Würzburg

Der Exodus der Protestanten

Wie die Evangelische Kirche in Deutschland angesichts sich leerender Kirchen die Sonntagspflicht reformieren möchte.

Leere Kirche
Immer weniger evangelische Christen finden sonntags den Weg in die Kirche. Eine Aufweichung des dritten Gebots wäre allerdings nicht für alle Lutheraner akzeptabel. Foto: Symbolbild

Die EKD hat in einer Studie herausgefunden, dass der normale Sonntagsgottesdienst ein „negatives Image“ hat und nur noch von sehr wenigen evangelischen Kirchenmitgliedern besucht wird. Populärer seien Gottesdienste zu besonderen Anlässen wie Weihnachten, im Urlaub, zur Einschulung, Taufe, Trauung oder Beerdigung. Daher will EKD-Oberkirchenrat Thies Gundlach nun die Sonntagsgottesdienste zur Disposition stellen. In „begründeter Freiheit“ solle jede Gemeinde selbst entscheiden, wieviel „Kapazität“ sie noch für regelmäßige Sonntagsgottesdienste aufwenden wolle.

Miserabler Besuch der meisten landeskirchlichen Gottesdienste

Der Hintergrund dieses sensationell anmutenden Reformvorschlages ist der miserable Besuch der meisten landeskirchlichen Gottesdienste. Insgesamt besuchen laut EKD-Statistik zwar noch 734 000 und damit drei Prozent der Kirchenmitglieder den Sonntagsgottesdienst, in Wirklichkeit sieht es vor Ort meist weit dramatischer aus, als solche Zahlen vermitteln können. Die an bestimmten Zählsonntagen gewonnene Zahl täuscht über die wirklichen Zustände hinweg.

Viele Pastoren und Pastorinnen predigen vor fast leeren Kirchen, in denen sich teilweise nur fünf oder fünfzehn Besucher auf mehreren hundert Plätzen verteilen. Schon in den 1970er Jahren machte ich diese traurige Entdeckung, als ich in einem Hamburger Stadtteil eine lutherische Ortsgemeinde besuchte, die 16 000 Mitglieder zählte und von sechs Pastoren betreut wurde. Dort erschienen aber nur regelmäßig 25 Besucher mit einem sehr hohen Altersdurchschnitt zum Gottesdienst, somit nicht drei Prozent, sondern 0,0016 Prozent der Mitglieder. Die Pastoren engagierten sich hauptsächlich in der Anti-Atomkraft-Bewegungen und brachten der Feier des Gottesdienstes spürbar wenig Interesse und Leidenschaft entgegen. Jesus Christus, den Auferstandenen, schienen sie weder zu kennen noch zu lieben. Die nur hundert Meter entfernte katholische Gemeinde wurde in drei Sonntagsmessen hingegen von zusammen 800 bis 900 Gläubigen besucht.

Jesus Christus schienen sie weder zu kennen noch zu lieben

Manche evangelische Kirchen weisen auch einen überdurchschnittlichen Besuch von zehn oder fünfzehn Prozent der Gemeindemitglieder auf, was bei der EKD offenbar ein gut gehütetes Geheimnis ist. Solche Gottesdienste werden in der Regel von hochkirchlichen, charismatischen, konservativen, missionarischen, gläubigen oder evangelikalen Pastoren geleitet.

Natürlich versammeln sich hier auch sogenannte Zielgruppen, nämlich solche Christen, die sich als bekehrt, gläubig oder „wiedergeboren“ bezeichnen, die von ihren Pastoren erwarten, eine bibel-, bekenntnistreue und motivierende Predigt zu hören, die sie nicht „leer“ in die kommende Woche gehen lässt. Lieber fahren solche Gottesdienstbesucher viele Kilometer mit dem Auto, anstatt dort zur Kirche zu gehen, wo sie mit vornehmlich sozialen, feministischen, liberalen, politischen, zeitgeistigen oder psychologischen Themen von „Pastor*innen“ behelligt werden.

Soll das Evangelium nicht mehr "rein gepredigt" werden?

Je nachdem, was erfragt wird, bringt dann auch eine Studie zum Gottesdienstverhalten bestimmte Ergebnisse hervor, lautet eine alte Weisheit. Warum will offenbar die EKD-Spitze die traditionellen Sonntagsgottesdienste zur Disposition stellen? Will sich die evangelische Kirche selbst abschaffen? Soll das Evangelium nicht mehr „rein gepredigt“ und die Sakramente „einsetzungsgemäß gespendet“ werden, wie es im Augsburger Bekenntnis von 1530 (CA) heißt?

Diese beiden Punkte sind bekanntlich die einzigen Grundlagen, mit denen die EKD-Kirchen ihr sogenanntes „Kirche-Sein“ begründen, wie sich in der Auseinandersetzung um das Dokument „Dominus Jesus“ (1999) zeigte. Das dämmert nun wohl auch Thies Gundlach, der schon abwiegelt und zurückruderte: „Natürlich gehe es nicht darum, den Gottesdienst aufzugeben“.

Hamburger Pastor unterstellt der EKD hausgemachte Probleme

Der Vorsitzende der evangelischen Bekenntnisbewegung, der Hamburger Pastor Ulrich Rüß, stellt angesichts der weiterhin sehr hohen Kirchenaustrittszahlen der EKD-Kirchen 2018 die Frage nach den Ursachen. Die evangelische Kirche habe ein Identitätsproblem und eine Fülle „hausgemachter Probleme“, wozu die Selbstsäkularisierung, die Unterstützung und Anpassung an den aktuellen gesellschaftlichen Mainstream, als „Vorreiter von Genderideologie und Unterstützer der Ehe für alle“ zähle, so Rüß.

Die Landeskirchen hätten ihre an der Bibel und dem Bekenntnis ausgerichtete Kompetenz in Fragen des Glaubens, der Ethik und Dogmatik „gleichsam selbst aufgegeben“. Evangelisation, Mission, Seelsorge müssten thematisch wieder die Tagesordnungen kirchlicher Gremien bestimmen. Glaubenskurse auch für kirchliche Mitarbeiter, fordert Rüß.

"Eine Kirche, die den sonntäglichen Gottesdienst [...]
als Mitte des Gemeindelebens in Frage stellt, stellt
sich [...] gegen das eigene Bekenntnis"
Pastor Ulrich Rüß

Die Bindung an Schrift und Bekenntnis dürfe nicht dem jeweiligen Zeitgeist geopfert werden, denn damit stehe und falle die eigene Glaubwürdigkeit und Identität der Kirche Christi. Gegenüber der „Tagespost“ schätzt Pastor Rüß den EKD-Vorschlag so ein: „Eine Kirche, die den sonntäglichen Gottesdienst mit Wort und Sakrament als Mitte des Gemeindelebens in Frage stellt, stellt sich nicht nur gegen das Zeugnis der Heiligen Schrift (Bibel), sondern auch gegen das eigene Bekenntnis (CA 7), hört auf, Kirche Jesu Christi zu sein und verliert ihre Daseinsberechtigung.“

Nach der geistlichen Mitte der evangelischen Christenheit fragen die Autoren der EKD-Studie offensichtlich nicht, weswegen hier das Bonmot des früheren Berliner Landesbischofs Otto Dibelius mal wieder zu gelten scheint, der 1946 – und nicht Winston Churchill – resümierte: „Im übrigen glaube ich nur an die Statistik, die ich selbst gefälscht habe.“

„Es ist evangelische Sitte, den Gottesdienst nicht zu besuchen"

Die Begeisterung der EKD-Verantwortlichen für sogenannte Zielgruppengottesdienste oder alternative Gottesdienstformen, die hohe Besucherzahlen erleben würden, sind letztlich mit den sonntäglichen Gottesdiensten gar nicht vergleichbar. Solche Angebote als Alternative den Gemeinden zu präsentieren oder vorzuschlagen, ist letztlich Augenwischerei. Wenn Gottesdienste zu Weihnachten bekanntlich voll, wenn alternative Gottesdienste in einem Fitnessstudio, in einer Kneipe, in einem Einkaufstempel oder unter freiem Himmel bei einem Dorffest gut besucht werden, mag das ein kirchliches Erfolgserlebnis sein, aber die Frage bleibt, warum diese Besucher am folgenden Sonntag dem Normal-Gottesdienst fernbleiben, obwohl das Dritte Gebot der Sonntagsheiligung doch auch für evangelische Christen gilt? Halbironisch oder frustriert stellte schon vor etwa fünfzig Jahren der evangelische Theologe Ernst Lange diesbezüglich fest: „Es ist evangelische Sitte, den Gottesdienst nicht zu besuchen.“

Was zeigt die EKD-Studie zum Gottesdienst? Dass auf evangelisch-synodalen Wegen beschlossenen Gottesdienstreformen, die Einführung der Frauen-Ordination, die Zulassung von lesbischen und homosexuellen Paaren in Pfarrhäusern, die Propagierung der Ehe für alle, die Anpassung an Zeitgeist und „gesellschaftliche Wirklichkeit“ nicht den erhofften positiven Effekt erzielt haben.

Die reformierte evangelische Kirchlichkeit zeigt vielmehr, dass die den Reformkatholiken so verheißungsvoll erscheinenden Ideen den weiteren Abwärtstrend des evangelisch-kirchlichen Lebens soweit beschleunigt haben, dass die Glocken in vielen Kirchen der Protestanten am Sonntag nun gar nicht mehr läuten werden.