Die Auferstehung nach der Wende

Erst mit dem Niedergang der Sowjetunion endete der lange Karfreitag der mit Rom unierten Ukrainer – „Tagespost“-Serie über die Ostkirchen (Teil II). Von Stephan Baier

Die undatierte Aufnahme aus den achtziger Jahren zeigt Untergrundbischof Pawlow Wasylyk mit unierten Gläubigen bei einer Messfeier im Wald. Foto: Archiv
Die undatierte Aufnahme aus den achtziger Jahren zeigt Untergrundbischof Pawlow Wasylyk mit unierten Gläubigen bei einer... Foto: Archiv

„Es gibt nicht vier Kiewer Kirchen, sondern die eine Kiewer Kirche in vier Teilen“, sagte das ehemalige Oberhaupt der mit Rom unierten Ukrainer, Kardinal Lubomyr Husar, vor zwei Jahren gegenüber dieser Zeitung. Die Ökumene mit der in drei – untereinander oft streitende – Denominationen zerfallenen Orthodoxie in der Ukraine war ihm stets ein großes, auch nationales Anliegen. Nie jedoch um den Preis der Einheit mit dem Nachfolger Petri in Rom, denn für diese Einheit hat die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine jahrzehntelang das schwere Kreuz der Verfolgung, der Verleumdung, der Anfeindung, ja der versuchten Vernichtung getragen.

Wie die orthodoxen Kirchen der Ukraine und Russlands wurzelt auch diese griechisch-katholische Kirche in der Taufe der „Kiewer Rus“ unter Großfürst Wladimir im Jahr 988, als es noch keine Nationen im heutigen Sinn gab. Auch wenn Wladimir die Taufe von Konstantinopel her annahm, hielt sein Reich doch stets auch den Kontakt zu Rom. Selbst nach dem Schisma von 1054 brach die Beziehung zwischen den Metropoliten „von Kiew und der ganzen Rus“ und dem Heiligen Stuhl nie ganz ab. 1596 unterstellte sich in der Union von Brest die Mehrzahl der ukrainischen Bischöfe dem Papst, wobei Rom ihnen die Beibehaltung des byzantinischen Ritus ausdrücklich zugestand. Gleichwohl verstanden die Polen, zu deren Staatsverband die westukrainischen Gebiete gehörten, diese Union als Einladung zu Latinisierung – und auch zur Polonisierung.

Als in Folge der Teilungen Polens auch die westliche Ukraine an das zaristische Russland fiel, begann eine erste brutale Verfolgung. Zarin Katharina II. löste alle unierten Diözesen und viele Klöster auf. 1837 schließlich wurde die gesamte Kirchenverwaltung dem Heiligen Synod der russischen Orthodoxie unterstellt. Damit schien diese mit dem Papst unierte Teilkirche bereits völlig von Russlands Orthodoxie aufgesaugt und vernichtet zu sein. Doch in einem kleinen Teil des Landes, in dem unter habsburgischer Verwaltung stehenden Galizien und in der Karpato-Ukraine, konnte sich die griechisch-katholische Kirche erhalten. Hier konnten die „Unierten“ ihren Glauben ohne Behinderungen ausüben. Österreich-Ungarn tolerierte und pflegte die religiöse wie die sprachliche Vielfalt. So gab es in Lemberg (Lviv) unter Kaiser Franz Joseph drei katholische Erzbischöfe: für den lateinischen, den byzantinischen und den armenischen Ritus.

Die Zwischenkriegszeit war gekennzeichnet von Versuchen einer ukrainischen Staatsbildung, vom Krieg mit Polen und von der brutalen Russifizierung, die der sowjetische Diktator Josef Stalin unter anderem mit einer künstlich ausgelösten Hungersnot vorantrieb. In den 1930er Jahren verhungerten Millionen ukrainischer Bauern mitsamt ihren Familien, während die Sowjetunion gleichzeitig Millionen Tonnen Weizen ins Ausland verkaufte. Dieser „Holodomor“ genannte Genozid, der die Identität des Volkes zerstören sollte, war bis zum Ende der Sowjetunion 1991 ein Tabuthema. Das gleiche gilt für den Vernichtungsfeldzug, den Stalin 1944 gegen die „Unierten“ startete.

Unmittelbar nach seinem Tod begann das Regime eine massive Verleumdungskampagne gegen das Oberhaupt der unierten Katholiken, Metropolit Andrej Szeptytskyj, der seine Kirche von 1900 bis 1944 durch alle Wirren geleitet hatte. Den ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus wurde Kollaboration mit den Nazi-Besatzern und damit Vaterlandsverrat vorgeworfen. Am 11. April 1945 wurde Metropolit Josyf Slipyj zusammen mit allen seinen Bischöfen verhaftet und in sibirische Straflager deportiert. Binnen weniger Monate wurden mehr als 800 Priester sowie Hunderte von Ordensleuten und Laien festgenommen. Unter der Regie des kommunistischen Systems konstituierte sich eine „Initiativgruppe“, die behauptete, die Wiedervereinigung der Unierten mit der russischen Orthodoxie anzustreben. In Zusammenarbeit mit der Sowjetregierung und dem Moskauer Patriarchat inszenierte diese Initiativgruppe im März 1946 eine „Lemberger Synode“, auf der die „freiwillige Selbstauflösung“ der griechisch-katholischen Kirche, ja ihre „freiwillige Rückkehr in den Schoß der Russisch-Orthodoxen Kirche“ proklamiert wurde.

Zu diesem Zeitpunkt schmachtete die gesamte Hierarchie der ukrainischen Kirche des byzantinischen Ritus bereits in Stalins Arbeitslagern. Der spätere Kardinal Slipyj wurde von einem Militärgericht wegen „anti-sowjetischer Propaganda“ verurteilt. Doch während alle anderen Bischöfe in Stalins Lagern umkamen, wurde Slipyj nach 18 Jahren Haft im Jahr 1963 auf vatikanische Vermittlung des Landes verwiesen und nach Rom verbannt. Ihre zweite Vernichtung durch Josef Stalin überlebte diese Teilkirche im Exil – und im Untergrund, wo der Autor 1988 dem heldenhaften Untergrundbischof Pawlo Wasylyk sowie mehreren leidgeprüften Priestern und Laien begegnen konnte. In Privatwohnungen und in den Wäldern feierten sie heimlich die Heilige Messe.

Nicht bloß in Moskau, sondern sogar im Vatikan hatten manche die unierten Ukrainer bereits abgeschrieben, bis Papst Johannes Paul II. sie 1988 mit einem Apostolischen Schreiben neu ans Licht hob. Der Staatszerfall der Sowjetunion brachte der griechisch-katholischen Kirche nicht nur die Legalisierung, sondern einen neuen Frühling. Als Johannes Paul II. im Jahr 2001 nach Lemberg eilte, versammelten sich fast eineinhalb Millionen Katholiken zur Messe im byzantinischen Ritus: Der päpstliche Mauerbrecher aus Polen erlebte im westukrainischen (einstmals polnischen) Lemberg eine junge Kirche, die kraftvoll und neu, in vielen Berufungen erblühend, aus den Katakomben sowjetischer Tyrannei auferstand.