„Der Papst des Volkes“

Eine Analyse der britischen Medienreaktionen auf den Besuch Benedikts XVI. in Großbritannien von Timothy Finigan

Kent (DT) So rasch kann sich der Wind drehen: Seit Montag haben sich hunderte Anrufer im britischen Katholischen Informationsbüro gemeldet. Nach Angaben des „Daily Telegraph“ wird die katholische Kirche mit Anfragen regelrecht „überschwemmt“. Freiwillige Helfer nähmen die Anrufe entgegen.

Dabei waren viele Katholiken in der letzten Phase vor dem Besuch des Papstes im Vereinigten Königreich nervös geworden: Sie machten sich Gedanken darüber, wie die Visite wohl ausgehen würde, und befürchteten unerbittliche Attacken der Massenmedien, die in Großbritannien die Angewohnheit haben, die katholische Kirche mit einer herablassenden Höflichkeit zu bespötteln. Am Montag vor der Ankunft des Papstes liefen im britischen Fernsehen zwei Sendungen. Die ausgewogenere, die von der BBC, wurde moderiert von Mark Dowd, dem ehemaligen Leiter von Quest, einer katholischen Vereinigung Homosexueller, die im Widerspruch zur kirchlichen Morallehre steht. Den nächsten Sendeplatz auf Channel 4 belegte Peter Tatchell, führender homosexueller Aktivist sowie prominenter Anhänger der Gruppe „Protest the Pope“. Wie vorherzusehen war, tischte er ein starkes Stück antipäpstlicher Propaganda auf.

Angesichts dieses Trommelfeuers von Angriffen sowohl in den Zeitungen als auch in Rundfunk und Fernsehen fragten sich die Menschen, ob Papst Benedikt bei den jungen Menschen am Ende vielleicht doch keinen Anklang findet; sie hatten Angst, die Veranstaltungsorte seines Besuchs könnten nur zur Hälfte gefüllt sein, oder dass er irgendetwas sagen würde, was die internationalen Medien als weitere öffentliche Beziehungskatastrophe begierig aufgriffen. Der Heilige Vater selbst war da optimistischer. Nach der in Großbritannien herrschenden antikatholischen Stimmung befragt, sagte er: „Ich reise guten Mutes und mit Freude.“

Wie es schon zuvor geschehen war, hat sich die Stimmung immer gewandelt, sobald der Heilige Vater eintraf. Die Anzahl der Filmbeiträge über seine Begegnung mit Queen Elizabeth – über ihren ungezwungenen Austausch von Geschenken im Holyroodhouse, aber auch über ihre jeweiligen Ansprachen – war überwältigend. Es war der erste von sieben Anlässen, bei denen der Papst britische Traditionen und Institutionen im Allgemeinen und den britischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Besonderen lobte. Unmittelbar auf das Treffen mit der Queen schloss sich eine Fahrt durch Edinburgh und entlang der berühmten Princes Street an, die von schottischen Dudelsackpfeifern, Tausenden jubelnder und Fahnen schwenkender Kinder und einfachen Leuten begleitet wurde, die sich von der Atmosphäre des Geschehens mitergreifen ließen. Luftbildaufnahmen zeigten eine riesige Menschenmenge bei der ersten Messe seiner Visite im Bellahouston Park: die Begeisterung begann ansteckend zu werden.

Von da an zeigte sich – medial gesprochen – irgendwie ein verschwommenes Bild. Der 83-jährige Papst hielt während seines viertägigen Aufenthalts dreizehn Reden. Er sprach zu führenden Vertretern der Zivilgesellschaft in der Westminster Hall, an ebendiesem Ort, an dem der heilige Thomas Morus zum Tode verurteilt wurde; er beging gemeinsam mit dem anglikanischen Erzbischof von Canterbury in der Westminster Abbey das Abendgebet, beteiligte sich an einer „Big Assembly“, die an Kinder in jeder katholischen Schule des Landes übertragen wurde, begegnete unzähligen jungen Menschen in der Westminster-Kathedrale, führte Zehntausende zur stillen Anbetung vor das Allerheiligste und sprach den großen Gelehrten und Seelsorger, Kardinal John Henry Newman, selig. In London wurde die Fahrt mit dem Papamobil zum Buckingham-Palast, über die abwechselnd mit Papstfahne und britischer Flagge geschmückte Prachtstraße The Mall, zu einem bildhaften und sinnfälligen Augenblick.

Doch es gab immer noch einige, die der vorher festgelegten Linie verbissen verbunden blieben. Zumindest ein Kirchenreporter beharrte bei Twitter darauf, dass die Worte des Papstes in Bezug auf den Kindesmissbrauch: „Vor allem möchte ich gegenüber den unschuldigen Opfern dieser unbeschreiblichen Verbrechen mein tiefes Bedauern zum Ausdruck bringen“, keine Entschuldigung darstellten. Am Ende waren die Versuche, den Besuch herabzuwürdigen, dennoch zum Scheitern verurteilt. Die Boulevardzeitungen und die meisten Fernsehjournalisten hatten ihre Entscheidung getroffen, als der Papst zum Hyde Park fuhr. Die absatzstärkste Sonntagszeitung in Großbritannien ist die News of the World, weithin bekannt für ihre anzüglichen Skandalberichte. Der Artikel in der aktuellen Ausgabe über den Papstbesuch trägt den Untertitel: „Der Papst des Volkes verlässt Großbritannien mit einem Lächeln im Gesicht.“ Keiner hat erwartet, dass Papst Benedikt von der News of the World einmal als der „Papst des Volkes“ bezeichnet werden sollte.

Aus dem Englischen übersetzt

von Katrin Krips-Schmidt