„Der Radius der Menschen wird größer“

Helmut Dieser, designierter Bischof von Aachen, verteidigt bei seinem Antrittsbesuch die Sonntagsmesse. Von Heinrich Wullhorst

Der designierte Bischof von Aachen, Helmut Dieser (li.), und Domkapitular Andreas Frick. Foto: KNA
Der designierte Bischof von Aachen, Helmut Dieser (li.), und Domkapitular Andreas Frick. Foto: KNA

Aachen (DT) Mit dem Angelusläuten betritt Helmut Dieser die Aachener Dominformation. Weit mehr als 20 Journalisten, Radio- und Fernsehteams warten hier auf den neuen Bischof der alten Kaiserstadt. „Da tritt etwas Großes in mein Leben“, beschreibt der promovierte Theologe, der am 12. November im Aachener Dom in sein Amt eingeführt wird, seine Gefühle, als er erfuhr, dass er der neue Oberhirte des Bistums wird. Besonders begeistert sei er davon, wie freundlich er hier bei seinem ersten Besuch von den Menschen aufgenommen werde. Er spüre allerdings eine große Erwartung, die man hier an ihn habe. „Viele haben für einen guten neuen Bischof gebetet. Unsere Gebete sind erhört worden“, freut sich Diözesanadministrator Karl Borsch, der den neuen Bischof vorstellt. „Er ist einer, der im Rheinland zu Hause ist, der unsere Sprache spricht“, zeigt er sich mit der Auswahl des neuen Leiters der Diözese zufrieden.

„Ich habe auch ,ja? gesagt zu etwas, das ich noch lernen muss“, bekennt der bisherige Weihbischof von Trier freimütig. Er müsse jetzt leiten und Entscheidungen treffen. Dabei wolle er sich an dem synodalen Stil orientieren, den er an seiner bisherigen Wirkungsstätte schätzengelernt habe. Zum Beginn wird es dem Bischof darum gehen, sein Bistum und die Menschen, die in ihm leben, kennenzulernen. „Zuhören, Eindrücke sammeln, Nachfragen, etwas von dem erspüren, was die Leute bewegt, davon geht eine große Faszination aus“, sagt Dieser.

Neugierig ist der Bischof auch auf die europäische Dimension der Stadt und des Bistums mit allem, was sich daraus bewegen lasse. „Das Thema Europa bietet auch für künftige Generationen eine große Chance“, beschreibt er. Der christliche Glaube habe Europa geprägt und bleibe weiter eine starke Wurzel. Es habe die Kraft zur Integration und dazu, Neues hervorzubringen. Das habe auch Papst Franziskus in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Karlspreises zum Ausdruck gebracht.

Selbstverständlich bewegt den Bischof die Frage nach der Zukunft der Kirche: „Wie kann kirchliches Leben nicht nur weitergeführt werden, sondern neu entstehen?“ Eine Antwort hierauf sei eine der zentralen Herausforderungen in dieser Zeit. Für viele junge Menschen sei kirchliches Leben und Handeln nicht mehr plausibel. Aber gerade auf diese Generationen komme es an. Daher müsse man auf sie zugehen und sie mit ihren Zweifeln ernst nehmen. „Wir müssen fragen, wie sie im Leben stehen, wie sie vorangehen können und wie sie mit der Kirche leben wollen?“, beschreibt der Bischof die Ausgangslage. „Wir müssen eine zeitgemäße Plausibilität schaffen“, benennt er die Aufgabe als ein „dickes Brett, das wir da bohren müssen“.

Die Liturgie ist für den neuen Bischof von besonderer Bedeutung. Das Sonntagserlebnis der Eucharistie sei ein besonderer Schatz. Das habe er bereits als Kind gespürt, als er „von den Zeichen, der Atmosphäre und der Musik in der heiligen Messe tief berührt“ gewesen sei. „Gott zeigt sich hier den Menschen mit seiner Botschaft und seinen Zeichen konkret und nah. Diese Tradition ist wichtig. Sie ist nichts Starres, sondern etwas sehr Lebendiges. Ihre Vermittlung muss in einer Sprache geschehen, die Menschen anspricht“, will Dieser auch hier Vertiefung und Strahlkraft durch Wege der Erneuerung erreichen. Zum Sonntag gehöre die Eucharistiefeier. „Das darf uns nicht verloren gehen“, ergänzte Dieser. Der Bischof stört sich übrigens nicht daran, wenn man ihn als konservativ bezeichnet. „Das ist für mich kein Schimpfwort“, betont er. Es bedeute für ihn ein „Festhalten am Glaubensgut der Kirche, mit der Offenheit dafür, zu schauen, wie etwas vielleicht neu gesagt werden muss“.

Angesprochen auf die umfassenden Strukturveränderungen der vergangenen Jahre, wehrt sich Dieser zunächst einmal gegen den Begriff der XXL-Gemeinden. Die Zeiten hätten sich verändert und mit ihnen auch die pastoralen Räume. „Der Radius der Menschen wird größer, sowohl durch eine wachsende Mobilität als auch durch die Informationsmedien“, stellt der Bischof fest. „Die größeren pastoralen Räume bieten die Chance der Vielfalt und Vernetzung. Dadurch entsteht Weite, aber auch konkrete Nähe.“ Auf die veränderten Gegebenheiten müssten sich – gerade auch im ländlichen Raum – die Gläubigen einstellen: „Sie müssen erkennen, wenn Kirche im Nachbarort stattfindet, ist das auch ein Angebot an mich.“ Die Kirche müsse sich insoweit stärker an den Sozialräumen orientieren, die immer schon von den Menschen eingenommen worden seien. Durch Fusionen und Veränderungen der Gemeindestrukturen sei es natürlich zu Enttäuschungen und Verletzungen gekommen, räumte Dieser ein. „Wir müssen Widersprüche zulassen, in den Dialog treten, dürfen aber nicht kapitulieren“, erklärte der Bischof. Es gehe nicht nur um die momentane Situation. „Wir bauen weiter für künftige Generationen.“ Ihren Frust sollen die Menschen allerdings nicht in sich hineinfressen. „Sie sollen sich trauen, den neuen Bischof auf bestehende Verletzungen anzusprechen“, ermutigt Dieser.

Ein weiteres zentrales Thema für den Aachener Oberhirten ist die Ökumene. Eine glaubwürdige Verkündigung des Evangeliums verlange von Christen ein Vorankommen bei diesem Thema. Dabei müsse zunächst die Frage geklärt werden „was ist das Ziel? worauf steuern wir gemeinsam zu?“

Freundlich gegenübertreten will der Bischof den Menschen in seinem Bistum. „Wir sind gemeinsam unterwegs“, das ist die Botschaft, die er ihnen bringen möchte. Einen besonderen Zugang zu den Menschen bietet sicher der rheinische Karneval, den der neue Bistumsleiter auch zur Begegnung auf Augenhöhe schätzt. „Ich kann kein Sitzungspräsident sein, aber ich bin gerne dabei“, erhöht er die Freude der karnevalsbegeisterten Aachener auf ihren neuen Helmut Dieser. Als Pfarrer in Adenau sei er öfter bei den Karnevalszügen mitgegangen. Vielleicht findet die Einführung des Bischofs ja deshalb unmittelbar nach dem Start in die Fünfte Jahreszeit, die im Rheinland am 11.11. eingeläutet wird, statt.