Der Funke im Pulverfass

Auf den Punkt gebracht: Faktenreich und knapp schildert Peter Blank in „Luther und seine Zeit“ den Hauptakteur und den Verlauf der Reformation. Von Guido Horst

Wenn sich katholische Theologen und Autoren heute mit Martin Luther befassen, dann geschieht das meist mit dem Anliegen, den Reformator als Kind seiner Zeit zu sehen, das heißt aus der historischen Konstellation heraus zu verstehen, die den Augustinermönch geprägt und geleitet hat. Das tut auch der Theologe und langjährige Religionslehrer Peter Blank, Priester des Opus Dei, der zum Jahr des Reformationsgedenkens im Christiana-Verlag das Überblicks-Buch „Martin Luther und seine Zeit“ veröffentlicht hat. Also keine Studie zu einem Aspekt des Beginns der lutherischen Konfession vor fünfhundert Jahren, sondern eine olympische Schau auf eine der tragischsten Epochen der abendländischen Christenheit, die die Kirche gespalten und in den Konfessionskriegen Elend, Verarmung und ein Massensterben über Mitteleuropa brachte, das die dortige Einwohnerzahl von sechzehn oder siebzehn Millionen Einwohner auf zehn Millionen Überlebende nach dem Dreißigjährigen Krieg schrumpfen ließ. Und da Luther – im Gegensatz zu den Renaissancepäpsten – ganz ein Mann des Mittelalters war, beginnt der Überblick des Autors Blank folgerichtig im zehnten und elften Jahrhundert.

Der Bogen reicht von den Reformen im Geist von Cluny und dem Investiturstreit zwischen Papst Gregor VII. und Kaiser Heinrich IV. über das Exil der Päpste in Avignon bis zum großen Abendländischen Schisma 1378 bis 1417, eine aufgewühlte Zeit, in der sich die geistigen wie materiellen Spurenelemente herausbilden sollten, von denen sich Luther und die Reformation später nährten. Da, wo sich Reformbewegungen wie etwa die cluniazensische, die „Devotio moderna“ oder die Theologie der großen Mystiker auf das Leben der Kirche auswirkten, war die Reformation nicht das zwingende Ergebnis dieser Umbruchszeit.

Weder wirklich originell noch ein Kind seiner Zeit

In Spanien fand sie gar nicht statt. Aber es gab eben auch Simonie und Nepotismus, einen schlecht ausgebildeten Klerus, sehr weltlich agierende Bischöfe und einen Papst als obersten Herrscher (und Kriegsführer) im Kirchenstaat.

Es gab die abweichenden Lehren eines John Wiklif und Jan Hus, die Wirkung des Nominalismus eines Wilhelm von Ockham und im Volk viel Aberglaube und eine hysterische Anfälligkeit, wie sie sich beim Hexenwahn, den Judenpogromen oder im Bauernaufstand zeigen sollten. Alles das hat Luther aufgenommen und es hat ihn geprägt, so dass Blank unter anderem schreiben kann, dass „Luther kaum einen Gedanken ausgesprochen hat, den nicht vor ihm schon einmal jemand gedacht und ausgesprochen hätte“.

Dennoch war Luther nicht insofern ein „Kind seiner Zeit“, dass die Reformation sich quasi von alleine vollzog. Vielmehr hat er, so der Autor, „all seinen Gedanken in Wort und Schrift einen so persönlichen Stempel aufgedrückt, dass sie von den Zeitgenossen als ganz neu und revolutionär empfunden wurde“. Zusammenfassend schreibt Blank, bevor er sich eingehend dem Leben und Denken des Reformators widmet: „Luther war wie der Funken, der in das Pulverfass der religiösen, geistigen, politischen und sozialen Unruhe und Unzufriedenheit seiner Zeit fiel. Den aufflammenden Brand aber hat Luther dann mit seiner ganzen leidenschaftlichen Persönlichkeit bewusst und mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mittel ausgebreitet und immer wieder neu angefacht.“

Das Leidenschaftliche seiner Persönlichkeit – das hat Luther mitgerissen. Es war für ihn, der sich nicht dem Urteil und Rat eines geistlichen Führers oder Beichtvaters anvertraut hat, ausschlaggebend, von seinem Entschluss, Augustinermönch zu werden, bis zu dem berühmten „Turmerlebnis“ 1516, als er seine geistliche Not löste und erkannte, dass Gott nicht nur ein strenger Richter ist, sondern die Gerechtigkeit aus reiner Gnade schenkt. Dieser von Luther selbst als „reformatorischer Durchbruch“ gesehene Augenblick ist aber auch bei Peter Blank, einer Einsicht der katholischen Reformationsgeschichte folgend, eigentlich nur der Punkt, an dem er einen Katholizismus niedergerungen hatte, „der niemals katholisch war und den die Kirche – und in besonderer Weise der von Luther so hoch geschätzte heilige Augustinus – bereits tausend Jahre zuvor (in der Auseinandersetzung mit Pelagius und dem Semipelagianismus) definitiv als Häresie verurteilt hatte“.

Ein anderes Denkmodell der – jüngeren – katholischen Reformationsgeschichte besteht darin, fürchterlich auf die Renaissancepäpste – also die Päpste vor und zur Zeit Luthers – einzuschlagen, so dass man nachher bei den sprachlichen Gewaltorgien des Reformators etwa gegen die Juden, gegen die aufständischen Bauern oder gegen geistig behinderte Kinder als vom Teufel Beseelte kein Blatt vor den Mund nehmen muss.

Den Päpsten blieb das Mönchsgezänk fremd

Blank widmet den Päpsten von Nikolaus V. (1447–1455) bis Pius V. (1566–1572) sechs Seiten, in denen es nur so wimmelt an Superlativen des Grauens: „beispiellose sittliche Verkommenheit“, „Ruhmsucht und Eitelkeit“, „verkommenes Kardinalskollegium“, „beispiellos unwürdige Männer“, „für das Petrusamt und die Wahrnehmung der brennenden Aufgaben der Kirche ungeeignet“. Tatsache ist: Diese Päpste, die von der alten Welt der wieder entdeckten Antike bis zur neuen Welt jenseits des Atlantiks dachten, haben am wenigsten das „deutsche Mönchsgezänk“ eines Luthers verstanden. Allenfalls noch Hadrian VI., der zu kurz regierte, um das nötige Reformwerk der Kirche wirklich einleiten zu können.

Auf 190 Seiten stellt der Autor Luther und die Reformationszeit dar, streift auch den zweiten Schritt der Protestantisierung, die Fürstenreformation in Deutschland 1525–1555 und nimmt noch den Augsburger Religionsfrieden von 1555 und die Person von Kaiser Karl V. und das 1545 in Trient eröffnete Konzil in den Blick. Blank bietet somit eine sehr faktenreiche, die ganzen Wirrungen der damaligen Zeit umfassende Darstellung der Epoche, der man jetzt im Luther-Jahr gedenkt. Es ist eine tragische Geschichte, die ja nicht nur die Konfessionskriege zur Folge hatte, sondern auch die Abwendung der geistigen Eliten der Aufklärung und der modernen Philosophie von der Religion im Allgemeinen und der Botschaft des Evangeliums im Besonderen, um Ethik und Moral allein durch die Vernunft zu begründen – was sich schließlich in den Ideologien des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts auf die blutigste Weise austoben sollte.

Peter Blank: Luther und seine Zeit – Ein Überblick. Christiana-Verlag, Kisslegg 2017, Taschenbuch, 192 Seiten,

ISBN 978-3-7171-1278-5, EUR 6,95