Der Weg der Unterscheidung

Jugendliche aus aller Welt formulierten in Rom ihre Erwartungen an die Jugendsynode im Herbst. Von Guido Horst

Palmsonntag im Vatikan
Selfie mit dem Nachfolger Petri: Die Vorsynode wird vielen in Erinnerung bleiben.o: dpa Foto: Fot
Palmsonntag im Vatikan
Selfie mit dem Nachfolger Petri: Die Vorsynode wird vielen in Erinnerung bleiben.o: dpa Foto: Fot

Franziskus will eine Bischofssynode für die Jugend – und er hat gewollt, dass Jugendliche aus aller Welt an der Vorbereitung der Bischofsversammlung beteiligt sind. Keine Frage: Der Papst traut den jungen Menschen, er sieht in ihnen nicht nur „Nachwachsende“, die man führen und orientieren muss. Am vergangenen Sonntag hat Franziskus mit vielen Jugendlichen den Palmsonntagsgottesdienst gefeiert. Es war der dezentral begangene Weltjugendtag, der letzte, bis es dann im kommenden Jahr in Panama wieder einen zentralen Weltjugendtag geben wird. Der Frühling hatte seine Vorboten geschickt, laue Temperaturen und Sonnenschein – und endlich war der Petersplatz wieder einmal gut gefüllt. Der Papst predigte über den Schrei „Kreuzige ihn!“, der den Jubel des Volkes beim Einzug Jesu in Jerusalem später übertönen sollte. Es sei die Stimme dessen, so Franziskus, „der die eigene Position verteidigen will, indem er insbesondere denjenigen in Verruf bringt, der sich nicht verteidigen kann“. Es sei der Schrei der in Szene gesetzten Selbstgefälligkeit, des Stolzes und des Hochmuts, der problemlos ausruft: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“

Dann sprach Franziskus direkt die Jugendlichen an, deren Begeisterung manchem ein Dorn im Auge sei. „Liebe Jugendliche, die Freude, die Jesus in euch erweckt, ist Grund zu Ärger und auch zu Entrüstung bei einigen Leuten, da es schwierig ist, einen frohen jungen Menschen zu manipulieren. Ein junger Mensch ist schwer zu manipulieren!“ Aber es gebe die Möglichkeit zu einem dritten Schrei, wie es das Lukas-Evangelium berichte: „Da riefen ihm einige Pharisäer aus der Menge zu: Meister, weise deine Jünger zurecht! Er erwiderte: Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.“

Die jungen Menschen zum Schweigen zu bringen, so der Papst weiter, „ist eine Versuchung, die es immer gegeben hat. Die Pharisäer selbst tadeln Jesus und bitten ihn, sie zu beruhigen und zum Schweigen zu bringen.“ Es gebe viele Formen, jemanden zum Schweigen zu bringen oder die jungen Menschen auszuschalten. Viele Wege, um sie zu betäuben und einzulullen, damit sie keinen „Krach“ machen, damit sie sich nicht selbst Fragen stellen und hinterfragen. „Seid ihr doch still!“ Es gebe viele Möglichkeiten, die Jungen zu beruhigen, so dass sie sich nicht einmischen und ihre Träume den Schwung verlieren und zu flachen, kleinen, traurigen Phantastereien werden. An diesem Palmsonntag des Weltjugendtags, meinte Franziskus, tue es gut, auf die Antwort Jesu an alle Pharisäer von gestern und aus allen Zeiten, auch an die von heute, zu hören: „Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.“

Und so wünschte sich der Papst von seinen jugendlichen Zuhörern: „Bei euch liegt die Entscheidung zu schreien. An euch liegt es, euch für das Hosanna des Sonntags zu entscheiden, um nicht dem ,Kreuzige ihn!‘ des Freitags zu verfallen... Und es liegt an euch, nicht zu schweigen. Wenn die anderen schweigen, wenn wir, die oftmals verdorbenen Ältesten und Verantwortlichen, schweigen, wenn die Welt schweigt und ihr die Freude verliert, frage ich euch: Wollt ihr schreien? Bitte entscheidet euch, bevor die Steine schreien.“

Unter den Jugendlichen auf dem Petersplatz befanden sich an diesem Sonntag auch die etwa dreihundert Jugendlichen, die aus allen fünf Kontinenten in Rom zusammengekommen waren, um ihre Gedanken zur Jugend-Synode im Herbst auszutauschen und ein zwölfseitiges Dokument zu erarbeiten. Es wurde dem Papst während der Palmsonntagsmesse überreicht – von einem Jugendlichen aus Panama, wo der kommende Weltjugendtag stattfinden wird. Wie lautete nun der „Schrei“, der von diesem Treffen – manche sprachen von der „Jugendsynode“ – ausgegangen ist?

Das Papier schildert verschiedene Aspekte der Lebenswelten junger Menschen in aller Welt, fragt nach Möglichkeiten, angemessene Lebensentscheidungen zu treffen und fordert die Kirche auf, offen und transparent auf junge Menschen zuzugehen. Diese wünschten sich eine Kirche, die sie ernst nehme und zu Fehlern steht, die den Glauben überzeugend lebe, verständlich spreche und wahre Orientierung gebe. Den Jugendlichen geht es um den Respekt vor Verschiedenheit, um Zugehörigkeit und Orte der Bildung eigener Identität, auch um Fragen von Entwicklung und Gerechtigkeit. „Die Kirche kann eine wichtige Rolle dabei spielen, dass junge Menschen nicht an den Rand gedrückt werden, sondern akzeptiert werden“, heißt es dort. Besonders gelte das für junge Frauen, hier brauche es „Offenheit für verschiedene Ideen und Erfahrungen“, so der Text. Das Thema Frauen zieht sich überhaupt als einer der roten Fäden durch den ganzen Text.

Allzu oft erscheine die Kirche zu streng und werde „mit einem überzogenen Moralismus“ gleichgestellt, heißt es in dem Dokument weiter. Zudem sei es für junge Menschen schwer, die Logik des „Das-war-schon-immer-so“ zu überwinden. „Wir brauchen eine Kirche, die willkommen heißt und barmherzig ist, die ihre Wurzeln und ihr Erbe würdigt und jeden liebt, auch jene, die nicht den allgemeinen Standards folgen“, heißt es. Dann werde die Kirche für viele wieder überzeugender. Beispiele, die das Geforderte anschaulich machen würden, zählt das Dokument nicht auf.

Ein zentraler Aspekt bei der kommenden Bischofssynode und bei dem Vorbereitungsdokument der „Jugendsynode“ ist die Findung und Unterscheidung der eigenen Berufung. Das ist Gegenstand des zweiten Hauptteils des Papiers. Auch bei den Berufungen zum Christsein herrsche eine gewisse Vielfalt, „die Beziehung junger Menschen zu Jesus ist genauso verschieden wie es verschiedene junge Menschen auf Erden gibt“. Das Dokument bedauert, dass der Glaube heute oft etwas Privates geworden sei – negative Erfahrungen junger Menschen mit Kirche hätten dazu beigetragen. Der Text spricht von einer Kultur in der Kirche, die sich vor allem mit der Institution befasst und nicht Jesus Christus im Zentrum habe. Beklagt wird, dass aus dem Wort „Berufung“ eine Spezialdisziplin für Ordensleute und Priester geworden sei, die vom Alltag der meisten Menschen weit entfernt sei. Dabei habe jeder Mensch die Aufgabe, seinen Ruf durch Gott zu unterscheiden. Die kommende Bischofssynode solle mit größerer Klarheit herausstellen, was „Berufung“ eigentlich meine.

Die eigene Berufung zu unterscheiden, so heißt es in dem Text der Jugendlichen, stellt „gerade im Licht der mit diesem Begriff verbundenen Vorurteile eine Herausforderung dar, der sich die Jugendlichen aber trotzdem stellen.

Dieser Prozess der Unterscheidung kann ein Abenteuer sein, das den ganzen Lebensweg begleitet. Das vorausgesetzt muss man sagen, dass viele junge Menschen nicht wissen, wie sie in diesen Prozess der Unterscheidung hineinwachsen können, was wiederum eine Möglichkeit für die Kirche darstellt, um sie zu begleiten.“ Zahlreiche Faktoren würden die Fähigkeit eines Jugendlichen beeinflussen, die eigene Berufung zu unterscheiden: die Kirche, die kulturellen Unterschiede, das Angebot von Arbeit, die digitale Welt, die familiären Erwartungen, die mentale Gesundheit und der Gemütszustand, der soziale Druck der Gleichaltrigen, die politischen Szenarien, das Leben des Gebets und der Frömmigkeit, die Heilige Schrift, die Gesellschaft, die Technik und so weiter. „Zeit in Ruhe zu verbringen, in sich hineinzuschauen wie auch die Heilige Schrift zu lesen und das Gewissen zu vertiefen, alles das sind Möglichkeiten, die Jugendliche in Wirklichkeit wenig ausnutzen. Es braucht eine stärkere Einführung in diese Praktiken.

Sich an Gebetsgruppen zu beteiligen sowie Bewegungen und Gemeinschaften, die auf den gemeinsamen Interessen gründen, können den jungen Menschen bei ihrer Unterscheidung helfen.“ Das alles klingt nicht nach einem „Schrei“ der Jugendlichen, stellt aber nicht zuletzt eine Auflistung der Schwierigkeiten dar, auf die junge Menschen heute bei einer Vertiefung ihres Glaubenslebens und einer ernsthaften Nachfolge Christi stoßen. Die Gedanken der „Jugendsynode“ werden nun in die Erarbeitung des „Instrumentum laboris“, des Arbeitspapiers der Bischofsversammlung einfließen. An der Synode dann werden einige ausgewählte Delegierte der Jugendsynode als „Hörer“ ohne Stimmrecht teilnehmen.