Der Vater des New Age

Ist die Lehre Teilhard de Chardins frei von schweren Irrtümern? Zu einem seltsamen Vorschlag des Päpstlichen Kulturrates. Von Manfred Hauke

Pierre Teilhard de Chardin
Seine These über die Erbsünde sorgte für Verwirrung: Pierre Teilhard de Chardin SJ. Foto: KNA

Kürzlich veröffentlichte der Päpstliche Kulturrat auf seiner Internetseite einen „Vorschlag“, der auf die Vollversammlung Mitte November zurückgeht: „Die Zukunft der Menschheit. Neue Herausforderungen der Anthropologie“. Ein italienischer Professor für Astrophysik habe Papst Franziskus in einem Brief gebeten, „die Möglichkeit zu berücksichtigen, das Monitum zurückzunehmen, das 1962 von der Glaubenskongregation – damals Heiliges Offizium – bezüglich der Schriften Pater Pierre Teilhard de Chardins SJ auferlegt worden ist“. Über diesen Vorschlag sei nicht abgestimmt worden, aber die Anwesenden, darunter Kardinäle, Bischöfe und Laien, hätten ihn angenommen und viele hätten ihn auch unterschrieben.

Das einschlägige Monitum ist sehr kurz: „Gewisse Werke des Paters Pierre Teilhard de Chardin – auch solche, die nach seinem Tode herausgegeben wurden – werden verbreitet und finden einen nicht geringen Anklang. Abgesehen von dem Urteil über das, was sich auf die positiven Wissenschaften bezieht [die Naturwissenschaften], ist es offenkundig, dass die genannten Werke im Bereich der Philosophie und Theologie derartige Doppeldeutigkeiten enthalten, und darüber hinaus so schwere Irrtümer, dass sie die katholische Lehre verletzen. Die Kongregation des heiligen Offiziums fordert deshalb alle Ordinarien sowie Oberen religiöser Gemeinschaften, Seminarleiter und Universitätsrektoren auf, die Geister – namentlich die junger Menschen – vor den in den Werken Pater Teilhard de Chardins und seiner Anhänger enthaltenen Gefahren wirksam zu schützen“ (übersetzt aus AAS 54, 1962, 526).

Es geht hier also nicht um wissenschaftliche Daten zur Evolutionslehre, sondern um das Gebiet der Philosophie und Theologie, in dem die Werke Teilhards „Doppeldeutigkeiten“ und „schwere Irrtümer“ enthalten, die mit dem katholischen Glauben nicht vereinbar sind.

Im Osservatore Romano vom 1. Juli 1962, wo das Monitum zuerst abgedruckt wurde, folgt unmittelbar ein ungezeichneter Kommentar unter dem Titel „Pierre Teilhard de Chardin und sein Denken im Bereich der Philosophie und Theologie“, der auch auf das im gleichen Jahr erschienene Buch Henri de Lubacs über Teilhard Bezug nimmt. Der relativ ausführliche und mit präzisen Quellenangaben belegte Text bemerkt, dass Teilhards Begriff der Schöpfung nicht mit der kirchlichen Lehre übereinstimmt („Vereinigung“ statt Schöpfung aus dem Nichts). Darum wird auch die Transzendenz Gottes nicht hinreichend gewahrt. Die Unterscheidung zwischen Natürlichem und Übernatürlichem wird verwischt. Das Gleiche gilt für die Beziehung zwischen Geist und Materie. Die Erbsünde im kirchlichen Sinne wird geleugnet. Die hier benannten Irrtümer sind keine Kleinigkeiten. Der Kommentar äußert sich kritisch zum Buch de Lubacs, der zwar zahlreiche Mängel Teilhards auflistet (besonders deutlich bezüglich der Erbsünde), aber die Gesamtkonzeption des Denkens mit Lob versieht und somit die Irrtümer verniedlicht.

Der Vorschlag des Päpstlichen Kulturrates wäre überzeugend, wenn sein Urheber anhand einer Analyse des Gesamtwerkes von Teilhard nachweisen könnte, dass das Heilige Offizium Missverständnissen unterlegen wäre, weil man sein Werk nicht genau genug studiert hätte. Dergleichen wird aber gar nicht erst versucht. Das ungezeichnete Internetdokument des Rates gibt im Gegenteil zu: „Es ist klar, dass der von Teilhard vorgeschlagene Versuch einer philosophisch-theologischen Deutung in einigen Punkten mangelhaft erscheint und dass die mangelnde Genauigkeit seiner Sprache nicht immer für ein richtiges Verständnis förderlich ist …“. Genau dies sagen auch das Monitum und der dazu gehörige Kommentar, die schwerwiegende Irrtümer und Doppeldeutigkeiten erwähnen. Wieso sollte dann der Heilige Vater das Monitum zurückziehen?

Sind sich die Verfasser sicher, dass eine solche Maßnahme „eine beredte Geste“ ist, um „den wechselseitigen Dialog zwischen Wissenschaft und Glauben“ zu befördern? Gerade für Naturwissenschaftler ist eine klare Sprache wichtig und eine geprägte Begrifflichkeit, die bei dem französischen Paläontologen in pseudo-mystischen Ergüssen verschwimmt. Der (nicht gläubige) Evolutionsbiologe Franz M. Wuketits bemerkt jedenfalls kritisch, die „Evolutionsmystik“ Teilhards sei „für einen in halbwegs ,klaren Linien‘ denkenden Menschen schwer zu verdauen“.

In Teilhard ist zweifellos das Bemühen zu würdigen, die Entwicklung des Kosmos in einer Sicht zu beschreiben, die auf Christus hin zielt. In diesem Sinne hat die Teilhard'sche Konzeption das Konzilsdokument „Gaudium et spes“ untergründig beeinflusst, und mehrere Päpste von Paul VI. bis Franziskus haben einzelne Aspekte seines Ansatzes positiv gewürdigt (vgl. Enzyklika „Laudato si' 83, Fußnote 53). Die konkrete Durchführung dieser Synthese ist freilich mit schwerwiegenden inneren Problemen und Folgeschäden belastet. Deutlich wird dies bereits am Beginn der theologischen „Karriere“ des Jesuiten, als Teilhard 1922 einen Aufsatz über die Erbsünde veröffentlichte. Teilhard war kein ausgebildeter Lehrer der Theologe, sondern wirkte als Professor für Geologie am Institut Catholique von Paris. In seinem theologischen Aufsatz vertritt er einen fließenden Übergang zwischen Mensch und Tier bei der Evolution. Schöpfung, Sündenfall, Inkarnation und Erlösung sind keine geschichtlichen Ereignisse, sondern werden mit innerweltlichen Wirklichkeiten in eins gesetzt. Die Erbsünde ist dem Sein der Welt von jeher beigemischt, ebenso wie die Wirklichkeit Gottes. Das Böse – die Erbsünde – wird gleichgesetzt mit der Vielfalt im Kosmos, die einer fortschreitenden Vereinigung weichen muss. In dieser Konzeption gibt es natürlich keinen Platz für einen heilen Ursprung des Menschen im Paradies.

Walter Kasper erinnert kritisch daran, dass Teilhard selbst einmal bemerkt, dass seine Erklärung des Bösen nach Manichäismus rieche. Kein Wunder, dass Teilhard von seinen Vorgesetzten untersagt wurde, weitere theologische Arbeiten zu veröffentlichen.

Hans-Eduard Hengstenberg und Leo Scheffczyk haben die kritische Wertung aus dem Pontifikat von Papst Johannes XXIII. bestätigt: die Gesamtkonzeption Teilhards ist problematisch. Das gilt nicht zuletzt für die Konfusion zwischen Natur und Gnade, die eine Säkularisierung befördert, und für die Aussagen über das Wirken Gottes in der Welt, bei denen das unmittelbare Einwirken Gottes verschwindet zugunsten des Wirkens der geschaffenen Zweitursachen. Das Werk Teilhards beinhaltet eine kräftige Neigung zum Panpsychismus und Pantheismus. Der französische Jesuit ist einer der „Väter“ des New Age. In dem „Kultbuch“ dieser Bewegung aus dem Jahre 1980 (Marilyn Feruson, The Aquarian Conspiracy) ist Teilhard der meist zitierte Autor. Die Bedeutung der menschlichen Geistseele, das Einwirken der Engel, die keiner Evolution entstammen, die Wirklichkeit der Erbsünde und die weltüberlegene Wirklichkeit Gottes geraten bei Teilhard in den Strudel eines gnostisch anmutenden Denkens, das Theologie und Physik auf verworrene Weise zusammenrührt. Seine Konzeption hatte ihre Sternstunde in den vom „Fortschritt“ faszinierten 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, aber in der theologischen Reflexion ist die Entwicklung inzwischen darüber hinausgegangen. Der Dialog zwischen Naturwissenschaften, Philosophie und Theologie ist zweifellos ein wichtiges Anliegen, aber der Vorschlag, die „schwarzen Flecken“ Teilhard de Chardins weiß zu waschen, ist dafür nicht geeignet.