„Der Gedanke der Universitas ist stark abhanden gekommen“

Ein Gespräch mit dem Würzburger Referenten für Hochschulseelsorge, Domdekan Günter Putz

Inwieweit wirkt sich der Bolognaprozess auf den Besuch von Theologievorlesungen durch Gasthörer anderer Fakultäten aus?

Eigentlich gar nicht. Selbst in meiner Studienzeit – also bereits 1969/70 – waren Hörer anderer Fakultäten in der theologischen Fakultät nur ausnahmsweise zu entdecken. Die Regel ist, dass im Augenblick die Lehramtskandidatinnen und -kandidaten, die am Gymnasium Unterricht erteilen werden, im Zweitfach andere Fächer studieren und in gewisser Weise zur Qualitätssicherung der theologischen Fakultäten beitragen, weil viele Altphilologen unter ihnen sind. Sie beherrschen die klassischen Sprachen, die für die Quellenforschung gerade der Patristik sehr interessant und aufschlussreich sind.

Fördert die Studienreform die Abwanderung von Theologiestudenten ins Ausland?

Nur in gewissem Maß. Die Priesteramtskandidaten machen ihr Freijahr, wo sie wollen. Das ist genauso gestreut wie früher: Viele gehen nach Jerusalem, manche nach Rom oder an andere Fakultäten in Deutschland. Nur wenige entscheiden sich für eine Universitätsstadt in anderen europäischen Ländern – gelegentlich mal ist es die Sorbonne in Paris oder katholische Universitäten in Spanien oder Italien. Die Lehramtskandidaten, die ja jetzt die Mehrheit der Studierenden an theologischen Fakultäten in Deutschland ausmachen, können sich das gar nicht leisten, weil sie schon vor dem Bolognaprozess durch die staatlichen Vorgaben in ein enges Korsett eingebunden waren von Verpflichtungen und Ableistungen von Lehrveranstaltungen. Der verschulte Charakter des Studiums, der jetzt oft diskutiert und auch beanstandet wird, war indirekt bei den Lehramtskandidaten bereits vorhanden. Auslandsaufenthalte werden in den Semesterferien oder nach dem Studienabschluss eingeplant.

Die deutschen Hochschulseelsorger haben sich vor einigen Wochen in einer Erklärung sehr kritisch zum Bologna-Prozess geäußert. Wirkt sich die Studienreform auch auf das Engagement der Studierenden in den Hochschulgemeinden aus?

Die Hochschulgemeinden leiden nicht unter der Studienreform. Sie sind genauso lebendig wie früher, haben Arbeitskreise, eine Theatergruppe oder hier in Würzburg auch den Hochschulchor. Geändert hat sich für Hochschulseelsorger die seelsorgliche Begleitung Einzelner, die zum Teil unter dem Leistungs- und Verschulungsdruck leiden. Die Einzelgespräche und die Einzelseelsorge nehmen in der Hochschulpastoral zu. Studierende merken, dass sie mehr persönliche Lebensbegleitung brauchen. Das ist zu erkennen.

Viele Studierende haben keine religiöse Verwurzelung mehr. Was bedeutet das für die Hochschulpastoral: Ist sie heute stärker missionarisch?

Die Hochschulpastoral ist im eigentlichen Sinne eher therapeutisch, weil Studierende, die nicht religiös sozialisiert sind, Fundamentalanfragen stellen nach der Sinndeutung des Lebens überhaupt. Das ist nicht einfach eine philosophische Fragestellung, wie das vielleicht in den fünfziger Jahren der Fall war, als der Existenzialismus den Einzelnen stark herausforderte, die Gottesfrage zu stellen und die Atheismusbegründung voranzutreiben oder zu widerlegen. Das ist heute anders. Studierende, die mit der Hochschulseelsorge in Kontakt kommen – die meisten leben ja in der Anonymität des gewohnten Lebens –, sind Menschen, die natürlich nach authentischem Lebenswissen und Lebensbegleitern suchen. Dabei spielen eben gläubige Christen in der Hochschulgemeinde eine große Rolle. Wenn sich dann der Glaube der Einzelnen als lohnend abzeichnet und bei den Leuten aufleuchtet, fangen sie an, weiterzufragen und zu suchen.

Gibt es auch Taufen in der Hochschulgemeinde?

Ja, Taufen und auch Firmungen. Das sind dann in erster Linie Studierende aus den neuen Bundesländern. Es hat auch schon Firmungen von Lehramtskandidaten gegeben.

Welche Erfahrung machen Sie persönlich mit den Studenten?

Die jetzige Studentengeneration ist im ganzen sehr individualistisch ausgerichtet. Der Einzelne macht sein Privatstudium, der Gedanke der Universitas ist sowieso stark abhanden gekommen – was übrigens für den Lehrkörper genauso gilt, denn auch da kann man deutlich erkennen, dass viele ihre Privatkarrieren verfolgen. Der Kanon der Wissenschaften hat sich so parzelliert, dass der Einzelne mit einem Teilsegment in seiner eigenen Wissenschaft so beschäftigt ist, dass er fast gar nicht mehr zu anderen Gegenständen kommt. Eigentlich wird alles einfach möglichst schnell erledigt, um damit später einen Beruf auszuüben. Zu beobachten ist die Reduktion eines Lernprogramms an der Uni auf Berufsfähigkeit.

Religionslehrer haben in der Schule oft keinen leichten Stand. Wie sind die Leute gestrickt, die diese Laufbahn einschlagen?

Mit Lehramtskandidaten für das Fach Religion führe ich im Laufe des Studiums Einzelgespräche und kann zunächst erkennen, dass sie zu neunzig Prozent wirklich alle kirchlich sozialisiert sind. Sie haben aktiv am Gemeindeleben teilgenommen in einer Jugendgruppe, als Ministranten oder Organisten. Sie unterscheiden sich also von den 68ern, die aus eher philosophischen oder theoretischen Gründen das Fach gewählt haben. Heute sehen Lehramtskandidaten ihre eigene Glaubensüberzeugung als Christen als Wert, der weitergegeben werden soll. Die Qualifizierung der Religionslehrer hat zugenommen. Genauso wichtig ist die Selbstvergewisserung der Religionslehrer, dass das Fach für Jugendliche wichtig ist um des Inhaltes willen. Davon ist der größte Prozentsatz der Religionslehrer überzeugt aus der eigenen Glaubensgeschichte heraus. Das kann man auch umgekehrt belegen: Viele wählen Religion auch als Drittfach – das müssten sie gar nicht studieren.