Der Messias war für Juden nicht nur ein politischer Retter

Dtn 18, 15–20

1 Kor 7, 32–35

Mk 1, 21–28

Moses spricht davon, Gott werde einen Propheten „wie mich“ senden. Nach dem Verständnis der Bibel ist dieser Prophet Josua. Aber dieser Name „Josua“ heißt schon in der griechischen Version des Alten Testaments „Jesus“. Und so lag es den frühen christlichen Gemeinden nahe, diesen Jesus auf Jesus von Nazareth zu beziehen. Hinfort konnte schon allein aus diesem Grund der Name Jesus zum sakramentalen Mittelpunkt der frühen Gemeinde werden. Das bereitete auch deshalb keine Schwierigkeiten, weil ein jüdisches Denkschema zugrunde liegt: Oft erwartet man am Ende der Zeiten einen „neuen x“, so einen neuen Adam, einen neuen Moses, einen neuen David, König aus dem Haus Davids, einen neuen Elias. Der eschatologische „neue“ Hauptdarsteller wird gedacht nach Vorgabe und Vorbild des irdischen Nachfolgers der betreffenden Person, also bei Adam nach seinem Sohn Seth, bei Moses nach seinem Nachfolger Josua, bei David nach seinem Sohn Salomo, bei Elias nach seinem Schüler Elisa. Der Mensch also, der in der Vergangenheit der Nachfolger war, wird gedacht als Typos, als Urbild oder Muster für den „neuen“, der am Ende kommt.

Daher heißt der neue David, den man am Ende erwartet, auch „Sohn Davids“. Nicht weil er wirklich physisch direkt Sohn Davids wäre – das war bekanntlich Salomon –, sondern der neue David wird weise sein und die Heilmittel kennen und die guten und bösen Geister wie einst Salomo (nach dem Buch der Weisheit Kapitel 7). Der neue Mose also wird sein wie Josua, und deshalb war der griechische Name für Josua namens Jesus ein guter Hinweis auf Jesus als den Propheten wie Moses. Ausdrücklich auf Jesus angewandt wird das in Apg 3, 22f: „Schon Mose hat gesagt: ,Aus meinen Brüdern wird Gott der Herr einen Propheten wie mich auswählen, den er euch senden wird. Auf ihn sollt ihr hören in allem, was er zu euch sagt. Und jeder, der nicht auf diesen Propheten hört, wird aus dem Volk ausgetilgt werden.‘“

Zur Zeit Jesu haben besonders die Samaritaner auf einen solchen wiederkommenden Moses/Josua gewartet, den sie deshalb Taheb nannten (der Wiederkommende). Aber auch zahlreiche Messiasprätendenten, also angebliche Messiasse, über die Flavius Josephus berichtet, haben diese Erwartungen erfüllen wollen (neuer Exodus).

Doch Jesu Wirken nach Mk 1, 21–28 ist sehr viel anders als das Wirken Josuas, unter dessen Führung Israel auf dem Auszug aus Ägypten dann das heilige Land erreichte. Jesus wird in Mk 1,21ff als der Bezwinger der unreinen Geister vorgestellt. Nach dem Kontext in Mk 1 ist er dazu in der Lage, weil er als Sohn Gottes den heiligen Geist hat. Und heiliger Geist kann die unreinen, unheiligen Geister bezwingen. Das konnte unter den bekannten Figuren nur der schon erwähnte Salomo, Sohn Davids. Aber gibt es, so fragen wir, vielleicht eine Verbindung zu Josua, zu dem Propheten wie Moses?

Eine Antwort könnte Nu 11 sein, wo die Targumim (das heißt die aramäischen Bibelübersetzungen) sagen, Josua habe von Moses das Prophetenamt übernommen.

Das heißt: Beim künftigen Sohn Davids ist wegen Salomo das eigentlich messianische Tun die Herrschaft über die unreinen Geister. Und da es durch den heiligen Geist geschieht, ist es ein eher prophetisches (und nicht ein politisches) Amt. Ebenso ist aber auch das Amt Josuas als ein deutlich eher prophetisches beschrieben. Das heißt: Sowohl als der exorzistische Sohn Davids als auch als der „Prophet wie Moses“ ist Jesus ein nicht-politischer Messias. Nach Targum Neofiti Nu 11, 26 formulieren sogar Moses und Josua gemeinsam eine Prophetie über den künftigen königlichen Messias, der hier eben offenbar nicht mit Josua identisch ist.

So kann man sagen: Eine politische jüdische Messiaserwartung ist bei weitem nicht die einzige im Judentum lebendige. In der griechischen Bibel (Septuaginta) steht sie nur in den Psalmen Salomos 17, sie findet sich aber in Qumrantexten und in den Targumen. Doch gerade die Qumrantexte kennen auch den „Gesalbten des Geistes“, also eine messianische Figur, die durch den heiligen Geist hervorgehoben ist, ganz ähnlich wie es in Mk 1 der Fall ist. Jesus konnte daher sehr wohl als Messias betrachtet werden, wenn man sich an diese prophetisch-charismatische Linie hielt. Doch wenn man sich auf dieses Feld begibt, entsteht alsbald ein Einwand, der dann nach Mk 3 heftig diskutiert wird: Ist es wirklich der Heilige Geist, der Jesus die Kraft zum Exorzismus gibt – oder steht er im Bund mit dem Satan, dem Herrn der Dämonen? Hat Jesus den Geist des Teufels? Wes Geistes Kind ist er?

Welche Bedeutung aber hat das alles: ein prophetisch-charismatischer Messias, den die Juden erwarteten? Wer über diese Frage nachdenkt, kommt sehr bald zu der grundsätzlicheren, inwiefern und in welcher Hinsicht Jesus Retter und Erlöser ist. Nach der gültigen Auslegung des Neuen Testaments ist Jesus das durch seinen Tod zur Vergebung der Sünden und durch seine Auferstehung als dem Anfang der Totenauferstehung. Aber mit den oben erörterten Traditionslinien über den Messias hat diese Wahrheit nicht unbedingt viel zu tun. Wir fragen daher ganz schlicht: Inwiefern berichten auch alle anderen Texte der Evangelien – also nicht nur die über Abendmahl und Tod – über Jesus als Messias und Retter? Jesus wirkt dadurch, dass er bei den Menschen ist und sie nicht verlässt. Immer wieder heißt es in den Wunderberichten, dass Jesus die Kranken anblickt. So wie es schon bei der in der Wüste verlassenen Hagar heißt: Der Herr sieht.

Jesus wirkt durch die Taufe und alle anderen Sakramente, die auf der Taufe gegründet sind. Für die ersten Christen ist der Name „Jesus“ fast so etwas wie ein Sakrament. Heilungen, Taufe, Lehre, alles geschieht unter Nennung des Namens Jesu. Während die Engel – als potenzielle Mittler zwischen Mensch und Gott – ihren Namen entweder nicht verraten oder ihn vor Gott nicht genannt wissen wollen, ist der Name Jesu, weil es der Name eines konkreten Menschen ist, den Menschen gegeben, in ihm und auf ihn bauend Heil zu erhoffen.

Dem Geheimnis dieses Namens steht das Geheimnis der Realpräsenz, das heißt der leibhaftigen Gegenwart Jesu unter Brot und Wein in der Eucharistie zur Seite. Wie auch beim Gebrauch des Namens so haben auch bei der Eucharistie Unverständige oft an „Magie“ gedacht. Wie auch immer dieses Verhältnis zu denken ist – es soll das Geheimnis der Menschwerdung neben die Eucharistie und das Geheimnis des Namens Jesu gestellt werden. In allen drei „Veranstaltungen“ geht es um Gottes verborgene, aber leibhaftige Gegenwart unter den Menschen. Mit dieser Gegenwart heilt und begleitet Jesus das Leben der Christen.

Es geht um die segnende Gegenwart Gottes

Das ist in jedem Falle nahe verwandt dem Wirken des heiligen Geistes. Das Jesusgebet ist als Gebet Wirkung des Geistes Gottes, Menschwerdung geschah durch Gottes Geist in seinem Wirken an Maria, Eucharistie geschieht nach Anrufung des heiligen Geistes. Wir beobachten daher, dass der heilige Geist eine größere Rolle spielt, sofern man sich für die Frage nach der Messianität Jesu oder der Rettung durch ihn nicht nur an seinem stellvertretenden Tod orientiert. Und das erscheint als theologisch notwendig.

Es geht daher um die leibhaftige, begleitende, ausstrahlende, segnende Gegenwart Gottes in der Verborgenheit der Mensch- und Brotwerdung. In diesem Sinne geht es um Wirkungen und Nachwirkungen der jüdischen Erwartung eines prophetisch-charismatischen Messias.

Irgendwann wird man auch die Sprache der Exorzismen wieder verstehen und sie als segensreiche und kämpferische Präsenz Gottes verstehen. Denn diese Präsenz ist nicht passiv wie bei einem Götzen, sondern verwandelnd, denn Alles Gute strahlt sich selbst aus.

Herr unser Gott. Deine Sehnsucht war es, bei uns Menschen zu sein und unser Leben mit uns zu teilen. Komm immer wieder zu uns und segne uns durch seine Gegenwart, die wir festmachen können am Namen Jesu und an der Eucharistie. Mach uns zu deinen Kindern, so wie Jesus dein lieber Sohn ist. Um seinetwillen bitten wir dich. Amen. Klaus Berger