Der brillante Kopf der Spätantike

Robin Lane Fox? Porträt des Augustinus ist Biografie und Sittengemälde zugleich. Von Clemens Schlip

Über keinen Menschen der Antike wissen wir mehr als über Augustinus. Das ist zu einem Gutteil seinen Bekenntnissen zu verdanken, in deren neun ersten Büchern der damals gerade im fünften Lebensjahrzehnt stehende Bischof auf seine Vergangenheit zurückblickte. Der britische Altertumswissenschaftler Robin Lane Fox beleuchtet nun ausgehend von den „Confessiones“ Leben und Werk des Nordafrikaners. Lane Fox bekennt offen, dass sein eigener religiöser Standort ein anderer ist als der Augustins: „Als ich mit den Arbeiten zu diesem Buch begann, waren sowohl der Papst als auch der Erzbischof von Canterbury ausgewiesene Kenner seines Denkens und seiner Lebensumstände. Ich teile ihren – oder auch Augustinus? – Glauben nicht, doch auch mich faszinieren seine ruhelose Intelligenz und seine grandiose Wortgewandtheit.“ Ungeachtet des weltanschaulichen Grabens, der den bekennenden Atheisten von dem spätantiken Bischof trennt: Lane Fox, der bis zu seiner Pensionierung in Oxford tätig war, widmet sich seinem Gegenstand nicht nur mit tiefem philologischem und philosophisch-theologischem Verständnis, sondern erkennbar auch mit jener grundsätzlichen Sympathie, ohne die es kein Verstehen geben kann. Er ist ein brillanter Stilist und Erzähler, was auch in der deutschen Übersetzung deutlich wird.

Sein umfangreiches Buch ist keineswegs einfach eine Nacherzählung der „Bekenntnisse“ des Augustinus. Lane Fox beschäftigt sich gerade auch mit den Dingen, die Augustinus nur andeutet, ganz unter den Tisch fallen lässt oder auch deshalb nicht erwähnte, weil sie für ihn und seine zeitgenössischen Lesern selbstverständlicher Alltag waren. Auf diese Weise gelingt es Lane Fox nicht nur, Augustinus? geistige Entwicklung zu beleuchten. Er bietet zugleich ein Sittengemälde einer faszinierenden Epoche in ihrer fremdartigen Schönheit und wahrt dabei das rechte Verhältnis zwischen Distanz und Nähe.

Dabei geht er nicht nur auf die geistesgeschichtlichen Strömungen und politischen Entwicklungen ein, sondern zeigt auch, wie die spätantike Gesellschaft sozial aufgebaut war und wo darin jeweils der Platz des Augustinus war. Der spätere Bischof war in seinem ersten Lebensabschnitt ein ehrgeiziger Redelehrer aus einer zwar nicht mittellosen, aber auch nicht übermäßig begüterten Familie. Schon die Ausbildung, die der Knabe in seiner Heimatstadt Tagaste erhielt, war ein Privileg, das seinen Cousins nicht zuteil wurde. Dass er mit sechzehn Jahren zur Vertiefung seiner rhetorischen Studien nach Karthago ging, wäre ohne Unterstützung eines reichen Gönners nicht möglich gewesen. Und auch wenn Augustinus im Rückblick seinen weltlichen Ehrgeiz verurteilte, beruht doch ein Gutteil seiner geistesgeschichtlichen Wirkung auf seiner damals erworbenen literarischen und rhetorischen Schulung, die auch ganz praktische Dinge wie das Auswendiglernen großer Textpassagen umfasste. Man erfährt in diesem Buch nebenbei auch manches über den damaligen Schulbetrieb und die Rolle, die das Theater in spätantiken Großstädten spielte. Und auch darüber, wie Studium und schriftstellerische Tätigkeit in einer Epoche aussahen, in der Bücher ein Luxusartikel waren.

Der Autor hat Mut zu entschiedenen Thesen. Gegen Augustinus? Mutter Monnica etwa ist Lane Fox deutlich kritischer als der Kirchenvater selbst. Lane Fox sieht bei ihrem Einsatz für die Ausbildung ihres Sohnes durchaus weltliche Motive am Werk, während Augustinus meinte, es sei seiner Mutter letztlich nur darum gegangen, ihm durch Bildung eine bessere Gotteserkenntnis zu ermöglichen.

Lane Fox bietet präzise Beobachtungen zu den weltanschaulichen Wandlungen des jungen Augustinus, die ihn schließlich zur Wahl eines zölibatären Christentums führten. Die Hinwendung zum Katholizismus will Fox lieber als „Korrektur“ denn als „Konversion“ verstanden haben, was eine gewisse Begriffsklauberei darstellt. Besonders Augustinus? Phase in der Sekte der Manichäer wird intensiv beleuchtet. Dabei wird deutlich, dass Augustinus den Manichäismus lange als eine reinere Form des Christentums betrachtete. Lane Fox geht – anders als etwa Joseph Ratzinger – davon aus, dass Augustinus detaillierte Kenntnisse der manichäischen Lehre besaß und verdeutlicht, wie gerade daraus Fragen und Problemstellungen resultierten, die zu seiner Bekehrung zum katholischen Christentum führten.

Augustinus? Biographie wird in diesem Buch nicht nur aus sich selbst heraus betrachtet, sondern auch mit der zweier Zeitgenossen in Beziehung gesetzt: des in Libyen lebenden Synesios und des in Antiochien tätigen Libanios. Synesios war ein aus vornehmer Familie stammender philosophisch gebildeter Christ, der Bischof von Kyrene wurde – was ihn nicht davon abhielt, weiter mit seiner Frau zusammenzuleben. Der Heide Libanios war ein literarisch wie finanziell sehr erfolgreicher Redelehrer in der heutigen Türkei. Die immer wieder vorgenommene Kontrastierung dieser Lebenswege sorgt nicht nur für Auflockerung, sondern ist auch erkenntnisfördernd. Die sozioökonomische Ausgangslage des späteren Kirchenvaters wird klarer durch den Vergleich mit den beiden ebenfalls rhetorisch und philosophisch Gebildeten, die von Geburt an den Vorteil großer finanzieller Ressourcen hatten. Auch wird durch den Blick auf das bisweilen sonderbar anmutende Christentum des Synesios und das schicksalsgläubige Heidentum des Libanios deutlich, wie groß die weltanschauliche Vielfalt in der Spätantike war – und welche Gemeinsamkeiten es dennoch gab. So unterschiedlich etwa Libanios und Augustinus nach Herkunft und Weltanschauung auch waren, so verband doch beide das Gefühl einer göttlichen Führung in ihrem Leben.

Über die umfangreiche moderne Forschungsliteratur zur Spätantike verfügt Lane Fox mit souveräner Kenntnis. Seine Darstellung ist durchgängig präzise und elegant. Mit seinem „Augustinus“ legt der britische Wissenschaftler ein wirklich bedeutendes Werk vor.

Robin Lane Fox: Augustinus. Bekenntnisse und Bekehrungen im Leben eines antiken Menschen. Klett-Cotta, Stuttgart 2017, Hardcover, 746 Seiten, ISBN 978-3-608-98115-5, EUR 38,–