Der zweite Papst in Ägypten

Erinnerungen an die Wallfahrt des heiligen Johannes Paul II. nach Ägypten. Von Monsignore Joachim Schroedel

Ökumene war großgeschrieben, als Johannes Paul II. im Februar 2000 Vater Damianos vom Katharinenkloster am Sinai begegnete. Foto: dpa
Ökumene war großgeschrieben, als Johannes Paul II. im Februar 2000 Vater Damianos vom Katharinenkloster am Sinai begegne... Foto: dpa

Die ersten Meldungen über den bevorstehenden Besuch von Papst Franziskus enthielten einen entscheidenden Fehler; Es wurde zwar erinnert, dass auch Johannes Paul II. schon im Jahr 2000 in Ägypten gewesen sei, doch zugleich behauptet, er wäre damals nur auf dem Sinai gewesen, nicht in Kairo. Franziskus, so hieß es, sei nun der erste Papst, der Kairo bereist.

Zwei Tage, vom 24. bis 26. Februar 2000, weilte der Heilige Papst Johannes Paul II. in Ägypten. Der damalige Nuntius in Ägypten hatte mich gebeten, bei den Vorbereitungen zu helfen. Radio Vatikan und andere Rundfunkstationen bediente ich in diesen zwei Tagen mit Nachrichten. Der Papst, der damals im neunundsiebzigsten Lebensjahr stand, war gezeichnet von seiner Krankheit, hatte aber dennoch seine kräftige Stimme.

Bereits bei seiner Ankunft am Flughafen Kairo konnte er mit einem Satz die Herzen aller Ägypter gewinnen; seine ersten Worte waren: „As – Salamu – Aleikum“ – „Der Friede sei mit Euch“; ein Gruß, der in der Regel nur zwischen Muslimen verwendet wird. Christen grüßen einander mit anderen Worten.

In seiner ersten Rede sagte er: „Das ist ein Land mit fünftausendjähriger Zivilisation, das in aller Welt für seine Denkmäler und seine Kenntnisse der Mathematik und Astronomie bekannt ist. Das ist ein Land, wo unterschiedliche Kulturen aufeinandertrafen und sich vermischten und damit Ägypten für seine Weisheit und Gelehrtheit berühmt gemacht haben.“ Nach der Erinnerung an die christliche Geschichte Ägyptens in den ersten sieben Jahrhunderten sprach er vom Islam. „Das Aufkommen des Islam hat Meisterwerke der Kunst und Wissenschaft hervorgebracht, die entscheidenden Einfluss auf die arabische Welt und Afrika hatten. Die Ägypter haben über Jahrhunderte hinweg das Ideal der nationalen Einheit verfolgt. Unterschiede der Religion waren nie Barrieren, sondern eine Form gegenseitiger Bereicherung im Dienst an der einen nationalen Gemeinschaft.“ Gut erinnere ich mich der Worte von Papst Shenouda III.: „Ägypten ist nicht die Heimat, in der wir leben, sondern die Heimat, die in uns lebt.“

Mit diesen Sätzen deutete er an, unter welchem Aspekt seine Reise zu sehen war; nicht ein Besuch beim Großscheich oder dem Koptischen Patriarchen, sondern ein Besuch Ägyptens sollte es werden. Zu den Quellen des Glaubens wollte Johannes Paul II. pilgern, zweitausend Jahre nach der Geburt des Sohnes Gottes.

„Er erinnerte an den

Auftrag, der an die

ersten Eltern im Paradies

gegangen war“

Die koptische Christenheit war zu Beginn der Reise des römischen Pontifex sehr verärgert über die Tatsache, dass wohl Präsident Mubarak persönlich am Flughafen war, Shenuda III. jedoch nicht. Freilich muss man auch wissen, dass die Beziehungen der koptisch-orthodoxen Kirche zur Kirche von Rom nicht ohne Probleme war – und bis zum heutigen Tag immer noch ist. Die etwa 180 000 mit Rom unierten Kopten stellen für die Kopten der Kirche des Heiligen Evangelisten Markus, die ihren Sitz in Alexandria hat, eine große Herausforderung dar. Offen wurde zu Zeiten von „Proselytismus“ gesprochen. Unter dem Patriarchen Thawadros II. hat sich ein gewisser Wandel vollzogen. Doch ist er eben nur „primus inter pares“ (erster unter Gleichen) und die Synode der Bischöfe wird noch von vielen „Hardlinern“ bestimmt. Eines der heute noch ungelösten Probleme ist die Frage nach der Anerkennung der Taufe.

Natürlich trafen sich Johannes Paul II. und Shenuda III. dann schließlich, und der hohe Gast aus Rom verstand es wiederum, mit freundlichen Worten auch das Herz seines Gastgebers zu gewinnen. Er sagte als Erwiderung auf die Begrüßungsworte Shenudas: „So bin ich überzeugt, dass Ägypten wirklich ein Heiliges Land ist; und wir alle, die wir aus Rom nach Ägypten kommen, wir alle spüren, dass wir in ein anderes Zuhause kommen. Das Zuhause des hl. Markus. Und der heilige Markus war Petrus so nahe.“

Am gleichen Tage begegnete Johannes Paul II. auch dem Großscheich der El Azhar-Universität, der bedeutendsten theologischen Einrichtung des Islam weltweit. Der damalige Großscheich Mohammed Sayyed Tantawi (+ 2010) war für seine relativ offene und liberale Haltung bekannt. So hatte er noch kurz vor seinem Tode das Tragen des Gesichtsschleiers für nicht islamisch notwendig erklärt und an der Al Azhar-Universität verboten.

Bemerkenswert ist, wie Papst Johannes Paul II. mit ihm redete beziehungsweise welche Antwort er den offiziellen Grußworten entgegensetzte. Er erinnerte an den Auftrag, der an die ersten Eltern im Paradies gegangen war, die Schöpfung zu „kultivieren“. Nun war er bei dem Begriff „Kultur“ und rief zum Dialog zwischen den Kulturen auf – nicht aber zwischen den Religionen. Ein äußert bemerkenswerter Ansatz, der heute jedoch vergessen scheint. Freilich fanden im Vorfeld des Papstbesuches auch und gerade an der renommierten El Azhar- Universität heftige Diskussionen über diesen Besuch statt. „Dialog der Religionen“ ist nicht nur für konservative Katholiken ein Reizwort; auch im Islam wird Dialog immer kritisch gesehen. Doch mit der Betonung, Christentum und Islam seien eben nicht nur Religionen, sondern Kulturen, konnte der Papst eine gute Brücke schlagen; ein Kulturdialog ist jedenfalls leichter möglich.

Johannes Paul II. wörtlich: „Das Leben des Menschengeschlechts besteht in der Kultur, und die Zukunft des Menschengeschlechts liegt in der Kultur. Ich danke Ihrer Universität, dem größten Zentrum islamischer Kultur. Ich danke denen, die die islamische Kultur entwickeln, und ich bin dankbar für alles, was Sie tun, um den Dialog mit der christlichen Kultur aufrechtzuerhalten. All dies sage ich im Namen der Zukunft unserer Gemeinschaften, nicht nur unserer Gemeinschaften, sondern auch der Nationen und der Menschheit, die im Islam und im Christentum vertreten sind.“

Für die katholische Kirche Ägyptens war es ein großes Geschenk, dass der Heilige Vater am folgenden Tag im Sportpalast von Kairo die Heilige Messe feierte. Etwa 30 000 Menschen nahmen daran teil; also jeder sechste Katholik Ägyptens. Natürlich waren auch Repräsentanten des Staates und des Islam sowie der orientalischen Kirchen anwesend. Ganz offiziell – obwohl ich ihn ja schon in der Nuntiatur im kleinen Kreis getroffen hatte – grüßte ich auf Deutsch im Namen der deutschsprachigen katholischen Markusgemeinde Kairo und wünschte ihm für seine Pilgerfahrt zum Sinai Gottes Segen. Spontan sprach er Deutsch mit mir und erkundigte sich nach der Gemeinde.

„Ihr habt ja

einen Heiligen

als Führer

der Kirche!“

Ein Muslim sprach mich später bewegt an und sagte sinngemäß: Ihr habt ja einen Heiligen als Führer der Kirche! Dabei spielte er gewiss auch auf das Alter und die gebrechliche Gesundheit des Papstes an, denn dies sind im Orient eher Zeichen der Würde und Grund zu großem Respekt. Und er hatte so Recht; Ägypten hatte im Jahr 2000 den Besuch eines heiligen Papstes. Vom Himmel aus soll er Papst Franziskus bei seiner Reise Ende April begleiten!“