„Dialog funktioniert nur, wo Vertrauen besteht“

Der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kasper, wird 75 – Ein Gespräch über die gegenwärtige Situation der Ökumene

Der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, wird am 5. März 75 Jahre alt. In einem Interview mit Johannes Schidelko von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) zog Kasper eine Bilanz seines Wirkens und äußerte sich zur gegenwärtigen Situation der Ökumene.

Herr Kardinal, der 75. Geburtstag ist ein besonderes Ereignis. Was empfinden Sie?

Zunächst eine große Dankbarkeit: Ich kann auf ein reiches Leben zurückblicken. Mir sind 75 Jahre ohne große Unglücke oder Krankheiten geschenkt worden. In der Pfarrei, an der Universität, dann als Bischof und schließlich hier in Rom konnte ich vielen Menschen begegnen. Ich hoffe, dass einiges von dem, was wir erarbeitet haben, auch weiterhin Bestand hat – für die Kirche und die Menschen.

Sie haben einen bewegten Lebenslauf: Professor, Bischof, seit 1999 im Vatikan für Fragen der Ökumene zuständig, seit 2001 Präsident des Einheitsrates und Kardinal. Wie sehen Sie im Rückblick diesen Weg?

Es war eine dramatische Zeit. Als ich Priester wurde, war von einem Konzil noch nicht die Rede. Dann kamen die begeisternden Jahre des Zweiten Vatikanums, die Jahre des Aufbruchs, die auch Einbrüche und Rückschläge in der Kirche brachten. Als Professor durfte ich etwas zur Stabilisierung in der Theologie beitragen, auch auf internationaler Ebene. Ich wäre gerne Professor geblieben. Allerdings habe ich mich in all meinen Funktionen, auch als Bischof einer großen, lebendigen Diözese und jetzt hier in Rom, letztlich immer als Pfarrer gefühlt, der für die Verkündigung des Evangeliums und für die Menschen da ist, und der einen Beitrag zur Einheit in der Kirche leisten will.

Seit fast neun Jahren prägen Sie in Rom die Ökumene. Wo steht sie heute – im Zeitalter der „Ökumene der Profile“?

Mir ist, glaube ich, zweierlei gelungen. Zunächst konnten wir den Dialog mit den altorientalischen Christen wieder auf den Weg bringen, der bei meiner Ankunft praktisch nicht mehr existierte – mit den Kopten, den Syrern, den Armeniern. Das zweite sind Fortschritte im Dialog mit den orthodoxen Christen. Zwar wird das in Deutschland nicht besonders beachtet, ist aber von großer Bedeutung für die Integration von Ost- und Westeuropa. Bei meinem Amtsantritt lag dieser Dialog praktisch am Boden, die Theologengespräche waren unterbrochen, im Kontakt zum Moskauer Patriarchat herrschte Eiszeit. Hier konnten wir in der Zwischenzeit schöne Fortschritte erzielen und viele Freundschaften aufbauen. Im Dialog mit den traditionellen evangelischen Kirchen läuft es im allgemeinen auf der Ebene der Gemeinden und Diözesen ordentlich. Aber es hat keine großen Durchbrüche, teilweise eher Rückschläge gegeben. Nach der Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 meinten wir, einen sehr großen Schritt vorangekommen zu sein. Das war in der Tat der Fall, aber wir sind in der Frage der ekklesiologischen Konsequenzen kaum weitergekommen. Derzeit gibt es innere Umbrüche und theologische Bewegungen, die den Dialog nicht sehr viel weiterbringen. Vor allem wenn Sie die „Ökumene der Profile“ ansprechen: Ich halte das für keine gute Formulierung, das klingt nach Profilierung. Derartiges gibt es zweifellos auch in der katholischen Kirche. Wir müssen von dem größeren Gemeinsamen ausgehen, das wir haben, und das neu vertiefen. Ich habe den Eindruck, dass die gemeinsame Basis, das Bekenntnis des Credo und der Taufe, etwas zerbröselt – und dann bricht die Ökumene in sich zusammen. Was ethische Werte angeht, haben wir heute mit gewissen evangelikalen Gemeinschaften fast eine bessere Zusammenarbeit als mit manchen traditionellen protestantischen Kirchen. Ich bedauere diese Entwicklung überaus.

Heißt das, dass Sie nicht erreicht haben, was Sie erreichen wollten?

Sicher nicht, denn Ziel ist die volle Kirchengemeinschaft, und von der sind wir noch weit entfernt. Aber es gibt viele Annäherungen. Ebenso wichtig wie Dokumente war mir ein Netz von persönlicher Begegnung und Freundschaften. Der theologische Dialog funktioniert nur dort, wo auch Vertrauen besteht, wo man einander kennt und schätzt. Da ist vieles in diesen neun Jahren gewachsen. Der Stuhl Petri ist heute ein Bezugspunkt für alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Es ist selbstverständlich geworden, dass Kirchenvertreter nach Rom kommen und mit dem Papst Kontakt haben wollen. Dazu haben wir unseren Beitrag erbracht, und das gehört auch zu den „Erfolgen“ der letzten Jahre.

Was ist für die Ökumene im jetzigen Pontifikat anders als früher?

Zunächst möchte ich sagen, was gleich ist: die grundsätzliche ökumenische Option. Daran lässt der gegenwärtige Papst keinerlei Zweifel. Ökumene ist nicht eine Option, die man haben kann oder nicht, sondern eine heilige Verpflichtung aufgrund des Auftrags Jesu Christi. Es ist richtig, dass es heute weniger Gesten und spektakuläre Ereignisse gibt, dafür aber eine Vertiefung im Theologischen, eine Besinnung auf das Gemeinsame: dass wir das festhalten und vertiefen, damit es nicht zerbröselt. Ich würde das nicht als kleinteilig bezeichnen, es geht vielmehr um eine Verwesentlichung der Ökumene und vor allem um die spirituelle Ökumene, die freilich nicht spektakulär ist. Ökumene war seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eine Gebetsbewegung. Darauf legt der Papst großen Wert und ich denke, dass das etwas ganz Wesentliches und Zukunftsweisendes ist.

Wie ist der Stellenwert der Ökumene innerhalb des Vatikan?

Ökumene war für die Kurie nach dem Konzil etwas Neues, das man mit Samthandschuhen, auch mit manchen Ängsten anging. Aber im Laufe der Jahre hat sich die Ökumene im Vatikan fest etabliert. Beim Konsistorium Ende November wurde ein ganzer Tag lang über die Ökumene gesprochen. Viele Kardinäle habe mir ihre Zustimmung signalisiert für meine Darstellung der ökumenischen Situation und Aufgaben. Daran muss man weiter arbeiten. Es wird auch in Zukunft nicht immer ohne Konflikte abgehen. Da muss man seine Position verteidigen, sich gegebenenfalls aber auch korrigieren lassen.

Sie sind auch für den Kontakt zum Judentum zuständig. Wie entwickelt er sich?

Hier hat das Konzil eine neue Seite aufgeschlagen, indem es die jüdischen Wurzeln der Kirche wiederentdeckte. Der Papst hat immer wieder betont: Wir sind gemeinsam Kinder Abrahams, die Juden sind unsere älteren Brüder. Hier sind wichtige Dinge passiert. Zu Beginn des Dialogs ging es neben theologischen Vertiefungen natürlich um die Probleme der Geschichte. Vor allem der Holocaust musste aufgearbeitet werden – soweit das menschlich überhaupt möglich ist. Das ist, glaube ich, mit großer Ehrlichkeit geschehen. In den letzten Jahren haben wir uns auf Initiative der jüdischen Partner neuen Aufgaben und Themen zugewandt. Neben dem Rückblick auf die Vergangenheit – die wir nie vergessen dürfen und die eine Warnung für die Zukunft bleiben muss – erörtern wir unsere gemeinsame Verpflichtung für Zukunftsfragen der Menschheit wie Frieden, Menschenrechte, Erziehung. Zu vielen Themen haben wir gleiche oder ähnliche Wertvorstellungen. Natürlich wird das Verhältnis zwischen Juden und Christen nie einfach, konfliktlos oder spannungsfrei sein. Zum Teil hängt das mit dem Nahost-Konflikt zusammen, auch wenn wir immer klar zwischen religiöser Beziehung und politischen Fragen unterscheiden. Aber in den vergangenen Jahren ist mit führenden Vertretern der religiösen Juden eine Freundschaft entstanden – und das gehört für mich mit zu dem Schönsten, was ich hier erfahren durfte. Solche Beziehungen tragen dann auch über schwierige Situationen hinweg.

In Deutschland bereitet man sich auf den Ökumenischen Kirchentag in München 2010 und auf die 500-Jahr-Feiern der Reformation 2017 vor. Wie nimmt der Vatikan diese Termine wahr?

Das sind Ereignisse in Deutschland, die in erster Linie in der Verantwortung der Deutschen Bischofskonferenz liegen. Für 2017 stehen wir im Gespräch mit dem Lutherischen Weltbund wie mit der EKD. Denn die Frage, was die Reformation damals wie heute bedeutet, ist ein bleibendes Anliegen für beide Konfessionen. Damit verbunden ist, wie wir heute das frühere Gegeneinander durch ein neues Miteinander überwinden können. Ich hoffe, dass das Reformationsjubiläum uns nicht in einen neuen Konfessionalismus zurückführt, sondern eine kritische und konstruktive Besinnung auf die ökumenische und gesellschaftliche Situation schafft.

Und der Ökumenische Kirchentag?

Vom Ökumenischen Kirchentag, zu dem ich nach München fahren möchte, erhoffe ich mir, dass es nicht wieder zu solchen Akten kommt wie am Rande des letzten Treffens in Berlin 2003. Das hatte damals den guten Eindruck im Nachhinein weitgehend verdunkelt, wenn nicht zerstört. Ich hoffe, dass man sich an das Thema hält, wie wir als Christen heute in einer weithin säkularisierten Welt gemeinsam Zeugnis geben können.

Es wird immer wieder über ökumenische Highlights spekuliert, über eine Heilig-Land-Reise des Papstes oder ein Treffen mit dem Moskauer Patriarchen Alexij. Wie steht es damit?

Zunächst zur zweiten Frage: Wir würden eine solche Begegnung sehr begrüßen, sie wäre ein wichtiges Zeichen nach innen und nach außen. Aber im Augenblick steht da nichts auf der Agenda. Das heißt nicht, dass wir schlechte Beziehungen zum Moskauer Patriarchat hätten, im Gegenteil. Wir konnten die Kontakte in den letzten Jahren erheblich verbessern und manche Polemik kleinhalten oder abstellen. Auf beiden Seiten besteht der Wille zur Zusammenarbeit. Allerdings hat die Orthodoxie manche inneren Probleme, der Patriarch muss Rücksicht auf Gruppierungen in Russland nehmen, die der Ökumene kritisch gegenüberstehen, er will keine inneren Spannungen riskieren. Das respektieren wir – und benutzen derweil die anderen Kanäle, die wir reichlich haben. Zum Heiligen Land: Es ist selbstverständlich, dass der Papst von Herzen gerne an die Ursprungsstätten des Christentums fahren würde. Nur scheint die gegenwärtige politische Lage eine solche Reise noch nicht zu ermöglichen. Denn wenn der Papst ins Heilige Land fährt, muss er auch die Christen in den palästinensischen Gebieten besuchen können. Aber da bestehen Reiseschwierigkeiten hin und her. Also muss man warten und auf eine Beruhigung der Situation hoffen. Die Reise ist nicht abgesagt, aber aufgeschoben. In der Zwischenzeit sollten wir alles uns Mögliche für einen Frieden im Nahen Osten tun.