„Der Herr selbst hat gewollt, dass wir im Orient leben“

Der Vikar der Custodie vom Heiligen Land für Syrien warnt, es gebe keine „moderate Opposition gegen Assad“ mehr. Von Stephan Baier

Wien (DT) Einen Aufruf zum Vertrauen auf die Macht des Gebetes richtete Papst Franziskus am Wochenende an die Gläubigen in Österreich. In einem von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin firmierten Segensgruß des Papstes, der bei der „Maria-Namen-Feier“ des „Rosenkranz Sühnekreuzzugs“ im Wiener Stephansdom verlesen wurde, heißt es: „Beten ist unser Auftrag und unsere Mission. Beten verwandelt die Menschen. Beten stärkt die Kräfte des Guten. Wieviel könnten wir Christen bewirken, könnten wir mehr der Macht des Gebetes vertrauen.“ Durch das Gebet könnten die Christen mithelfen, „die Welt zum Guten zu verändern“. Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner betonte bei dem Gebetstreffen am Samstag in Wien, es sei eine „heilige Pflicht“, die Christen im Nahen Osten nicht zu vergessen und ihnen so gut wie möglich beizustehen.

Von der Lage der Christen in Syrien gab am Samstag und erneut am Sonntag im Stephansdom der Regionalobere der Franziskaner für Syrien, den Libanon und Jordanien, Pater Simon Herro, Zeugnis. Herro, der in Damaskus und Aleppo lebt, berichtete, dass die Dschihadisten der Al-Nusra-Front die Klöster im Norden Syriens zerstört und die dortige christliche Bevölkerung vertrieben haben. In Aleppo müssten die Menschen unter desaströsen Verhältnissen leben. Gleichzeitig seien die Lebenskosten dramatisch gestiegen. Es gebe weder ausreichend Wasser noch Strom und Diesel. „Die Bevölkerung hat verstanden, dass es das alte Syrien nicht mehr gibt. Sie sind frustriert, orientierungslos und voll Angst“, sagte der Franziskaner.

Er kritisierte auch die Rolle des Westens im Krieg um Syrien: „Es ist entscheidend, dass die Waffen aus dem Westen nach Syrien kommen – von jemandem wurden sie hergestellt, von jemandem werden sie benutzt. Es gibt internationale Lobbys, die ein Interesse daran haben, dass dieser Konflikt weitergeht.“ Gegen die Regierung von Baschar al-Assad gebe es in Syrien nur noch zwei Kräfte, nämlich Al-Kaida (zu deren Netzwerk die Al-Nusra-Front zählt) und den „Islamischen Staat“, und es scheine, „dass diese beiden Verhandlungen miteinander führen“. Pater Herro wörtlich: „Eine moderate Opposition gegen Assad gibt es in Syrien nicht mehr.“ Der Vikar der Custodie vom Heiligen Land für Syrien forderte mit Nachdruck, „die wenigen im Nahen Osten verbliebenen Christen mit allen Mitteln zu unterstützen“. Die ganze Welt solle wissen, „dass wir im Nahen Osten bleiben werden, trotz aller Schwierigkeiten und trotz der Lebensgefahr, der wir ausgesetzt sind“. Herro weiter: „Wir bleiben hier, denn unsere Wurzeln sind tief und fest, und können nicht ausgerissen werden. Wir bitten Euch, vergesst uns nicht!“ Die Patres der Franziskaner würden „in Syrien mit unseren Leuten bleiben, denn die Menschen vertrauen uns“. Die Franziskaner seien immer in Syrien und im gesamten Nahen Osten geblieben, auch als es 1860 in Damaskus zu einer Christenverfolgung kam und neun Patres als Märtyrer starben, darunter auch der 1926 seliggesprochene Tiroler Engelbert Kolland.

„Wir haben diese Aufgabe nie aufgegeben und werden dieses Land nie verlassen, denn unsere Sendung ist es, über die christliche Präsenz im Heiligen Land zu wachen“, sagte Pater Herro und appellierte an die im Stephansdom versammelten Gläubigen: „Schluss mit dem Schweigen, mit dem Krieg, mit der Vertreibung der Christen aus dem Nahen Osten, mit der Zerstörung Syriens und des Irak, mit der Finanzierung der Dschihadisten von IS und Al-Kaida, Schluss mit der großen Lüge, die ständig über den ,arabischen Frühling‘ verbreitet wird!“

Herro verlas bei der „Maria-Namen-Feier“ auch einen Aufruf der Custodie vom Heiligen Land, in dem es heißt: „Wenn der Krieg weitergeht, dann weil es am Willen vieler Politiker scheitert, diesen Krieg zu stoppen.“ Katar, die Türkei, Saudi-Arabien und die USA würden Gruppen und Milizen finanzieren, die gegen Präsident Assad kämpfen. Das entmutige viele Syrer. Die in Syrien kämpfenden Gruppen der Terroristen von IS und Al-Kaida seien in vielen Staaten geschaffen sowie „von ihnen finanziert und geleitet“ worden. Durch die Rückkehr der Dschihadisten nach Europa werde nun auch Europa durch Dschihadisten bedroht. „Darum ist wichtig, mit der syrischen Regierung zusammenzuarbeiten“, heißt es in dem verlesenen Aufruf weiter. Einige im Westen würden den Christen nun raten, einfach wegzugehen. Die Ortskirche sei jedoch dazu nicht bereit, „denn der Herr selbst hat gewollt, dass wir im Orient leben“.