Der Herr der Wunder

Ein Bericht aus der peruanischen Hauptstadt Lima über eines der bedeutendsten katholischen Feste in Lateinamerika. Von Josef Bordat

An den insgesamt vier Prozessionen, die heutzutage in jedem Oktober ihren Weg durch Lima nehmen, sind nicht nur religiöse Ordensgemeinschaften beteiligt, sondern große Teile der Bevölkerung. Foto: Bordat
An den insgesamt vier Prozessionen, die heutzutage in jedem Oktober ihren Weg durch Lima nehmen, sind nicht nur religiös... Foto: Bordat

Wer im Oktober die peruanische Hauptstadt Lima besucht, dem fallen die vielen Menschen auf, die in Violett gekleidet sind oder zumindest Teile ihrer Kleidung in dieser Farbe tragen. Straßenhändlerinnen im violetten Kleid, Bankangestellte mit violetter Krawatte, Jugendliche im violetten T-Shirt. Der Oktober ist in der 10-Millionen-Metropole am Pazifik der „mes morado“, der violette Monat. Der Grund: Die Stadt feiert mit Prozessionen zu Ehren des „Senor de los Milagros“, des Herrn der Wunder, ihren Schutzpatron, und violett ist die Farbe dieses traditionsreichen Festes, dessen Ursprünge im 17. Jahrhundert liegen.

1651 malen Sklaven aus Angela im Stadtteil Pachacamilla ein Kruzifix an eine Häuserwand aus Lehm, die als einzige dem Erdbeben vier Jahre später standhält. Der Rest Limas fällt in Schutt und Asche, auch die stabilen Gebäude, sogar die Kathedrale. Die vergleichsweise fragile Lehmwand mit der Darstellung des gekreuzigten Christus übersteht das Beben unbeschadet. Ein erstes Wunder.

Es beginnt eine Verehrung im Volk, die bald die Aufmerksamkeit des Bischofs erregt. Er ist skeptisch angesichts der Devotion durch die Afroamerikaner, die mit Trommeln und Tänzen den Gekreuzigten verehren. Das darf Mitte des 17. Jahrhunderts nicht sein. Als dann einer der besonders engagierten Gläubigen, Antonio de León, das mittlerweile zur Kreuzigungsszene mit Maria, der Mutter Jesu, und Maria Magdalena zur Rechten und Linken des Kreuzes angewachsene Gemälde mit einem Baldachin schützt und daraufhin um das Jahr 1670 von seiner Krebserkrankung geheilt wird, nimmt die Verehrung immer mehr zu.

Die Kirchenleitung will die Reißleine ziehen und das Gemälde zerstören. Doch alle drei Versuche scheitern, zum Teil auf spektakuläre Art und Weise. Als etwa ein Soldat das Gemälde abwaschen will, verdunkelt sich der Himmel über Lima und ein Erdstoß wirft ihn von der Leiter – ein Szenario wie zur Kreuzigung damals auf Golgotha. Schließlich geben die Autoritäten ihre Pläne auf und dulden den frommen Kult um das wundertätige beziehungsweise vom Volk als wundertätig verehrte Bild. Am 14. September 1671 wird die erste Heilige Messe vor der mittlerweile zur Pilgerstätte avancierten Wand gefeiert.

1684 erfuhr der Kult um das Bild eine weitere Steigerung. Ein spanischer Laie namens Sebastián de Antunano spürte den Ruf, das Gebäude und die umliegenden Grundstücke zu erwerben. Er folgte ihm Richtung Lima und tat wie ihm in seiner Vision geheißen. Die erworbenen Immobilien hinterließ er nach seinem Tod im Jahr 1716 dem Orden der Karmeliterinnen, die eine Kirche mit Kloster errichteten, das Monasterio de las Nazarenas. 1720 vom spanischen König Philipp V. sowie 1727 von Papst Benedikt XIII. anerkannt, wurde es schließlich am 11. März 1730 offiziell eingeweiht. Kirche und Kloster trotzten unter dem Schutz des Herrn der Wunder allen geografischen und gesellschaftlichen Erdbeben der letzten drei Jahrhunderte und existieren heute noch. Der Hochaltar der Kirche wird geprägt vom Originalfresko des „Senor de los Milagros“ aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Das Bild, das im Oktober durch Lima getragen wird, ist eine Kopie auf Leinwand. Es wird im Kloster aufbewahrt und für die Umzüge besonders geschmückt.

Die erste Prozession fand am 20. Oktober 1687 statt. Der Anlass war – wie könnte es anders sein – ein Erdbeben. Um Schaden von der Stadt abzuwenden, stellte man sich unter den Schutz des wundertätigen Kruzifixgemäldes und trug es auf den Hauptplatz Limas, der Plaza de Armas. Ab 1715 ist der „Senor de los Milagros“ ganz offiziell Schutzpatron der peruanischen Hauptstadt.

Die Geschichte des „Senor de los Milagros“ ist eine Geschichte voller Wunder und wundersamer Wendungen, eine Mischung aus historisch verbrieften Ereignissen und der Legendenbildung aus dem Geist der Volksfrömmigkeit. Zugleich zeigt sich in ihr vieles, was die Kirche in Lateinamerika prägt: eine tiefe Frömmigkeit, die sich in eigenen liturgischen Formen äußert. Rom und die örtlichen Bischöfe sahen und sehen das mit gemischten Gefühlen.

Außerdem ist die Geschichte des „Senor de los Milagros“ ein Stück lateinamerikanische Sozialgeschichte: Die schwarzen Immigranten, die als Sklaven ins Land kamen, hatten und haben es schwer in den Gesellschaften der Neuen Welt – auch innerhalb der Kirche und in den Ordensgemeinschaften waren sie lange Zeit Menschen zweiter Klasse. Dass es ausgerechnet Sklaven aus Angola waren, die dem wundertätigen Wandgemälde Form und Gestalt gaben, und dass die Mächtigen in Kirche und Staat dies nicht mehr rückgängig machen konnten, kann durchaus symbolisch gedeutet werden – und wäre damit ein weiteres kleines Wunder.

An den insgesamt vier Prozessionen, die heutzutage in jedem Oktober ihren Weg durch Lima nehmen, sind nicht nur religiöse Ordensgemeinschaften wie die Bruderschaften des „Senor de los Milagros“ oder Gemeindegruppen beteiligt, die ihre feste Funktion als Träger, Sänger oder Weihrauchschwenker haben, sondern große Teile der Bevölkerung. Sogar die Profis des peruanischen Spitzenclubs Alianza Lima gehen mit – der Herr der Wunder ist Patron des Vereins, die Vereinsfarben sind violett und weiß.

Begleitet wird der „Senor de los Milagros“ auf seinem Weg durch Lima seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts von der Muttergottes in den Wolken, „Nuestra Senora de la Nube“, einer besonderen Mariendarstellung. Deren Verehrung geht ebenso auf die Gründerin des Monasterio de las Nazarenas, Schwester Antonia Lucía del Espíritu Santo, zurück, wie die violette Farbe der Festkleidung, die ihr in einer Vision erschien.

Bis ins letzte Detail berühren sich bei den Umzügen Transzendenz und Immanenz, Himmel und Erde. Dass die Prozessionen ein buntes Bild bieten, nicht zuletzt für die Touristen, ist insoweit nur die Oberfläche – darunter liegt die Vielfalt von Devotion und Frömmigkeit, wie sie der christliche Glaube in katholischer Tradition hervorzubringen vermag. Die Feierlichkeiten zur Ehren des „Senor de los Milagros“ sind ein Oktoberfest der ganz besonderen Art.