„Deutschland ist Missionsland“

Auszüge aus dem Impulsreferat von Erzbischof Robert Zollitsch zur Eröffnung der Herbst-Vollversammlung der Bischofsvollversammlung am 22. September 2008 –

Überlegungen zum missionarischen Dialog der Kirche mit unserer Zeit

Bis heute ist es die Bestimmung der Kirche, sich vom Glauben des heiligen Paulus ergreifen und erneuern zu lassen und allen Menschen die frohe und freimachende Botschaft zu bringen: „Christus ist unter euch, er ist die Hoffnung auf Herrlichkeit. Ihn verkündigen wir“ (Kol 1, 27 f.). Das heißt: Es ist die Sendung der Kirche, die Botschaft von der göttlichen Berufung des Menschen in die Welt zu tragen und in Wort und Tat zu bezeugen. Es ist unser Auftrag, den Herrn in der Feier der Sakramente zu vergegenwärtigen und die Liebe Gottes in der Zuwendung zum Nächsten Gestalt werden zu lassen. (...)

Natürlich hat sich die Sendung der Kirche nicht geändert. Sie ist und bleibt Zeichen und Weg der Liebe Gottes zu den Menschen. Die Gläubigen aber, die ihr durch Taufe und Firmung angehören, sind auf ganz unterschiedliche Weise katholisch. Sehr viele unterhalten keinen lebendigen Kontakt zur Kirche. Sie erwarten und erhoffen sich von ihr eine gewisse Hilfe, besonders an den Wendepunkten ihres Lebens. Im Gottesdienst, in den Pfarreien und in den kirchlichen Verbänden sind sie zumeist nicht anzutreffen, viele bleiben aber dennoch ansprechbar, wenn die Kirche etwa an sie die Bitte um ehrenamtliche Mithilfe heranträgt. Im Regelfall sind sie bereit, im persönlichen Umfeld und im öffentlichen Leben eine kirchen- und christentumsfreundliche Haltung zu fördern, die Kirche für eine nützliche und sozialintegrierende Kraft zu halten und ihre Zustimmung auch dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass sie Kirchensteuer bezahlen.

Neben ihnen gibt es die Katholiken, die innerlich ergriffen und entbrannt sind, die ausstrahlen und mitnehmen, wie es in der oben zitierten Aussage von Alfred Delp heißt. Sie nehmen aktiv am Leben unserer Gemeinden teil, sind Mitglied in kirchlichen Bewegungen und katholischen Verbänden und engagieren sich vielfältig. (...).

Es stimmt aber auch, dass der moderne Individualismus im Sinne einer Überbewertung des Individuums die gegenwärtig sogenannte „Erfindung des ,eigenen Gottes‘“ zur Konsequenz hat. Sie ist eine Art Selbstvergötterung des Individuums, bei welcher der Mensch in gewisser Weise Glaubender und Gott zugleich ist. Die herausragende Stellung des Individuums wird nicht mehr, wie es in der persönlichen Ansprache des Einzelnen durch Gott grundgelegt ist, kultiviert und in den Horizont der größeren Gemeinschaft gestellt, sondern verabsolutiert. Als Folge zeigt sich bei uns unter anderem eine gewollte Herauslösung des Einzelnen aus den ihm vorgegebenen und ihn tragenden Traditionen. Diese Enttraditionalisierung belegen hinsichtlich des Glaubens beziehungsweise der religiösen Überzeugungen zahlreiche Untersuchungen der letzten Jahre, die immer wieder zwei Ergebnisse zeigen: Einerseits haben viele Menschen ein ausgeprägtes Interesse an einem Transzendenzglauben; andererseits geht dies aber oft mit einer sehr willkürlichen Komposition der Glaubensinhalte einher – und dies ganz nach Geschmack des Individuums, das in diesem Sinn selbst Richtmaß des Glaubens wird. Das Resultat ist ein buntes Potpourri an Glaubensauffassungen und religiösen Vorstellungen, auch bei Katholiken. (...)

Das Wirken der Kirche will ja tatsächlich die Menschen zu verantwortungsbewusster Freiheit und solidarischem Miteinander befähigen und bewegen. Insofern ist die Kirche nützlich für die Gesellschaft und will es auch sein. Doch steckt dahinter auch eine eminente Gefahr: Am Ende drohen Selbstsäkularisierung und Selbstaufgabe, wenn die Kirche ihr Selbstverständnis einfach den von außen an sie herangetragenen Funktionszuschreibungen anpassen würde. Ihr geht es auch um Werte. Aber eben nicht nur und nicht zuerst. Ihre Botschaft ist die lebendige Verheißung Gottes an den Menschen, wofür der heilige Paulus ein beredter Zeuge ist. Deshalb und in diesem Zusammenhang spricht die Kirche von der rechten Ordnung der Gesellschaft, von Werten, Tugenden und Normen. Die Kirche ist nicht der Dienstleister der Gesellschaft, sondern macht den Dienst Gottes an den Menschen präsent. (...)

Den Versuchungen, die für die Kirche damit einhergehen, dass sie als Wertelieferant der Gesellschaft verstanden wird, dass sie auf die Funktion als „Bundesagentur für Werte“ reduziert wird, ist dann beizukommen, wenn sie auch das in die Gesellschaft hineinträgt, was nicht den Erwartungen entspricht und nicht unbedingt den reibungslosen Gang der Dinge befördert. Denjenigen, die den Einsatz der Kirche für Ehe und Familie rühmen, müssen immer wieder auch die Rechte der Migranten auf Zusammenführung ihrer Familien in Erinnerung gerufen werden. Diejenigen, die sich auf den Gerechtigkeitsimpuls der katholischen Soziallehre berufen, müssen auch auf die Rechte der ungeborenen Kinder hingewiesen werden. Wirtschaftsvertretern, die im christlichen Menschenbild des schöpferischen Individuums zu Recht eine Grundlage für eine freiheitliche und marktorientierte Wirtschaft sehen, darf der Einwurf nicht erspart bleiben, dass die Wirtschaft nach kirchlicher Lehre menschenförmig und nicht der Mensch wirtschaftsförmig gemacht werden muss. (...)

Schwieriger als das Gespräch mit Politikern und Wirtschaftlern könnte sich die Begegnung des Apostels Paulus (in unserer Zeit, A.d.R.) mit jenen Naturwissenschaftlern entwickeln, die die Kirche vor allem als retardierende gesellschaftliche Kraft wahrnehmen zu müssen meinen – als Institution, die der Forschung Grenzen setzen wolle und damit zum Beispiel den medizinischen Fortschritt und die Heilung von Menschen behindere. Die Theologie wird von solchen Wissenschaftlern oftmals nicht als satisfaktionsfähiges Gegenüber betrachtet. Im Bereich der Neurowissenschaften gibt es sogar Tendenzen, alle geistige und soziale Aktivität des Menschen naturwissenschaftlich zu interpretieren und damit den Begriff der Freiheit, wie wir ihn kennen, radikal zu überwinden. (...)

Der Herr selbst bedient sich des Menschen und führt durch uns letztlich selbst den missionarischen Dialog mit der Welt. Eine Kirche, die vorrangig an die Gehorsamspflicht des Menschen appellieren würde, hätte in Anbetracht des gegenwärtigen Individualismus wenig Aussicht auf Gehör. Vielmehr braucht es die Ansprache und Bekehrung des Herzens, die Erfahrung, dass der Glaube nicht einengt, sondern ein Geschenk ist, das frei macht und Halt gibt. (...)

Bei Besuchen in anderen Ländern und Kontinenten – etwa in Südamerika, in den Vereinigten Staaten oder Südkorea – konnte ich die Erfahrung machen, wie selbstverständlich es dort für die Katholiken ist, über ihren Glauben zu sprechen. Wie schwer fällt es uns Deutschen dagegen, die offene Flanke zu zeigen und uns als Glaubende zu outen! Wie viel haben wir gerade in diesem Bereich noch zu lernen! Die Fähigkeit, über den Glauben sprechen zu können, will eingelernt, ja fast geübt werden. „Deswegen muss die Sorge der Kirche sein, Weggemeinschaften zu schaffen. Sie wird neue Weisen der Weggemeinschaft bilden müssen, die Gemeinden werden sich stärker gegenseitig, miteinander tragend und im Glauben lebend gestalten müssen. So müssen sich Christen wirklich untereinander stützen“, so Papst Benedikt in seinem Buch „Salz der Erde“. Dies ist eine Herausforderung, der sich auch die erwachsene Generation zu stellen hat. Deshalb wird es für unsere Gemeinden notwendig, ja überlebensnotwendig, sein, sich hierfür Räume zu schaffen. Nicht wenige suchen in Glaubenkursen und Gruppen, in denen sie sich gemeinsam auf ihren Glauben besinnen und über ihn sprechen, Vertiefung für ihren Glauben. Für diese Menschen da sein zu können, ist entscheidend. Glaubenskurse und Gebetsgruppen sind kein Nischenprogramm. Je mehr Menschen persönlich in Berührung kommen mit dem Gott ihrer eigenen Glaubens- und Lebensgeschichte, desto lebendiger und ausstrahlender werden unsere Gemeinden sein!

Bei meinem Besuch in Rom im März dieses Jahres sprach mich der Heilige Vater ausdrücklich auf die Verkündigung des Evangeliums an die Jugend an. Wir dürfen mit Freude wahrnehmen, dass Jugendliche heute wieder offener sind für religiöse Fragen und ansprechbarer für die Kirche. Nicht erst die Bertelsmann-Studie „Religions-Monitor 2008“ hat uns dies gezeigt. Wir dürfen das unmittelbar erleben, etwa an den Weltjugendtagen, wie 2005 in Köln und jetzt in Sydney oder auch auf dem jungen und dynamischen Katholikentag in Osnabrück. Wir sind dankbar, dass sich so viele Jugendliche als Ministrantinnen und Ministranten und in zahlreichen katholischen Jugendverbänden und -gruppen engagieren. Dabei geht es zentral darum, dass Glaube gemeinsam gelebt und zur Erfahrung wird.

Gerade an diesen Erfahrungen gilt es, vermehrt anzusetzen. Zunehmend wichtig wird etwa auch die Schulpastoral. Der Religionsunterricht als klassischer Ort der Wissensvermittlung braucht eine Ergänzung im Blick auf die Hinführung zum gelebten Glauben. Die Schule wird mehr und mehr vom Lern- zum Lebensraum; wird sie auch zum Glaubensraum? Vielen Schülerinnen und Schülern fehlt das christliche Fundament, das Einmaleins des Glaubens. Im Sinne einer eigens darauf angelegten Pastoral wird es darauf ankommen, mit jungen Menschen Wege zu gehen, auf denen ihnen der Glauben nicht nur als Lernstoff des Wissens nahe gebracht wird, sondern durch die sie selbst die Lebendigkeit und Schönheit des Glaubens erfahren können. Je mehr wir lernen, „wie Jugendliche ticken“, je mehr wir an deren Lebenswelt anknüpfen, desto mehr werden Jugendliche erkennen, wie sehr es bereichert, dem Gott des Lebens zu begegnen: im Gebet, in gemeinsamen Unternehmungen und auch in der Feier von Gottesdiensten. Wenn der Wissensstoff des Religionsunterrichts nicht nach der Schulzeit verkümmern soll, ist es unerlässlich, dass Glaube zusammen mit der notwendigen Wissensvermittlung zur gelebten Praxis führt und damit zur Erfahrung wird, die das Leben auch in Zukunft prägt. (...)

Der Ruf der Stunde heißt: zusammenarbeiten, einander ergänzen, voneinander profitieren, den anderen mittragen. Die vielen hauptberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich in unserer Kirche heute engagieren, sind ein großes Geschenk des Herrn an uns. Dafür dürfen wir dankbar sein. Sie sind eine wertvolle Vorgabe für uns, um aktiv nach vorne zu schauen und offensiv den Glauben weiterzugeben, denn: „Deutschland ist Missionsland.“ (...) Schauen wir nicht allzu oft voller Trauer auf Türen, die sich vor unseren Augen verschlossen haben? Und sehen wir darum zu wenig, wo Gott uns neue Wege öffnet? Je mehr wir gläubig Ausschau halten nach offenen Türen – auch wenn sie zunächst nur einen Spalt weit geöffnet sind – desto mehr werden wir des Wirkens Gottes mitten unter uns gewahr werden und die Hoffnungszeichen, die Gott setzt, als Orientierung und Wegmarken erkennen.

Darum ist es wichtig, dass wir uns in unserer Gesellschaft weiterhin und gegebenenfalls verstärkt zu Wort melden: mit klaren Aussagen zu den Werten, aus denen wir leben und die uns tragen; mit prophetischer Kritik, wo Gottes Weisungen und Vorgaben ignoriert werden; mit herausfordernden Perspektiven, wo manche nicht über den Tag hinaus denken. Wir haben unserer Welt und unserer Gesellschaft Entscheidendes zu sagen. Tun wir es offensiv und mit Mut!