Der Preis der Verweltlichung

Von 1884 bis 1886 erkundete der schwedische Autor August Strindberg (1849–1912) Frankreich und beobachtete das Leben der Landbevölkerung. Seine Reiseerlebnisse fasste er in der Sozialreportage „Unter französischen Bauern“ zusammen. Von der Warte der von Benedikt XVI. angeregten „Entweltlichung“ aus betrachtet, sind die Beobachtungen Strindbergs überaus interessant, zeigen sie doch, welchen kulturellen Preis die Bevölkerung für die Verweltlichung der Gesellschaft und von Teilen der Kirche zu zahlen hatte. Strindberg selbst, dessen Werk „Heiraten“ seinem Stockholmer Verleger 1884 eine Anklage wegen Gotteslästerung eintrug, setzt der Intoleranz sich religiös aufgeklärt gebender Intellektueller ein Denkmal, man lese nur seine messerscharfe Polemik gegen Französinnen. Doch erfüllt er seine Chronistenpflicht immerhin gewissenhaft genug, um die religiöse Sehnsucht der Bauern zu registrieren. Der Leser findet einprägsame Bilder: Der sterbende Freidenker, der während seiner letzten Krankheit einen Priester rufen lässt, die Tristesse bürgerlicher Begräbnisse, vollmundige Prognosen der Antiklerikalen über das vermeintliche Ende des Katholizismus in Frankreich. Am Ende der Reise ist Strindberg in der Provence schließlich versucht, „in all seinem Unglauben an die Lehren des pessimistischen Philosophen zu glauben“. Und doch vergisst er, unfreiwillig fasziniert von der christlichen Kultur seines Gastlandes, beim Anblick des Klosters Montmajor die Welt. Beispielhaft fängt diese Reportage die religiöse Zerrissenheit der Moderne ein. reg