Der Mensch von heute ist entwurzelt

Papst beklagt Gottvergessenheit und Geschichtsvergessenheit

der modernen Kultur – Globalisierung trägt Materialismus des Westens in alle Welt

Rom (DT) Papst Benedikt XVI. hat am Ende vergangener Woche auf zwei Gefahren hingewiesen, die in der gegenwärtigen Zeit die moderne Gesellschaft und Kultur bedrohen, zum Teil aber auch in der Kirche selbst Schaden anrichten wie zum Beispiel die Gottvergessenheit. Der Päpstliche Rat für Kultur, der seit kurzem in Erzbischof Gianfranco Ravasi einen neuen Präsidenten hat, war unter dem Generalthema „Die Kirche und die Herausforderung des Säkularismus“ zu seiner Jahresversammlung zusammengekommen, einem Thema, das der Papst am Samstag beim Empfang der Mitglieder des Rats aufgriff. Die Säkularisierung, die sich den Kulturen als Auffassung von der Welt und der Menschheit ohne Bezug zur Transzendenz aufdränge, beeinflusse heute jeden Aspekt des täglichen Lebens und leiste einer Mentalität Vorschub, in der Gott aus der Existenz und dem Bewusstsein des Menschen ganz oder teilweise verschwunden sei, sagte der Papst. Eine Analyse, die nicht neu ist – die Benedikt XVI. aber dann mit erstaunlicher Deutlichkeit auch auf das Leben der Gläubigen bezog.

„Dieser Säkularismus ist nicht nur eine von außen kommende Bedrohung für die Gläubigen“, fuhr der Papst fort, „sondern er zeigt sich seit einiger Zeit auch innerhalb der Kirche. Er entfremdet vom Kern her und in der Tiefe den christlichen Glauben und, als Folge davon, den Lebensstil und das tägliche Verhalten der Gläubigen. Diese leben in der Welt und sind nicht selten von der Kultur der Bilder, die widersprüchliche Modelle und Impulse auferlegt, gezeichnet, wenn nicht sogar geprägt: Man braucht Gott nicht mehr, man muss nicht mehr an ihn denken und zu ihm zurückkehren. „Darüber hinaus“, so Benedikt XVI. weiter, „begünstigt die hedonistische und konsumorientierte Mentalität bei den Gläubigen wie bei den Hirten einen Hang zur Oberflächlichkeit und zum Egozentrismus, die dem kirchlichen Leben schaden.“

Geistiger Verfall und vager Spiritualismus

Deutliche Worte des Papstes vor einem vatikanischen Rat, der für den Dialog der Kirche mit den unterschiedlichsten Sektoren der modernen Kultur, weniger für das Innenleben der Kirche zuständig ist. Benedikt XVI. ging mit seiner Analyse aber noch weiter: „Der in den vergangenen Jahren von vielen Intellektuellen angekündigte ,Tod Gottes‘ ist einem sterilen Kult der Individualität gewichen. Vor diesem kulturellen Hintergrund besteht die Gefahr, Opfer eines geistigen Verfalls und einer Leere des Herzens zu werden, die bisweilen von religiösen Ersatzformen und einem vagen Spiritualismus gekennzeichnet sind.“

Hierauf gelte es zu reagieren, „und zwar durch die Verteidigung der wichtigen Werte des Lebens. Diese geben unserem Dasein einen Sinn und lindern die Sorgen der menschlichen Herzen, die auf der Suche nach dem Glück sind. Diese Suche nach dem Glück bezieht sich auf die Würde des Menschen und seiner Freiheit, auf die Gleichheit zwischen allen Menschen und auf den Sinn des Lebens und des Todes sowie auf das, was uns nach dem irdischen Leben erwartet.“ Deshalb habe sein Vorgänger Johannes Paul II. mit Nachdruck dazu aufgerufen, dem Menschen auf allen Feldern der Kultur zu begegnen und ihnen die Botschaft des Evangeliums zu bringen, sagte Benedikt XVI.

Die Globalisierung, so der Papst weiter, trage dazu bei, die materialistischen und individualistischen Komponenten des Westens auch in andere Kulturen zu tragen. So zu leben „als wenn es Gott nicht gebe“, werde immer mehr zu einer weit verbreiteten Geisteshaltung, die auf einer Art „Stolz“ des Verstandes beruhe, obwohl auch dieser von Gott geschaffen sei. Es sei deshalb wichtig, wenn sich der Kulturrat weiter um den Dialog zwischen Wissenschaft und Glaube bemühe. Denn die Säkularisierung, sagte Benedikt XVI., diene nicht dem letzten Ziel der Wissenschaft, die im Dienste des Menschen, des „Abbildes Gottes“ steht.

Hat der Papst am Samstag die Gottvergessenheit zum Thema gemacht, so war es am Tag zuvor die Geschichtsvergessenheit, und zwar beim Empfang des vatikanischen Komitees für die historischen Wissenschaften unter Leitung dessen Präsidenten, des deutschen Kirchenhistorikers Walter Brandmüller. Ungebremster Fortschrittsglaube habe die Geschichtswissenschaften an den Rand gedrängt, sagte der Papst am Freitag vor diesem Gremium. Eine Gesellschaft, die die eigene Vergangenheit nicht kenne, werde anfällig für ideologische Manipulationen, erklärte Benedikt XVI. Sie verliere die Basis des Zusammenlebens und gemeinsamer Anstrengungen für die Zukunft.

Der Papst kritisierte etwa, dass Lehrpläne mitunter erst bei der Französischen Revolution begännen und ganze Epochen ausblendeten. „Wie der Gedächtnisverlust bei einem Einzelnen zum Verlust der Identität führt, so vollzieht sich dieses Phänomen entsprechend in der gesamten Gesellschaft.“ Die Kirche sei vom Schöpfergott dazu berufen, der Pflicht der Verteidigung des Menschen und seiner Menschlichkeit nachzukommen. Deshalb lägen ihr eine wahre geschichtliche Kultur und ein effektiver Fortschritt in den Geschichtswissenschaften am Herzen. „Die Kirche ist nicht von dieser Welt“, so Benedikt XVI., „aber sie lebt in ihr und für sie.“ Wesentliche Aufgabe der Kirchengeschichte sei es dabei, den Prozess der Aufnahme und der Übertragung zu klären, durch den sich im Lauf der Jahrhunderte der Seinsgrund der Kirche konsolidiert hat. Dieser Prozess der Tradition verbunden mit dem jahrhundertealten Schatz an Erfahrungen und geschichtlichem Gedächtnis bilde für das Handeln der Kirche eine unbezweifelbare Quelle der Inspiration.

Der Beitrag der Kirche zur Humanisierung der Kultur

Der Papst unterstrich mit beiden Ansprachen den Weltauftrag der Kirche von heute. Im Austausch mit Kultur und Wissenschaft müsse sie dafür sorgen, dass der Mensch nicht entwurzelt werde und seine Heimat verliert, seine Heimat bei Gott, als dessen Abbild, und seine Heimat in der Geschichte, deren reichen Schätze und Erfahrungen die Kirche durch die Jahrhunderte trage. Benedikt XVI. zeigte damit auf, was christlicher Humanismus ist und inwiefern Kirche und Glaube zur Humanisierung der Kultur beitragen, wenn sie in die Gesellschaft hinein wirken.