Der Leidensweg der Kirche

Ordensleute vor Gericht: Devisen- und Sittlichkeitsdelikte in der antikirchlichen Strategie der Nationalsozialisten. Von Harm Klueting

Mit der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ bewies Pius XI. den deutschen Katholiken mehr als Anteilnahme: Er bezog öffentlich Position gegen die braunen Machthaber. Foto: KNA
Mit der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ bewies Pius XI. den deutschen Katholiken mehr als Anteilnahme: Er bezog öffentl... Foto: KNA

Mit der Enzyklika „Mit brennender Sorge“, die Pius XI. am 14. März 1937 in deutscher Sprache an die Erzbischöfe und Bischöfe im Deutschen Reich und an die anderen Oberhirten richtete, nahm der Papst mit der von vielen heutigen Kritikern Pius' XI. und Pius' XII. – damals als Staatssekretär Eugenio Pacelli an der Entstehung der Enzyklika entscheidend beteiligt – vermissten Schärfe gut vier Jahre nach der „Machtergreifung“ Hitlers und der Nationalsozialisten Stellung gegen die politischen Verhältnisse im nationalsozialistischen „Dritten Reich“ und gegen die NS-Ideologie. „Mit brennender Sorge“, so beginnt die auf einen Entwurf des Erzbischofs von München und Freising, Michael Kardinal von Faulhaber, zurückgehende Enzyklika, „und steigendem Befremden beobachten Wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Kirche, die wachsende Bedrängnis der ihr in Gesinnung und Tat treubleibenden Bekenner und Bekennerinnen“ – tatsächlich findet sich diese heute für progressiv geltende weibliche Mehrzahlform schon in diesem päpstlichen Dokument – „inmitten des Landes und des Volkes, dem St. Bonifatius einst die Licht- und Frohbotschaft von Christus und dem Reiche Gottes gebracht hat.“ Aber es ging dem Heiligen Vater nicht nur um die Kirche und um die Katholiken; der Papst wandte sich auch gegen den antisemitischen Rassenwahn, der zum millionenfachen Mord an den Juden führte, was im Frühjahr 1937 aber noch nicht Gegenstand konkreter Befürchtungen war. Dazu die Enzyklika: „Wer die Rasse oder das Volk oder den Staat oder die Staatsform, die Träger der Staatsgewalt oder andere Grundwerte menschlicher Gemeinschaftsgestaltung zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge.“

Die Orden trafen die Einschränkungen besonders

Zum Leidensweg der Kirche gehörte ein Thema, das die Enzyklika anspricht: „Den katholischen Ordensleuten beiderlei Geschlechts gilt ebenfalls Unser väterlicher Dank, verbunden mit inniger Anteilnahme an dem Geschick, das infolge ordensfeindlicher Maßnahmen viele von ihnen aus segensreicher und liebgewordener Berufsarbeit herausgerissen hat. Wenn Einzelne gefehlt und sich ihres Berufs unwürdig erwiesen haben, so mindern ihre auch von der Kirche geahndeten Vergehen nicht die Verdienste der gewaltigen Überzahl, die in Uneigennützigkeit und freiwilliger Armut bemüht waren, ihrem Gott und ihrem Volk mit Hingabe zu dienen.“

Die Enzyklika spielt hier auf die Devisen- und Sittlichkeitsdelikte an, die Ordenspriestern, Ordensbrüdern und Ordensschwestern, nicht immer grundlos, zur Last gelegt wurden. Die „Devisenschieberprozesse“ genannten Verfahren lagen zeitlich vor der Entstehung der Enzyklika, sodass es in erster Linie um sie ging, während die Sittlichkeitsprozesse zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Enzyklika gerade erst anliefen – die Bekanntgabe der „Sprachregelung“ des Reichspropagandaministeriums durch die Pressestelle des Reichsjustizministeriums datierte vom 9. April 1937 – und ihren Höhepunkt erst im Laufe des Jahres 1937 erreichten.

Um sich den Zusammenhang der Devisenschieberprozesse deutlich zu machen, muss man von unserer Gegenwart mit der europäischen Gemeinschaftswährung „Euro“, mit der weltweiten Mobilität des Reisens und mit den fast überall auf der Welt an Geldautomaten zur Bargeldabhebung in der jeweiligen Landeswährung oder zur Zahlung einsetzbaren Kreditkarten zurückgehen und sich in eine Zeit zurückversetzen, in der Staats- und Zollgrenzen auch Währungsgrenzen waren, Währungen nicht ohne Weiteres konvertierbar waren und internationale Banküberweisungen oft durch die jeweilige Nationalbank – in Deutschland die Reichsbank und dezentrale Devisenstellen – genehmigt werden mussten. Mit dem Nationalsozialismus hatten solche Restriktionen nichts zu tun. Schon seit der späten Weimarer Republik waren die unter Reichskanzler Heinrich Brüning erlassenen Notverordnungen vom 18. Juli 1931 gegen Kapital- und Steuerflucht und vom 1. August 1931 über Devisenbewirtschaftung in Kraft.

Die Orden der katholischen Kirche mussten Einschränkungen des Devisenverkehrs besonders treffen, weil die Orden schon in einer Zeit weltkirchlich organisiert und die Klöster international vernetzt waren, als das Wort „Globalisierung“ noch unbekannt war. Es gab nicht nur die Kurie in Rom und die Religiosenkongregation – die heutige Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und für die Gemeinschaften des apostolischen Lebens – als kuriale Behörde für das Ordenswesen, sondern auch die Ordensleitungen mit dem Sitz in Rom wie den Ordensgeneral der Jesuiten oder den Ordensmeister der Dominikaner oder den Abtprimas an San Anselmo in Rom als obersten Repräsentanten der Benediktinischen Konföderation. Es gab grenzübergreifende Kongregationen und Ordensprovinzen, die sich aus historischen Gründen über mehrere Staaten oder als Erbe der Mission über mehrere Kontinente erstreckten, internationale Zuständigkeiten von Mutterhäusern, aus der Mission hervorgegangene Niederlassungen von Orden außerhalb Europas und von Orden im Ausland getragene Bildungseinrichtungen wie die seit 1908 errichtete Sophia-Universität der Jesuiten in Tokio oder Filialklöster in anderen Ländern wie das 1934 von der Erzabtei Beuron in Tonogaoka in Japan errichtete Kloster.

Diese internationale Vernetzung hatte auch eine finanzielle Seite, etwa bei der Überweisung von Spendengeldern, ohne die der Aufbau und der Erhalt eines Klosters wie Tonogaoka oft nicht möglich war. Doch konnten damit die für die Finanztransaktionen zuständigen Personen auch unter demokratischen und rechtsstaatlichen Bedingungen in die Gefahr geraten, gegen gesetzliche und andere Bestimmungen zu verstoßen. Ein kirchenfeindliches Regime wie das des Nationalsozialismus in Deutschland fand hier einen Ansatzpunkt, um Klöster und Orden zu kriminalisieren und die Kirche an den Pranger zu stellen.

Wichtig wurde das „Volksverratsgesetz“ vom 31. Dezember 1934. Um sich ihre internationalen Geldgeschäfte zu erleichtern, hatten sich einige Orden an der in Berlin und Amsterdam sitzenden Bank Dr. Hofius beteiligt. Die Bank Dr. Hofius ermöglichte den Orden Devisentransaktionen unter Umgehung des vorgeschriebenen Genehmigungsverfahrens. Doch verstießen die so vorgenommenen Überweisungen gegen die fortgeltenden Devisenbestimmungen von 1931. Durch das „Volksverratsgesetz“ wurden solche Praktiken gefährlich. Deshalb meldete Bankdirektor Friedrich Hofius die ohne Devisengenehmigung erfolgten Überweisungen nachträglich zur Genehmigung an. Dadurch erlangten die Strafverfolgungsbehörden Kenntnis von den Devisengeschäften. Die Folge waren sechzig Devisenschieberprozesse.

Im Frühjahr 1935 kam es zu dem ersten Devisenschieberprozess gegen eine Ordensschwester, über den die Presse am 17. Mai 1935 berichtete. Betroffen war die Vinzentinerin Schwester Wernera (Katharina) Wiedenhöfer, die zu fünf Jahren Zuchthaus und einer Geldstrafe verurteilt wurde. Aber nicht nur Angehörige apostolischer Krankenpflege- oder Schulorden kamen wegen Devisendelikten vor Gericht.

Ein Musterfall: Erzabt Raphael Walzer von Beuron

Das zeigt das Beispiel der Benediktiner-Erzabtei Beuron. Erzabt Raphael Walzer hatte die Genehmigung zur Devisenausfuhr für 42 000 Reichsmark zur Unterstützung der Gründung Tonogaoka ordnungsgemäß beantragt und bewilligt bekommen. Doch reichte diese Summe für das Kloster in Japan nicht aus. Wir verdanken dem Buch von Petra Madeleine Rapp über „Die Devisenprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Geistliche im Deutschen Reich“ von 1981 und einem Aufsatz des Benediktiners Cyrill Schaeffer von 2008 die Kenntnis der Vorgänge. Wie bei Schaeffer zu lesen ist, organisierten die Eltern des Beuroner Mitbruders P. Hildebrand Jaiser in der Schweiz einen Förderkreis, der insgesamt mehr als 63 000 Schweizer Franken aufbrachte. Darin enthalten war eine Einzelspende einer wohlhabenden Rentnerin, die schon vor 1933 19 000 Franken auf das Schweizer Konto der Erzabtei Beuron eingezahlt hatte. Die Gesamtsumme wurde von der Schweiz aus nach Japan überwiesen, ohne dass das in Deutschland der Reichsbank angezeigt wurde. Es kam zu einem Untersuchungsverfahren in Beuron und zur Verhaftung des in Beuron für die Wirtschaftsführung zuständigen Cellerars Pater Romuald Stempf, dem Devisenvergehen in 22 Fällen zur Last gelegt wurden. Nach längerer Untersuchungshaft in Berlin-Moabit im September 1936 ohne Aufhebung des Haftbefehls entlassen, wurde Pater Romuald im Juni 1937 erneut in Haft genommen und vom Landgericht Hechingen zu dreizehn Monaten Gefängnis verurteilt. Auch die Rentnerin, die die 19 000 Franken gespendet hatte, erhielt eine Haft- und eine Geldstrafe.

Während im Jahr der Olympischen Spiele in Berlin und in Garmisch-Partenkirchen, 1936, die Repressionsmaßnahmen gegen die katholische Kirche zurückgenommen worden waren, folgten 1937 – in dem Jahr, in dem auch die Zerschlagung der eigentlich durch das Reichskonkordat von 1933 geschützten katholischen Jugendverbände einsetzte – die Prozesse gegen Ordensleute wegen tatsächlicher oder angeblicher Sittlichkeitsdelikte. Auch hier muss man sich wieder in eine andere Zeit versetzen, in der der 1994 abgeschaffte Paragraf 175 des seit 1872 geltenden Strafgesetzbuches noch in Kraft war, der homosexuelle Handlungen unter erwachsenen Männern unter Strafe stellte und 1935 durch Anhebung des Strafmaßes von sechs Monaten auf fünf Jahre verschärft wurde, zugleich aber auch in eine Zeit, in der die „sexuelle Revolution“ der Jahre um 1968 und ihre Folgen noch unvorstellbar waren.

Vereinzelte Fälle, die unter den Paragrafen 175 fielen, und andere tatsächlich aufgetretene Sittlichkeitsdelikte wurden propagandistisch aufgebauscht und ausgeschlachtet. Eine durch das Reichspropagandaministerium gesteuerte Hetzkampagne gegen Orden, Klöster und Ordensleute ging durch das Land. Reichskirchenminister Hanns Kerrl sprach von 7 000 Sittlichkeitsdeliktfällen, Reichspropagandaminister Joseph Goebbels von „Tausenden von Fällen“. Reichsinnenminister Wilhelm Frick nannte die Klöster „Brutstätten des Lasters“. Der Historiker Friedrich Zipfel, der – nachdem Johann Neuhäusler schon 1946 in seinem Werk „Kreuz und Hakenkreuz. Der Kampf des Nationalsozialismus gegen die katholische Kirche und der kirchliche Widerstand“ darauf eingegangen war – als einer der ersten den Devisenschieber- und den Sittlichkeitsprozessen Aufmerksamkeit schenkte, hebt hervor, wie der Berliner Bischof Konrad Graf von Preysing gegen die propagandistische Ausschlachtung der Sittlichkeitsprozesse protestierte: „Er stellte fest, dass die Kirche niemals die beschuldigten Ordensleute“, wie verbreitet wurde, „als Märtyrer bezeichnet hatte und suchte die richtigen Größenverhältnisse wieder herzustellen: Nur 0, 23 Prozent der Welt- und Ordensgeistlichen seien in Verfahren verstrickt. In einem neuen Protestschreiben wies der Bischof, gestützt auf Urteilsstatistiken des Reichsjustizministeriums über Verurteilte und schwebende Verfahren, noch einmal die ungeheuerlichen Beschuldigungen zurück.“

Zipfels Urteil lautet: „Die propagandistische Wirkung, die sich die Nationalsozialisten aus den klösterlichen Devisen- und Sittlichkeitsprozessen erhofft hatten, blieb aus. Die hämische und widerliche Aufmachung der Prozessberichte (nicht nur im Stürmer!) verfehlte auch auf Nichtkatholiken ihre Wirkung. Mit solchen Methoden war es nicht möglich, einen Keil zwischen die Katholiken und ihre geistlichen Führer zu treiben, sie wirkten überall abstoßend.“ Ob dieses Urteil aus dem Jahre 1965 zutrifft, ist nicht gewiss. Zwar war die Kirchlichkeit des katholischen Bevölkerungsteils im Deutschland von 1937 ungleich größer als heute. Aber auch damals traten Katholiken aus der Kirche aus – 1934 in ganz Deutschland rund 26 000, 1936 rund 46 000, 1937 rund 108 000. Die Austrittszahl für 1937 gibt zu denken. Sollte der Kirchenaustritt so vieler Katholiken im Jahre 1937 nicht doch teilweise von der antikirchlichen Hetze in Gestalt der propagandistischen Ausschlachtung der Sittlichkeitsprozesse motiviert gewesen sein? Oder waren die Ausgetretenen von 1937 nur Katholiken, die sich längst dem Glauben entfremdet hatten und sich in die als „Gottgläubigkeit“ – „gottgläubig“ war der seit 1936 auf den Formularen der Einwohnermeldeämter übliche Eintrag – verbrämte Konfessionslosigkeit verabschiedeten, um im nationalsozialistischen Staat Karriere zu machen?

Die Austrittszahlen sind heute viel größer als 1937 und haben sich 2010 – in dem Jahr, in dem die teilweise schon Jahrzehnte zurückliegenden, teilweise ganz aktuellen Fälle von sexuellem Missbrauch durch Kleriker gesteigerte öffentliche Aufmerksamkeit und ein Medienecho fanden, das jedoch in keiner Weise mit den Hetzartikeln von 1937 zu vergleichen war – mancherorts gegenüber dem Vorjahr verdoppelt.

Mehr Kirchenaustritte nach dem Missbrauchsskandal

Auch wenn der Kirchenaustritt, der im Amtsgericht – in manchen Bundesländern im Standesamt – zu erklären ist, ohne Angabe von Gründen erfolgt, um nach staatlichem Recht rechtswirksam zu sein, so ist heute doch durch viele Stellungnahmen, Gespräche und andere Äußerungen gesichert, dass die hohen Kirchenaustrittszahlen von Katholiken von 2010 zumindest teilweise durch die Missbrauchsskandale – oder durch die tatsächliche oder unterstellte kirchenamtliche Reaktion darauf oder durch die Resonanz, die diese Vorgänge in den Medien fanden – motiviert waren. In einer Veröffentlichung des Erzbistums Köln kann man lesen: „In den Monaten März bis Juni 2010 sind die Austrittszahlen gegenüber den Vorjahren sehr deutlich gestiegen. Der Höhepunkt der seit März im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen zu betrachtenden Entwicklung war im April zu beobachten: In Köln stieg in diesem Monat die Kirchenaustrittszahl gegenüber dem Vorjahr von 261 auf 519, was einer Steigerung um 99 Prozent entspricht.“ Für 1937 kann dieser Zusammenhang nur vermutet werden.

Es gibt eine Beziehung zwischen den Sittlichkeitsprozessen der nationalsozialistischen Zeit und den abscheulichen Missbrauchsfällen mit Priestern als Tätern während der letzten Jahrzehnte und in der jüngsten Vergangenheit. Das Wissen um die Rolle der Sittlichkeitsprozesse in der antikirchlichen Strategie des NS-Regimes dürfte hinter dem über einen längeren Zeitraum nicht immer glücklichen und aus heutiger Sicht falschen Umgang von Teilen des Episkopats und anderer kirchlicher Oberer mit bekannt gewordenen Fällen von sexuellem Missbrauch durch Priester in unserer Zeit gestanden haben.