Der Oberhirte in Nöten

Papst Franziskus bittet alle Gläubigen in der Welt, im Oktober täglich den Rosenkranz gegen den „Großen Ankläger“ Vigano zu beten. Von Guido Horst

Papst Franziskus bittet alle Gläubigen in der Wel
Papst Franziskus am 22. September 2018 in Vilnius (Litauen). Foto: Vatican Media (KNA)

Was auch immer die Motive des ehemaligen Nuntius Carlo Maria Vigano sein mögen: Indem sich der abgetauchte Erzbischof erneut zu Wort gemeldet und in einem zweiten Schreiben seine Vorwürfe gegen Franziskus und das Schweige-Kartell in der römischen Kurien erneuert hat, müssen sich Papst und Vatikan einer bitteren Tatsache stellen. Vigano genießt höchste Aufmerksamkeit seitens der Medien. Das macht er sich zunutze. Bereits die erste Anklageschrift vom 25. August ging um die ganze Welt und schlug in vielen innerkirchlichen Diskussionsforen wie eine Bombe ein. Die zweite – auf den 29. September, dem Fest des Erzengels Michael, datiert, aber schon zwei Tage zuvor bekannt geworden – wiederholte zwar nur die bekannten Vorwürfe und rief vor allem den Präfekten der Bischofskongregation, Kardinal Ouellet, dazu auf, die Akten über den Fall McCarrick öffentlich zu machen, aber sie wurde ebenfalls aufmerksam registriert.

Nicht nur im Presseamt des Heiligen Stuhls, sondern im ganzen Vatikan und vor allem in der Umgebung des Papstes in Santa Marta weiß man jetzt: Da hat sich ein ehemaliger Vatikandiplomat, der auch im Ruhestand der Schweigepflicht unterliegt, womöglich mit den Kopien von Hunderten von vertraulichen Dokumenten an einen unbekannten Ort zurückgezogen und überzieht die Kurie und den Papst mit Vorwürfen, von denen selbst die Spitze der amerikanischen Bischofskonferenz meint, dass sie der gründlichen Untersuchung und Aufklärung bedürfen.

Ein einzigartiger Vorgang: Fast hilflos scheint Franziskus einem Ankläger ausgeliefert zu sein, der wohl auch in Zukunft keine Ruhe geben wird. Im Vatikan herrscht Verwirrung. Man weiß nicht, wie man reagieren soll. Als vor kurzem der Rat der neun Kardinäle zum soundsovielten Male tagte, gab er erstmals eine eigene Erklärung heraus, in der es sibyllinisch hieß, er, der Rat, sei sich bewusst, dass auch der Heilige Stuhls in der von Vigano ausgelösten Debatte „eventuelle nötige Klärungen“ formulieren werde. Aber nichts geschah. Der Vatikan ist wie gelähmt.

Am Anfang seines Irland-Besuchs Ende August hatte der Papst von dem Feind im Bischofsgewand erfahren, auf dem Rückflug nach Rom sagte er dann zu den mitreisenden Journalisten, er werde zu den Anwürfen Viganos schweigen. Am vergangenen Samstag aber hat er indirekt doch eine Antwort geben lassen – in einer einmaligen Weise: Ein Kommuniqué des vatikanischen Presseamts klärte darüber auf, dass der Papst entschieden habe, alle Gläubigen in der ganzen Welt darum zu bitten, im Monat Oktober jeden Tag den Rosenkranz zu beten und die Gottesmutter und den Erzengel Michael zu bitten, „die Kirche vor dem Teufel zu schützen, der immer darauf abzielt, uns von Gott und untereinander zu trennen“.

Der Bezug zu Vigano ist eindeutig. Die Erklärung des Presseamts verknüpft die Bitte des Papstes ausdrücklich mit dessen Predigt am 11. September bei der Morgenmesse in Santa Marta, in der Franziskus vom Teufel als dem „Großen Ankläger“ gesprochen hatte, der durch die Welt ziehe und schaue, wen er anklagen könne: „In diesen Zeiten“, so begann er damals seine Predigt, „scheint der Große Ankläger losgebunden zu sein und er hat es mit den Bischöfen“, wobei er versuche, „ihre Sünden zu entlarven, um das Volk in Aufregung zu versetzen“.

In seiner zweiten Anklageschrift bezog Vigano diesen Satz des Papstes direkt auf sich: Franziskus habe sein eigenes Schweigen als das Schweigen Jesu in Nazareth und vor Pilatus gedeutet, und ihn, Vigano, „mit dem Großen Ankläger Satan verglichen, der in der Kirche Skandal und Spaltung sät“. Aber auch in anderer Hinsicht legt sich der Bezug des vom Papst gewünschten Rosenkranzgebets zu Vigano nahe: Der Ex-Nuntius hatte seine zweite Anklageschrift auf das Fest des Erzengels Michael datiert. Und Franziskus wünscht, dass die Rosenkranzbeter in aller Welt dieses Mariengebet im Monat mit dem alten Zusatz „Sub Tuum Praesidium... – Unter Deinen Schutz und Schirm fliehen wir...“ – abschließen sowie mit der auf Papst Leo XIII. zurückgehenden Anrufung des Erzengels Michael: „Gegen die Bosheit und Nachstellungen des Teufels sei unser Schutz...“. Der Papst sieht sich im offenen Kampf gegen den „Großen Ankläger“ und sucht den Beistand Michaels, des apokalyptischen Bezwingers Satans.

Die Nachricht, dass Papst Franziskus alle katholischen Gläubigen dazu aufgerufen hat, einen Monat lang gegen Vigano den Rosenkranz zu beten, ging in den Leitmedien völlig unter. Aber sie zeigt, dass Franziskus – kurz vor der Jugendsynode – nun wirklich angeschlagen ist. Zwar hat der Aufruf an die gesamte Weltkirche etwas Rührendes und erinnert an Rosenkranz-Kampagnen in dramatischen Augenblicken früherer Zeiten. Aber wäre es nicht angemessener, dass der Vatikan nun die allfällige Arbeit der Erklärung und Aufarbeitung leistet?

Die sozialen Medien und die Blogs, die Franziskus unter Beobachtung gestellt haben, sind unerbittlich. Längst schon kursiert im Internet die Nachricht, Jorge Mario Bergoglio habe in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires den 2009 zu fünfzehn Jahren Haft verurteilten Missbrauchspriester Julio Grassi schützen wollen und den Anwalt und Kriminologen Marcelo Sancinetti beauftragen lassen, eine zweitausend Seiten starke Verteidigungsschrift in vier Bänden zugunsten Grassis zu erarbeiten. Der Nachrichtenagentur „Associated Press“ liegen die vier Bände vor. Und aus England kommt die Nachricht, Franziskus habe 2013 persönlich bei Glaubenspräfekt Gerhard Müller interveniert, damit dessen Kongregation ein Verfahren gegen den Papst-Freund und Bergoglio-Wähler im Konklave von 2013 Kardinal Cormac Murphy-O’Connor einstellt, das gegen den ehemaligen Erzbischof von Westminster und Primas der Kirche von England und Wales eröffnet worden war, weil dieser einen Missbrauchspriester immer wieder von Pfarrei zu Pfarrei versetzt haben soll. Kardinal Müller schweigt zu dieser angeblichen Intervention des Papstes. Aber im Netz gehen diese Beschuldigungen umso heftiger hin und her. Wenn der Vatikan nicht allmählich beginnt, solche Vorwürfe abzustreiten oder – wie im Fall „Ted“ McCarrick – zu erklären, dürfte es sehr schwer werden, dass die Jugendsynode demnächst in entspannter Weise ihre Arbeit aufnimmt.

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