Der geistliche Charme des Ostens

Benedikt XVI. besucht ein ostdeutsches Marienheiligtum – Ein Porträt des Wallfahrtsortes Etzelsbach. Von Katrin Krips-Schmidt

Das Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter von Etzelsbach. Foto: KNA
Das Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter von Etzelsbach. Foto: KNA

Es war einmal eine kleine Wallfahrtskapelle, am nördlichen Rand des thüringischen Eichsfelds gelegen, fast schon vergessen von der übrigen Welt. Mit diesen Worten könnte ein Märchen aus der Romantik beginnen, in dem es um die wundersame Wandlung eines verträumten Wallfahrtsortes ginge. Der dann mit einem Mal in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückt – spätestens dann nämlich, wenn Papst Benedikt XVI. hier in Etzelsbach im Bistum Erfurt am 23. September mit Tausenden von Gläubigen eine Marienvesper feiern und damit im Blickpunkt des Medieninteresses stehen wird.

Kein Märchen ist indes die Geschichte von der Auffindung des Gnadenbildes, das zu der Errichtung der Marienkapelle geführt hat – auch wenn Wikipedia das Geschehen im Sinne einer ungläubigen Verklärung gerne in die Nähe einer „Sage“ rückt.

Der kirchlichen Überlieferung zufolge fand hier ein Bauer beim Pflügen eines Feldes eine Pieta. Die Darstellung einer Schmerzensmadonna war unter der Erde vergraben. Aufgefunden wurde sie dadurch, dass die Pferde, die dem Landmann bei seiner Arbeit behilflich waren, just an dieser Stelle niederknieten und nicht mehr weiterlaufen wollten. Um 1625 trat im Nachbarort Wingerode eine Pferdeseuche auf, woraufhin die Bauern mit ihren kranken Tieren zu der Gnadenmadonna nach Etzelsbach pilgerten. Die Nachricht von der Genesung der Tiere und damit der Ruf der Stätte als Gnadenort verbreitete sich in Windeseile. Seitdem werden jahraus, jahrein an drei Marienfesten Wallfahrten organisiert. Wobei als besonderes Ereignis die sogenannte Pferdewallfahrt hervorzuheben ist, die sich bis auf den heutigen Tag unverminderter Beliebtheit erfreut und jedes Jahr am zweiten Sonntag nach Mariä Heimsuchung (2. Juli) stattfindet. Dabei führen die Pferdehalter ihre festlich geschmückten Tiere, bevor sie gesegnet werden, dreimal um die Kirche herum.

Die Pieta wurde zum ersten Mal während des Bauernkrieges in einem Schadensverzeichnis erwähnt. Im Jahre 1525 wurde die zum ehemaligen Zisterzienserinnenkloster Beuren gehörende Kapelle Etzelsbach von aufständischen Bauern niedergebrannt. Man vermutete, dass auch das darin enthaltene Inventar zerstört gewesen sei. Wie viele Kapellen in der Zwischenzeit hier errichtet wurden, ist nicht bekannt. Der heutige Bau wurde 1897/98 im neugotischen Stil errichtet und der in den Himmel aufgenommenen Gottesmutter geweiht.

Dass der Papst bei seinem Deutschlandbesuch ausgerechnet hier Station macht, hat vor allem geografische Gründe. Der Pfarrer der Gemeinde Steinbach in Thüringen, Franz-Xaver Stubenitzky, zu der die Wallfahrtskapelle gehört, erläutert das näher: „Das Terrain hier ist recht groß, es gibt nebenan eine Wiese und da lassen sich eine Menge Wallfahrer unterbringen. Alle elf anderen Wallfahrtsorte in der Umgebung, die sind bergig, klein und eng, so zum Beispiel auch der Wallfahrtsort Klüschen Hagis, wo zu DDR-Zeiten manchmal bis zu 20 000 Menschen zusammenkamen. Das ist sicherheitstechnisch nicht zu beherrschen. Und die polizeiliche Sicherheit hat ja einen hohen Stellenwert bei einer solchen Dimension eines Staatsbesuches, eines Papstbesuches. Das ist ein ganz gewichtiger Grund, weshalb dann auch die Auswahl für Etzelsbach zustande kam.“

Nach der Stimmung drei Monate vor dem hohen Besuch in seiner Pfarrei befragt, ergibt sich folgendes Bild: „Als die Gemeinde vor Ort hier in Steinbach merkte, da bewegt sich etwas, da kommen Autos mit Berliner Kennzeichen und von anderswoher und auch ein Bus mit dem Reisemarschall: Da war viel Volk auf der Straße. Das war eine frohe Neuigkeit für alle. Da war viel Freude und natürlich auch Erstaunen. Und es gab sogar welche, die sind ein bisschen Patrouille gefahren, weil sie nicht wussten, wer kommt denn nun. Ich kann nur sagen: Wir freuen uns, dass dieser Marienwallfahrtsort für diese Begegnung mit Papst Benedikt ausgewählt wurde.“

Zu der viele Menschen kommen werden. Bislang rechnet man im Erfurter Koordinierungsbüro für den Papstbesuch bereits mit 50 000 Wallfahrern. Welche Impulse erhofft sich Pfarrer Stubenitzky für seine Gemeinde, wie bereitet man sich auf das Kommen des Heiligen Vaters vor? „Ich erhoffe mir, dass dieser Marienwallfahrtsort einen höheren Bekanntheitsgrad erhält und damit auch eine Aufwertung erfährt, insofern, als man diesen Wallfahrtsort ja fast ein bisschen vergessen hätte. Aber er hat durchaus seinen Standkreis.

So kommen zu der ersten Wallfahrt – zu der Pferdewallfahrt – manchmal bis zu 8 000 Gläubige. Vor sieben Jahren hatte ich 375 Pferde gesegnet – das ist schon eine ganze Menge für diesen kleinen Gnadenort. An dem auch noch zwei weitere große Wallfahrten stattfinden, einmal zum Patrozinium, also zu Mariä Himmelfahrt, und dann zu Mariä Geburt (8. September). Das sind die drei großen Wallfahrten, die jeweils im Mai mit viel Gebet vorbereitet werden, und dann findet am 5. August noch eine kleinere Wallfahrt statt, die immer größer wird, weil diese die Rentner erreicht, und schließlich gibt es noch die Kinder-Wallfahrt für die Vorschulkinder hier vor Ort. Als geistliche Vorbereitung auf den Papstbesuch feiern wir seit dem 5. Juni jeden Sonntagabend um 17 Uhr eine Marienvesper, fast so, wie sie am 23. September mit dem Papst gesungen und gebetet wird. Dabei zitieren wir aus dem Buch von Papst Benedikt XVI., das mit Peter Seewald als Interviewausgabe veröffentlich wurde. Wir lassen dadurch Papst Benedikt uns auch mit seinem Geist ein bisschen näherkommen.“