„Der Tod ist heute outgesourct“

Die katholische Tradition als Tor zur Trauerbewältigung – Ein Gespräch mit Prälat Wilhelm Imkamp. Von Regina Einig

Trauer in Berlin
Warum? Diese Frage stellen sich viele Angehörige an den Gräbern ihrer lieben Verstorbenen und sie gehört zum Trauerprozess. Foto: KNA

Herr Prälat, Sterben und Bestattung fallen heute individueller denn je aus. Auf welche Trauerformen sollten wir auf keinen Fall verzichten?

Auf keinen Fall sollten wir darauf verzichten, die Menschen zum Gebet für die Verstorbenen aufzufordern. Wir dürfen nie vergessen, dass der Tote nicht tot ist, sondern dass der Tod den Eintritt in eine andere Sphäre bedeutet. Es lohnt sich, intensiv darüber nachzudenken, dass wir mit den Verstorbenen kommunizieren können. Das Gebet für die Armen Seelen und mit den Armen Seelen und das Fürbittgebet der Armen Seelen für uns ist die Chance für eine dichte Kommunikationsgemeinschaft mit der Verstorbenen. Ich glaube, dass die Situation heute zwar nicht günstig ist für Religion, in diesem Fall aber eine besondere Wirkung entfalten kann. Wieviele Menschen sehnen sich danach, mit Toten zu reden. Wie oft hört man: „Es ist noch keiner zurückgekommen“. Das stimmt ja nicht: Unser Herr Jesus Christus ist zurückgekommen und auch etliche Heilige. Wir müssen die Menschen zur Kommunikation mit den Verstorbenen anhalten.

In welcher Form?

Eine besonders effektive Form der Kommunikation ist die Gewinnung eines Ablasses, besonders am Tag Allerseelen. Das ist meines Erachtens die beste Form der Trauerarbeit. Wir können etwas für die Verstorbenen tun, um die wir trauern. Und die Verstorbenen können etwas für uns tun, um uns die Trauer zu erleichtern. Häufig betrauern wir ja nicht den Verstorbenen – ihm geht es meist besser als uns – sondern wir betrauern uns, weil wir eine Verlusterfahrung machen mussten.

Stichwort Gebet: Die Zahl der Messbestellungen ist vielerorts rückläufig. Auch Geistliche raten manchmal von Formen wie Gregorianischen Messen ab.

Messbestellungen gehören zur Kommunikation mit den Verstorbenen. Die Früchte des Messopfers werden den Verstorbenen zugewandt. Es ist weder kitschig noch abwegig, wenn wir uns vorstellen, dass wir in ein Feuer eine Kanne Wasser schütten. Wir helfen den Verstorbenen in einer unangenehmen Lage im Fegefeuer. Wir können durch Messbestellungen an der Beschleunigung des Reinigungsprozesses teilhaben. Das sind Tröstungen, die wir heute oft geringschätzen. Dasselbe gilt für die Verehrung des heiligen Josef als Patron für eine gute Sterbestunde. Der Tod soll kein isoliertes Ereignis in unserem Leben sein, sondern sich in unser Frömmigkeits- und Alltagsleben harmonisch einfügen.

Versehgänge sind rar geworden. Was steckt dahinter?

Ja, Versehgänge sind tatsächlich rar geworden. An ihre Stelle ist eine Art „Rudelspendung“ der Krankensalbung getreten. Sie dient häufig als erbaulicher Abschluss einen Seniorennachmittags, manchmal aber auch als Warming-up-Phase zum Einstieg in einen solchen. Versehgänge sind aber vor allem deswegen auch rar geworden, weil die meisten Menschen heute im Krankenhaus sterben. Ob da immer die Krankensalbung und die „Letzte Wegzehrung“ gespendet wird, ist schwierig zu beurteilen. Ich habe da Zweifel.

Was spricht aus Ihrer Sicht dafür?

Einem Sterbenden möglichst im Kreis seiner Angehörigen die Krankensalbung zu spenden ist der beste Einstieg in die sogenannte „Trauerarbeit“ oder „Trauerbegleitung“.

Von der „Letzten Ölung“ oder der „Letzten Wegzehrung“ spricht man heute nicht mehr. Warum?

Der Ausdruck „Letzte Ölung“ war nie ganz exakt, denn dieses Sakrament konnte und kann in Todesgefahr gespendet werden. Das bedeutet nicht „unmittelbar vor dem Tod“. Es ist aber sicher ein „letztes“ Sakrament nach Taufe, Firmung und Priesterweihe, bei dem gesalbt wird. Es muss vom Bischof geweihtes Öl sein. Deswegen ist die Bezeichnung „Krankensalbung“ durchaus passend. Allerdings kann die Krankensalbung im Gegensatz zu den anderen „Öl“-Sakramenten mehrmals gespendet werden – nicht bei der gleichen Krankheit zwar, aber bei Folgekrankheiten.

Gibt es in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft Argumente dafür, wieder Sterbebruderschaften ins Leben zu rufen?

Sterbebruderschaften ins Leben zu rufen wäre insofern positiv, als man so der Verdrängung des Todes entgegentritt. Der Tod ist heute weitgehend outgesourct. Gestorben wird in Kliniken oder Hospizen. So wird der Tod aus dem Alltag verdrängt. Menschen denken nicht daran – und weil sie nicht daran denken, können sie sich auch nicht darauf vorbereiten. So wird der Tod nicht mehr als ein normaler Bestandteil des Lebens, sondern überhaupt nicht mehr gesehen. Da könnten Sterbebruderschaften helfen – gerade denjenigen, die noch einige „Reinigungsrunden“ im Fegefeuer zu drehen haben.

Wer darf welchen liturgischen Dienst für Sterbende und Tote leisten?

Die Spendung der Krankensalbung ist ausschließlich dem Priester vorbehalten. Sie ist eine Art Ergänzung des Bußsakramentes. Beide können nur von einem Priester gespendet werden. Eine Salbung durch Diakone oder Laien mag eine psychologische oder kosmetische Relevanz haben. Sakramentalen Wert hat sie nicht. Ja, die Spendung erfolgt häufig in Tateinheit mit bewusster Sakramentssimulation. Eine Beerdigung dagegen kann sehr wohl von einem Diakon oder einem bischöflich beauftragten Laien durchgeführt werden, aber nur wenn eine wirklich dramatische Notlage vorliegt.

Welchen Sinn haben Totenwache sowie Sterbekreuz und Rosenkranz in den Händen eines Toten?

Totenwache, Sterbekreuz und Rosenkranz sollte man im Zusammenhang der „Commendatio animae“ (Anempfehlung der Seele) und „exspiratio“, (Beim Hinscheiden)sehen. Auch der einfache Priester kann in der Todesstunde den apostolischen Segen, der mit einem vollkommenen Ablass verbunden ist, spenden. Heute würde man vielleicht von Sterbebegleitung sprechen. Wenn die Sterbegebete von einem Priester gesprochen werden. ist die Totenwache sozusagen Resonanzkörper und Verstärkung dieser Gebete. In der Einleitung zur reformierten Liturgie der kirchlichen Begräbnisfeier wird die Totenwache ausdrücklich empfohlen. Für den Sterberosenkranz und das Sterbekreuz gilt aber: Die Leiche darf durch nichts dekoriert und ausgestattet werden, was dem Lebenden nicht auch heilig gewesen wäre. Ein Leben darf nicht nach dem Tod durch Trauerfolklore religiös „aufgemotzt“ werden.

Wie stehen Sie zu traditionellen Formen wie der schwarzen Baßgeige im Requiem und einem Choral wie „Dies irae?

Schwarz ist als Trauerfarbe auch fest im Bewusstsein nicht religiöser Menschen in Mitteleuropa verankert. Die liturgische Farbverschiebung zu Violett ist daher eine Pseudoreform. Liturgische Gewänder, egal ob barock oder neugotisch, sollen sich stimmig und harmonisch in den Kirchenraum einfügen. Das gilt auch für die musikalische Gestaltung. Das „Dies irae“ bringt eine gehobene Trauerstimmung zum Ausdruck, die auch den rock- und popsozialisierten Menschen von heute unmittelbar berühren kann. Mit der Trauerbegleitung für die 1997 tödlich verunglückte Prinzessin Diana ist damals mit dem Elton-John-Song ein besonders kitschiges Trauerritual allgemein ins Bewusstsein gehoben worden. Wir sollten uns davon nicht beeinflussen lassen. Mit dem „Dies irae“ sind wir immer auf der sicheren Seite – künstlerisch, liturgisch und psychologisch.

Was spricht für einen zünftigen Leichenschmaus?

Die Gestaltung äußerlicher Trauerbekundungen ist regional sehr verschieden. Am Niederrhein gibt es zur Beerdigung eher ein Frühstück, in Bayern ein mindestens dreigängiges Menü. Ein solches Beisammensein kann der Beginn einer lebendigen Erinnerungskultur rund um die Verstorbenen sein.

 

 

Spezial: Christliche Sterbekultur

„Tod, wo ist dein Stachel?“, fragt der Apostel Paulus (1 Kor 15,55). Schließlich hat mit dem Kreuzestod Christi und seiner Auferstehung das irdische Sterben seinen Schrecken für die Menschheit verloren.

Doch gerade dem modernen Menschen, der scheinbar alles vollbringen und bewältigen kann, ist der Tod ein Stachel im Fleisch. Dem gegenüber zeugt die christliche Sterbekultur bis heute davon, dass der Tod zum Leben gehört – und auch nicht das letzte Wort hat.

Wenige Tage vor Allerheiligen und Allerseelen blickt Die Tagespost auf diese Kultur. Wir fragen nach Sinn und Wesen kirchlicher Sakramente und Riten rund ums Sterben, erzählen die Geschichte einer uralten Sterbebruderschaft und geben Hinweise für den rechten Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen.