„Der Wahrheit ins Auge schauen“

Missbrauchsskandal: Erzbistum München setzt Task-Force „Prävention“ ein – Hamburger Weihbischof Jaschke will über

„neue Formen des priesterlichen Dienstes“ nachdenken – Vatikanzeitung: Mehr Frauen in kirchlichen Leitungsämtern hätten Vertuschen verhindert

München/Berlin/Rom (DT/KNA) Die Diskussion über die Aufarbeitung der Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland und entsprechende Konsequenzen geht weiter. Die Erzdiözese München-Freising setzt eine eigene Task-Force „Prävention“ im Kampf gegen sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ein. „Wir wollen uns zu 100 Prozent anstrengen, um neue Taten zu verhindern“, erklärte Generalvikar Peter Beer am Freitag in München. Zugleich schränkte er aber ein, dass es keinen hundertprozentigen Schutz vor sexuellem Missbrauch gebe, weil Versagen und Vergehen Einzelner nie ganz ausgeschlossen werden könnten. Daneben liegt der Schwerpunkt laut Ordinariat auch weiter auf der Aufklärung und Aufarbeitung bereits geschehener Fälle, heißt es in der Mitteilung. So überprüfe der Rechtsreferent der Erzdiözese, Stefan Korta, seit Anfang Februar Hinweise auf Missbrauchsfälle aus früheren Jahrzehnten. Er werde von einer Arbeitsgruppe unterstützt, der unter anderen der Archivdirektor des Erzbistums, Peter Pfister, und der Kirchenrechtler Rene Löffler angehören. Generalvikar Beer kündigte an, noch eine unabhängige Rechtsanwaltskanzlei hinzuziehen zu wollen.

Ebenfalls am Freitag sprach sich der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke mit Blick auf den Missbrauchsskandal dafür aus, über den Zölibat und neue Formen des Priestertums nachzudenken. Zwar sei der Zölibat nicht Ursache von Missbrauch, sagte er am Freitag im Deutschlandfunk. Die zölibatäre Lebensform könne aber Menschen anziehen, die „eine krankhafte Sexualität haben“. Jaschke plädierte dafür, dass die Kirche über „neue Formen des priesterlichen Dienstes“ und die Gemeindeleitung durch Laien nachdenken müsse. Zugleich betonte er, dass die priesterliche Ehelosigkeit ein wichtiges Zeichen für die Freiheit und Hingabe des Priesters bleibe.

Anders als Jaschke sieht der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller keinen Grund für eine Änderung des Pflichtzölibats. Die Behauptung eines Zusammenhangs zwischen dem Zölibat und sexuellem Missbrauch wies Müller als „Dummheit“ zurück. Pädophilie gründe vielmehr in einer Entwicklungsstörung, deren genaue Ursachen noch nicht bekannt seien, sagte der Bischof am Donnerstag gegenüber Journalisten in Rom. Wer sich als Geistlicher sexueller Vergehen schuldig mache, könne nicht mehr seine Rolle als Abbild Christi ausüben und sei damit vom Priesteramt ausgeschlossen, so Müller. Den Medien warf Müller in ihrer Berichterstattung „große Ungerechtigkeit“ gegenüber jenen Kirchenmitarbeitern vor, die einen tadellosen Dienst leisteten. Müller äußerte sich in Rom am Rande einer internationalen Tagung der vatikanischen Kleruskongregation.

Täter sollen Opfer entschädigen

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick will Missbrauchstäter aus dem Raum der Kirche zur Entschädigung ihrer Opfer heranziehen. „Wir brauchen Wiedergutmachung“, sagte Schick der „Süddeutschen Zeitung“ (Donnerstag). „Gemäß unserem Rechtsstaat muss diese von den Tätern kommen.“ Die Kirche selbst sieht der Erzbischof vorerst nicht in der Pflicht. „Es ist in unserem Rechtssystem nicht vorgesehen, dass eine Institution haftet.“ Auf die Frage, ob die Kirche nicht aus moralischer Verantwortung den Opfern eine Entschädigung zahlen sollte, antwortete Schick: „Darüber müssen wir kirchenintern sicher noch sprechen.“ Zunächst seien jedoch die Täter gefordert. „Es ist ja nicht so, dass die alle arm sind.“ Im Kirchenrecht gebe es bei besonderen Fällen auch die Möglichkeit, Verjährungsfristen aufzuheben. „Diese Möglichkeit müssen wir jetzt auch nutzen“, so Schick. Erneut sprach sich der Erzbischof für eine Veränderung der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz aus. Künftig sollte die Staatsanwaltschaft auch dann informiert werden, wenn die Vorwürfe verjährt seien. Außerdem müssten die Ermittlungsbehörden schon bei einem begründeten Verdacht eingeschaltet werden. Dies gelte bereits für den Fall, wenn ein glaubwürdiger Zeuge etwas vorbringe, das über ein Gerücht hinausgehe. Die Bischofskonferenz werde das in den nächsten Wochen umsetzen. Schick votierte außerdem für eine Verlängerung der Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch von 10 Jahren gerechnet ab der Volljährigkeit des Opfers auf mindestens 30 Jahre. Der Gesetzgeber sollte außerdem versuchen, Regeln zu finden, wie mit bereits verjährten Fällen umzugehen sei, auch wenn neue Fristen nicht rückwirkend gelten könnten.

Der Münchener Erzbischof Reinhard Marx warnte angesichts des Missbrauchsskandals vor einem Generalverdacht gegen Mitarbeiter in kirchlichen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen. Zugleich bekräftigte er am Mittwochabend in Berlin, die Kirche sei an umfassender Aufklärung interessiert und werde nichts vertuschen. „Wir müssen der Wahrheit ins Auge schauen“, sagte er. Er selbst sei auch „voller Scham“. „Wir müssen das aufarbeiten“, sagte der Erzbischof. Das gelte aber auch für die gesamte Gesellschaft. Missbrauch und Übergriffe seien „kein Spezialthema“ der katholischen Kirche. Marx erläuterte, die Linie der Deutschen Bischofskonferenz bei diesem Thema sei nüchtern und klar. Zugleich zeigte er sich davon beeindruckt, wie viele Eltern, deren Kinder kirchliche Schulen besuchten, sich in der gegenwärtigen Situation meldeten und ihre guten Erfahrungen betonten. Das engagierte Bemühen um Prävention könne durchaus das Ansehen kirchlicher Schulen wieder stärken, sagte der Erzbischof. Marx äußerte sich bei einer Veranstaltung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung.

Rückhaltlose Aufklärung

Unter den zahlreichen Wortmeldungen zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals sorgt ein Leitartikel der Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ unter kirchlichen Beobachtern für Erstaunen. In dem Beitrag heißt es, der Ausschluss von Frauen aus kirchlichen Leitungsämtern sei mitverantwortlich für die Missbrauchsskandale. Eine größere weibliche Präsenz in den Entscheidungsebenen der Kirche hätte möglicherweise „den Vorhang männlicher Verschwiegenheit“ angesichts derartiger Verbrechen zerrissen, schreibt die Historikerin Lucetta Scaraffia in einem Beitrag für die Donnerstagsausgabe. Frauen seien eher bereit, Kinder und Jugendliche vor sexuellem Missbrauch zu verteidigen, begründet die Wissenschaftlerin ihre These. In entsprechenden Positionen hätten sie schweren Schaden von der Kirche abwenden können. Trotz einer gestiegenen theoretischen Wertschätzung kämen Frauen im Leben der Kirche noch immer nicht angemessen vor. Auch wenn ihre Beteiligung größer geworden sei, habe man ihr Engagement „praktisch immer aus den Entscheidungsbereichen herausgehalten“, so Scaraffia, die an der römischen Sapienza-Universität lehrt.

Unterdessen gab die Diözese Rottenburg-Stuttgart bekannt, allen Hinweisen auf sexuellen Missbrauch im kirchlichen Raum detailliert nachgehen zu wollen. Beim Bistum seien in den vergangenen Wochen weitere Hinweise auf Übergriffe eingegangen, die in den „allermeisten Fällen viele Jahre, beziehungsweise Jahrzehnte“ zurücklägen, teilte das Bistum am Donnerstag mit. Die Vorfälle würden nun von der vom Bistum beauftragten unabhängigen Kommission Sexueller Missbrauch untersucht. Danach werde die Öffentlichkeit informiert. Das Bistum setze sich für rückhaltlose Aufklärung, Gerechtigkeit für die Opfer und eine Bestrafung der Täter ein, erklärte Bischof Gebhard Fürst in Rottenburg. Zugleich müssten Beschuldigte vor öffentlichen Vorverurteilungen geschützt werden.

Wie die „Leipziger Volkszeitung“ (Donnerstag) berichtete, meldeten sich bei ihr nach einem ehemaligen Heimbewohner des früheren Eilenburger Ernst-Schneller-Heims weitere Betroffene. Sie hätten von sexuellen Übergriffen und regelmäßigen körperlichen Misshandlungen berichtet. Damit erhärtet sich der Verdacht sexueller Übergriffe an Kindern und Jugendlichen in dieser Einrichtung. In der DDR waren in dem staatlichen Heim sogenannte erziehungsauffällige Kinder untergebracht. Die Vorwürfe betreffen vor allem die Zeit zwischen 1970 und 1980; die Caritas übernahm das Heim 1994.