Der Fall McCarrick wird aufgerollt

Kardinal Ouellet: Es gab keine Sanktionen gegen den Missbrauchstäter. Von Guido Horst

Carlo Maria Vigano
Erzbischof Carlo Maria Vigano. Foto: Romano Siciliani (KNA)

Wer die notwendige Aufklärungsarbeit im Vatikan nach den Vorwürfen des ehemaligen Nuntius Carlo Maria Vigano leisten wird, ist unbekannt. Zu hoffen ist, es werden nicht genau die sein, die über Jahre hinweg trotz der umlaufenden Gerüchte über den amerikanischen Kirchenmann Theodore McCarrick und dessen mit Seminaristen ausgelebte Homosexualität zugelassen haben, dass der heute 88-Jährige eine beachtliche Karriere in der Hierarchie der Kirche in den Vereinigten Staaten hinlegen konnte, bis zu der Ernennung zum Erzbischof von Washington im November 2000 und der Erhebung in den Kardinalsstand wenige Monate später. Nachdem der Vatikan am vergangenen Samstag mitgeteilt hat, Papst Franziskus habe angeordnet, alle in den vatikanischen Dikasterien liegenden Akten über McCarrick zu untersuchen und die entsprechenden Ergebnisse zu gegebener Zeit öffentlich zu machen, indem man diese in den historischen Zusammenhang stellt und objektiv bewertet, wird also irgendjemand die von Vigano geforderte Aufklärungsarbeit leisten. Weiter heißt es in der Mitteilung, der Heilige Stuhl sei sich bewusst, dass bei der Prüfung der Tatsachen und Umstände Entscheidungen von damals ans Licht kommen könnten, die nicht mehr der Art und Weise entsprechen, wie man heute diese Fragen angehe. Ob aber auch geklärt wird, welcher Art die Anweisung von Papst Benedikt an den bereits im Ruhestand lebenden McCarrick war, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen, warum sich dieser aber nicht daran hielt und unter Franziskus mit Billigung des Papstes China-Reisen unternehmen und zahlreiche Auftritte vor Publikum absolvieren konnte, muss vorerst offen bleiben.

In seiner zweiten Anklageschrift vom 29. September hatte Vigano dann insbesondere den Präfekten der Bischofskongregation, Kardinal Marc Ouellet, aufgefordert, offenzulegen, was er über den Fall McCarrick weiß. „Eminenz, bevor ich (als Nuntius A.d.R.) nach Washington aufbrach“, schrieb Vigano, „waren Sie derjenige, der mir von den Sanktionen von Papst Benedikt gegen McCarrick erzählt hat. Sie haben Schlüsseldokumente zu Ihrer vollen Verfügung, die McCarrick und viele in der Kurie für ihre Vertuschungen belasten. Eminenz, ich bitte Sie eindringlich, die Wahrheit zu bezeugen.“ Am vergangenen Sonntag, einen Tag nach der Erklärung des Heiligen Stuhls, veröffentlichte der Vatikan einen offenen Brief Ouellets an den Ex-Nuntius, in dem der Kardinal die Vorwürfe Viganos gegen Franziskus und mehrere Kurienprälaten zurückweist, aber zugibt, dass er sich heute frage, warum McCarrick trotz der zahllosen Gerüchte über seinen Lebenswandel in der Kirchenhierarchie so hoch habe aufsteigen können. Aber Ouellet geht auch auf die Informationen ein, die er Vigano vor dessen Abreise nach Washington mit auf den Weg gegeben hat: Unter Benedikt XVI. habe man den ehemaligen Kardinal nachdrücklich aufgefordert, nicht zu reisen und auch nicht in der Öffentlichkeit aufzutreten. Es sei aber falsch, „diese gegen ihn ergriffenen Maßnahmen als ,Sanktionen‘ darzustellen, die von Papst Benedikt XVI. erlassen und von Papst Franziskus aufgehoben worden seien“. Entsprechende Unterlagen befänden sich nicht in den Archiven. Für Sanktionen hätten damals die entsprechenden Beweise gefehlt. So hoffe er, schreibt Ouellet, „dass uns die in den Vereinigten Staaten und der Römischen Kurie laufenden Ermittlungen bald einen kritischen Gesamtüberblick über die Abläufe und Umstände dieses schmerzlichen Falles geben werden, damit sich solche Ereignisse in Zukunft nicht wiederholen“. Man fängt im Vatikan und in der Nuntiatur in Washington also allmählich an, Licht ins Dunkle zu bringen.