe mit den Vertretern des Islams die vorhandenen Probleme zu lösen, dann könnte das den fanatischen Hasspredigern ihr wichtigstes Argument wegnehmen.

Kann der Papstbesuch nicht nur in Afrika, sondern auch für Afrika etwas bewirken, indem er den „vergessenen Kontinent“ wieder ins Bewusstsein der Welt rückt?

Für die meisten Europäer ist Afrika der Kontinent der Kriege, der Krankheiten, der Korruption und der Krisen. Darum wäre es gut, wenn der Papst auch die guten Seiten Afrikas thematisieren würde. Es gibt hier eine so große Spiritualität! Die Afrikaner sind so gotteshörig und in ihrer Religion tief verwurzelt. Die meisten Katholiken leben nicht mehr in der nördlichen, sondern in der südlichen Hemisphäre. Wir müssen aber auch die Migration aus Afrika sehen: Afrikanische Gewaltherrscher und Diktatoren geben ihren eigenen Bürgern nicht die Möglichkeit, in ihrer Heimat ein menschenwürdiges Leben zu führen. Deshalb sind sie die größten Produzenten von Migrationsströmen. Auch das müsste Papst Franziskus anprangern. Wenn er die Welt jetzt aufrufen könnte, endlich die Ursachen der Migration anzugehen, also auch die Rechtsstaatlichkeit in Afrika in den Mittelpunkt zu rücken, dann hätte das Gewicht! Natürlich müssen wir auch die materiellen Errungenschaften, die das 20. Jahrhundert gebracht hat, mit allen Menschen teilen. Wir können es uns nicht mehr leisten, die Welt in zwei Hälften zu teilen: in eine südliche Welt mit Armut und Elend – und eine nördliche mit Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Wohlstand. Wenn die Wohlstandsschere zwischen Nord und Süd immer größer wird, dann wächst damit auch der Radikalismus. Darauf wird der Heilige Vater sicher die Aufmerksamkeit lenken. Die Augen der Afrikaner sind auf den Papst gerichtet – wie nie zuvor!

Papst Franziskus ist am Mittwoch zu seiner ersten Afrika-Reise aufgebrochen, die ihn zunächst nach Kenia, dann nach Uganda und schließlich in die Zentralafrikanische Republik führt. Die insgesamt 11. Auslandsreise des Papstes aus Argentinien findet trotz Terrorgefahr wie geplant statt. Insbesondere der Anschlag von 20. November auf das Radisson-Blu-Hotel in Bamako, der Hauptstadt und größten Stadt von Mali in Westafrika, mit der anschließenden Geiselnahme hatte im Vatikan für einen Schock gesorgt. Franziskus zeigte sich aber nicht bereit, jenen Achtung zu schenken, die ihn von der Reise abrieten. Von Rom flog Franziskus am Mittwoch in die kenianische Hauptstadt Nairobi. Dort wird er unter anderem eine große Rede am Sitz des UNO-Umweltprogramms UNEP halten. Außerdem stehen der Besuch in einem Slum, die Begegnung mit tausenden Jugendlichen im Stadion der Stadt, eine Papstmesse auf dem Campus der Universität und ein interreligiöses Treffen auf dem Programm. Am Freitag fliegt Franziskus weiter nach Uganda. Dort wird er in der Märtyrerkirche von Namugongo eine Messe feiern, in der Hauptstadt Kampala den Berichten von Jugendlichen zuhören und mit Vertretern der verschiedenen Religionen zusammenkommen. Am Sonntag reist der Papst dann weiter nach Bangui, Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik (RCA). Neben einer Messe im Stadion ist dort unter anderem ein Besuch in der Hauptmoschee sowie in einem Flüchtlingslager geplant. In dem bettelarmen Land kommt es immer wieder zu Angriffen islamischer Milizen auf Christen. In allen drei besuchten Ländern trifft Franziskus auch mit Regierungspolitikern und Diplomaten zusammen, bevor er am Montag zurück nach Rom fliegt.

Vatikansprecher Federico Lombardi berichtete am Donnerstag, dass in jedem der drei Länder auch Fahrten im offenen Papamobil vorgesehen seien. Allerdings könnten sich die Pläne situationsbedingt kurzfristig ändern, räumte er ein. „Der Papst ist nicht besonders um seine eigene Sicherheit besorgt“, sagte Lombardi. Franziskus denke eher an die vielen anwesenden Menschen. Die Anschläge hätten nicht viel an den Reiseplanungen geändert. DT/sb/KAP