Der Himmel über Krakau

Weltjugendtag 2016: Schon jetzt lassen sich die wichtigsten Schauplätze besichtigen, Stimmen und Eindrücke sammeln. Von Stefan Meetschen

Nur einen kurzen Fußweg brauchen Weltjugendtagsteilnehmer im Sommer vom mittlerweile fertiggestellten Johannes-Paul-II.-Zentrum (im Bild) zum Heiligtum der göttlichen Barmherzigkeit zurückzulegen. Foto: Meetschen
Nur einen kurzen Fußweg brauchen Weltjugendtagsteilnehmer im Sommer vom mittlerweile fertiggestellten Johannes-Paul-II.-... Foto: Meetschen

Viel hat sich verändert in Krakau: Die Bauarbeiten auf der berühmten ul. Franciszkanska, an der sich das Franziskanerkloster und der Palast der Krakauer Bischöfe befindet, sind endlich beendet, die Renovierungen abgeschlossen. Der Blick auf Kloster und Palast wird damit frei und ist unbeeinträchtigt von Warnschildern und Absperrungen. Auch auf der ul. Grodzka, der schönen Fußgängerstraße, die zwischen dem Marktplatz mit der Marienkirche und dem Wawel, dem Festungshügel der Stadt, liegt, haben die Arbeiter ihre Maschinen und Werkzeuge abgeräumt. Die Stadt scheint schon bereit zu sein für die Veranstaltung im Sommer, den Weltjugendtag 2016, der nicht nur Papst Franziskus nach Krakau führen wird, sondern Millionen Jugendliche aus der ganzen Welt.

Auch die ärmeren Jugendlichen, wie Kardinal Stanislaw Dziwisz, der Metropolit von Krakau, im Gespräch hervorhebt. Dafür sei extra die Aktion „Ticket für den Bruder“ (Bilet dla Brata) initiiert worden, sagt der 76-Jährige, um auch den jungen Gläubigen die Reise nach Krakau zu ermöglichen. Mit Erfolg. Viele junge Polen übernehmen die Kosten für ein Ticket, das zum Beispiel jungen Gläubigen aus der Ukraine, Armenien oder Usbekistan oder anderen Krisenländern die Teilnahme an dem katholischen Glaubensfest ermöglicht. Ein echter Akt der Solidarität und der Gastfreundschaft – gerade wenn man bedenkt, wie sehr polnische Studenten sich anstrengen müssen, um ihr Studium zu finanzieren und danach in der Heimat eine halbwegs adäquate Stelle zu finden.

Das deutliche Einkommensgefälle zwischen Polen und Westeuropa ist auch 25 Jahre nach der Wende ein Faktum. Gerade die jungen Leute partizipieren bislang zu wenig an der polnischen Wirtschaftsdynamik. Der Weltjugendtag, der unter dem an die Bergpredigt angelehnten Motto „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden!“ stattfindet, wird diese innereuropäische Ungerechtigkeit wohl nicht ändern, aber vielleicht für mehr Verständnis sorgen.

Die in polnischen Medien heftig beklagte Perspektivlosigkeit vieler junger Polen sieht man auf den ersten Blick nicht. In der Parkanlage „Planty“, welche die Innenstadt umgürtet, an der Jagiellonen-Universität und in den Cafes der Stadt, etwa im Kazimierz, tummeln sich jede Menge gut angezogene und gepflegte junge Leute. Sie wirken engagiert und unbeschwert. So, wie die jungen Leute, die mitten in der Woche in Scharen die Messen in den Krakauer Kirchen besuchen, junge Geistliche und Ordensschwestern inklusive.

Stil, Frömmigkeit und finanzielle Schwierigkeiten – in Krakau scheint dies zusammenzugehen. Eine vielschichtige Inspiration, von der gerade die mehr als 17 000 jungen Leute, die aus Deutschland zum WJT anreisen werden, profitieren könnten. Das Erfolgsrezept der polnischen Spiritualität ist gar nicht so einfach zu ergründen. „In Polen fehlt es nicht an gläubigen Menschen“, sagt Kardinal Dziwisz, angesprochen auf dieses Phänomen, und dabei schaut er mit den Augen so sanft und so ernst, wie der Mann, dem er vierzig Jahre als Sekretär gedient hat: Karol Wojtyla alias Johannes Paul II. Vor elf Jahren, am 2. April 2005, starb der polnische Papst. Seitdem hat Dziwisz sich keine ruhige Minute gegönnt, um das Vermächtnis dieses größten Papstes der Neuzeit zu vollenden und weiterzureichen an die junge Generation. Seligsprechung 2011, Heiligsprechung 2014. Auch das Johannes-Paul-II.-Zentrum „Fürchtet Euch nicht!“ in Krakau-Lagiewniki ist pünktlich fertig geworden. Es ist ein imposanter Backsteinbau-Komplex mit Ober- und Unterkirche, in der Reliquien und Kleidungsstücke des polnischen Papstes zu bewundern sind. Eine Architektur gewordene Enzyklika, wenn man so will, die auch ein interreligiöses Institut und einen Buchladen (auch für deutsche Leser!) umfasst, der alles auf Lager hat, was man zu dem charismatischen Pontifex sucht.

Von Faustinas Grab zur blutbefleckten Papstsoutane

Wie beispielsweise das aktuelle polnische Bestseller-Buch von Ewa Czaczkowska, „Der Papst, der geglaubt hat“ (Papiez, ktory uwierzyl), in welchem die renommierte Kirchenjournalistin nicht nur der Frage nachgegangen ist, welche Bedeutung die Göttliche Barmherzigkeit für das Pontifikat von Johannes Paul II. hatte, sondern auch, welche Rolle Johannes Paul II. für die Etablierung der Verehrung dieser Barmherzigkeit spielte. Die Antwort ist klar: natürlich eine große, war es doch Kardinal Wojtyla, der mit der Einleitung des Informationsprozesses der Schwester Faustina in den 1960er Jahren den zwischenzeitlich sogar vom Vatikan untersagten Kult neu auf die Wege brachte. In Einklang mit den kirchlichen Regeln, aber mit einer großen Portion polnischer Cleverness.

Insofern passt es auch, dass Kardinal Dziwisz das Johannes-Paul-II.-Zentrum in unmittelbarer Nähe zum Heiligtum der Schwester Faustina im Stadtteil Lagiewniki platziert und in Rekordzeit hat bauen lassen. Im Sommer soll der kurze Fußweg zwischen den Heiligtümern fertig sein. Für viele WJT-Teilnehmer, Krakau-Pilger und Verehrer der Göttlichen Barmherzigkeit dürfte dies einer der Höhepunkte der WJT-Tage sein: Von Faustinas Grab zur weißen, blutbefleckten Soutane schreiten, die der polnische Papst vor 35 Jahren trug, als er das Opfer eines Attentats wurde. Polnische Mystik pur!

Möglich ist schon jetzt ein Ausflug mit dem Shuttle-Bus, der direkt vor dem Johannes-Paul-II.-Zentrum abfährt, zum „Campus Misericordiae“ – dem Feld also, auf dem Ende Juli die große Papstmesse stattfinden wird. Dieses Feld befindet sich nordöstlich von Krakau in Nähe der berühmten Wieliczka-Salzbergwerks. Über die Stadtautobahn erreicht man das Feld, je nach Verkehrsaufkommen, in einer halben Stunde. Dort angekommen, kann man bereits auf einer kleinen, schön angelegten Verkehrsinsel ein Denkmal des WJT-Kreuzes bewundern und praktischerweise auch ein Hinweisschild, das die Entfernung zum Vatikan und zu wichtigen katholischen Heiligtümern angibt. Anfang April soll eine Glocke der Barmherzigkeit dazukommen. Noch mehr heiliger Boden – in Polen kein Problem.

Betrachtet man allerdings den Rauch, der in der Ferne aus den Industrieanlagen des Stadtteils Nowa Huta emporsteigt und die bunten Lagerhäuser des angrenzenden Gewerbegebietes, so wird die WJT-Euphorie etwas gedämpft. Es kann in einem die nostalgische Sehnsucht nach den Blonia-Wiesen aufkommen, auf denen früher die großen Messfeiern der Papstbesuche stattfanden. Grüner und schöner war es dort und näher zur Innenstadt.

Auch Kardinal Dziwisz, für den es ein „Privileg“ ist, weiterhin von Johannes Paul II. und der Lehre von der Göttlichen Barmherzigkeit zu sprechen, ist nicht frei von Nostalgie. Damals im Jahr 1991, als der WJT in Jasna Gora stattfand, erinnert er sich, das sei – im Unterschied zu früheren Veranstaltungen – ein „religiöses Ereignis“ gewesen. Fand doch damals das erste gemeinsamen Treffen von Jugendlichen aus Ost und West statt.

Wie perfekt und professionell mittlerweile Weltjugendtage organisiert werden, sieht man an Spezialeffekten, wie etwa der WJT-Countdown-Uhr am Eingang der Mariacki-Kirche auf dem Rynek (Marktplatz). Oder an den graphisch anspruchsvollen WJT-Postkarten, die im Zentrum und in anderen religiösen Läden der Stadt angeboten werden. Die Motive sind vielfältig. Meist sieht man neben Papst Franziskus das Bild des barmherzigen Jesus, also das Bild, das Schwester Faustina als Vision geschenkt wurde, im harmonischen Einklang mit dem Porträt Faustinas und Johannes Pauls II., den Patronen des WJT 2016. Durchaus denkbar, dass diese drei Himmlischen für die vielen Gäste, die nach Krakau kommen werden, noch die ein oder andere Überraschung parat haben. Kardinal Dziwisz jedenfalls ist davon überzeugt, dass Johannes Paul II. nicht nur zu Lebzeiten viele Menschen zu Christus und ihrer Berufung geführt hat, sondern dies immer noch tut. Weil er „ist“, wie Dziwisz betont.

Beim Verlassen des Palastes, nach einem kurzen Abstecher in die Kapelle, in der Johannes Paul II. als Kardinal vormittags schrieb und betete, wird klar: Dieser WJT 2016 ist in der Tat eine große Chance, eine Hilfe für die Weltkirche und besonders die Kirche Westeuropas, neu den Kontakt mit der Realität der Göttlichen Barmherzigkeit zu suchen. Einer Barmherzigkeit, die größer und vollkommener ist als all die oft hilflosen Versuche des Menschen, barmherzig zu sein oder das Maß der Barmherzigkeit selbst zu bestimmen. Der Himmel über Krakau ist offen und bereit zur Evangelisierung. Ohne Renovierung.