Der Engel beschränkt sich auf das Notwendige

1 Kön 19, 4–8

Eph 4, 30–5,2

Joh 6, 41–51

Ich wünsche jedem, dem es richtig dreckig ergeht, eine bibelfeste Frauensperson, die ihn auf 1 Kön 19 hinweist. Denn da ist einer, der aufgeben will, kein geringerer als der Prophet Elia. Er wünscht sich den Tod mit der Begründung „Denn ich bin nicht besser als meine Väter.“ In der Tat, diese sind alle gestorben, weil sie verquere und verkehrte Menschen waren, wegen was denn sonst. Elia hätte es vielleicht besser machen können, aber er ist nicht besser. Er ist nur eine Neuausgabe des alten Adam. – Da berührt ihn ein Engel und sagt: „Steh auf und iss!“ Und Brot und Wasser sind auch gleich da, wie durch ein Wunder. Das erinnert doch stark an die Speisungsberichte der Evangelien. Denn auch dort gibt es unversehens Brot für viele Menschen, ohne dass von Mehlmühlen, Backöfen, Bäckern oder Brotpreisen die Rede wäre. Gott schenkt im Handumdrehen das fertige Zivilisationsprodukt Brot, und Wasser gleich mit dabei. Weder Elias noch der Verfasser der Königsbücher noch der Evangelist Johannes machen sich Gedanken über die Herkunft dieser lebenserhaltenden Gaben. Wo Gott handelt, ist das einfach so. Denn entscheidend ist etwas anderes: Dass Elias durchhält, seinen Beruf nicht aufgibt.

– Erstaunlich ist vor allem: Der Engel hält keine lange Ansprache. Er redet ganz knapp: „Steh auf und iss!“ Das wiederholt der Engel und gibt als kurze Begründung: „Denn sonst ist der Weg zu weit für dich!“ Die Worte also könnten nicht knapper sein in dieser Geschichte. Aber Gott denkt an das Notwendige. Auch jede kluge Hausfrau würde sagen: „Erst einmal ordentlich essen!“ Das Notwendige ist hier nicht das Hochgeistige, doch Elias weiß: Gott kümmert sich ganz elementar um ihn, in einer Situation, in der es um Tod und Leben, um Sterbenwollen oder Weitermachen geht. Die Gabe des Schlafes wurde Elias übrigens in dieser Situation auch geschenkt. Den Kontrast zwischen dem müden, lebensmüden und hungrigen Elias auf der einen Seite und dem wunderbaren und schützenden Engel auf der anderen Seite haben Künstler gerne aufgegriffen. Auch der Ginsterstrauch über dem schlafenden Propheten ließ sich gut einbringen.

Auch Joh 6, 48–51 handelt vom Brot, das vom Himmel kommt und das wunderbare Stärkung verheißt. So lassen sich beide Perikopen nach der altkirchlichen und mittelalterlichen Art der typologischen Exegese miteinander vergleichen:

Elias: Auf wunderbare Weise kommt Brot und Trank vom Himmel.

Johannes: Jesus ist Brot vom Himmel.

Elias: Auf diese Weise sorgt Gott persönlich und physisch wirksam für seinen Boten.

Johannes: Gott sorgt durch das Himmelsbrot, das er sendet, persönlich und physisch für die Menschen.

Elias: Brot und Trank vom Himmel stärken den Propheten auf seinem 40tägigen Weg zu Gott, zu Gottes Berg.

Johannes: Jesus, das Himmelsbrot, stärkt die Menschen auf ihrem Weg zu Gott.

Elias: Die Stärkung durch Gott hält ihn davon ab, sterben zu wollen.

Johannes: Das Brot vom Himmel, die Stärkung durch Gott, bedeutet Leben, das in Ewigkeit nicht aufhört.

Elias: Gott will von ihm, dass er isst und trinkt und so Gottes Auftrag erfüllt und die Bedrohung des Todes meiden kann.

Johannes: Jesus will nicht mehr, als dass seine Jünger essen und trinken und so Gottes Auftrag erfüllen können und dem Tod entgehen.

Elias: Essen und Trinken sind Gottes Gebot durch den Engel, seinen Boten.

Johannes: Essen und Trinken sind Gottes Gebot durch Jesus, seinen Gesandten.

Elias: Schlafen muss der Mensch schon allein, aber für Essen und Trinken sorgt Gott als der Schöpfer.

Johannes: Die Rettung sieht der Schöpfung sehr ähnlich. Essen und Trinken sind elementare Akte auch der neuen Schöpfung.

Elias: Durch das Wirken seines Engels bereitet Gott Sorgenfreiheit und Angstfreiheit.

Johannes: Jesus nimmt die Angst vor dem Tod.

Elias: Gott bleibt nicht stumm in der Not seines Propheten. In der Situation am Ginsterbusch greift er massiv in die Geschichte ein.

Johannes: Durch die Sendung Jesu kommt die Geschichte Gottes und der Menschen zu ihrem kritischen Wendepunkt.

Elias: Gott sendet zweifach: Er schickt Elias und den Engel.

Johannes: Jesus ist der vom Vater Gesendete, überdies Sohn Gottes.

Elias: Gott sorgt für seinen Propheten, er lässt ihn nicht fallen und nicht einfach sterben.

Johannes: Gott sorgt für Jesus. Er rettet ihn aus dem Tod.

Elias: Das Brot des Lebens rettet ihn vor dem Tod.

Johannes: Jesus nennt sich Brot des Lebens.

Elias: Wer das irdische Brot ist, wird doch sterben (Joh 6, 49).

Johannes: Wer dieses Brot ist, bleibt und hat unzerstörbares Leben.

Elias: An seinem Propheten macht Gott deutlich, wer er ist.

Johannes: An seinem Sohn offenbart sich Gott als er selbst.

Elias: Die Vorstellung des Propheten ist weit und gut entwickelt; Gott ist mit ihm

Johannes: Auch Jesus ist von Gott gesandt, aber er ist mehr als ein Gesandter, er ist der Sohn.

Elias: Gott sorgt für ihn, mütterlich und väterlich, dass er lebt.

Johannes: Durch Jesus soll die ganze Welt leben (Joh 6, 51).

Elias: Das Wunder: Keines Menschen Hand hat dieses Brot gebacken.

Johannes: Das Wunder: Jesus selbst ist das Brot.

Elias: Wenn Elias dem Engel folgt, wird er leben.

Johannes: Jesus verheißt dem Glauben das ewige Leben.

Elias: Der Engel weist den Propheten auf das Brot vom Himmel.

Johannes: Der Gesandte Gottes ist selbst in Person das Lebensbrot.

Elias: Elias will sterben, weil er Sünder ist.

Johannes: Jesus gibt das Leben, indem er von der Sünde befreit.

Elias: Der Prophet Gottes ist schwach und ängstlich.

Johannes: Der Gesandte Gottes ist voll von ansteckendem göttlichem Leben.

Die Kraft der himmlischen Speise reicht für die Ewigkeit

Elias: Der Tod ist Gottes Feind. Gott bekämpft ihn durch seinen Engel und die treue Sorge für Elias.

Johannes: Der Tod ist weiterhin Gottes Feind, aber in Jesus ist er überwunden.

Elias: Für Elia reicht die Kraft aus den beiden Mahlzeiten 40 Tage und 40 Nächte

Johannes: Für den, der an Jesus glaubt, reicht die Kraft des Brotes, das er ist, in Ewigkeit.

Elias: 40 Tage und 40 Nächte sind in der Bibel immer die Zahl der Tage vor der Begegnung des Menschen mit Gott.

Johannes: Mit Jesus hat der Tag und das Bleiben seinen Anfang genommen. Er ist nicht vor der Begegnung mit Gott, sondern ist die Begegnung selbst.

Elias: Die Konsequenz der Begegnung mit dem Engel ist, dass er schlafen und aufstehen kann (19, 6f).

Johannes: Die Konsequenz des Himmelsbrotes ist die Kraft zur Auferstehung (6, 54).

Resultat: Die typologische Methode des Vergleichens hat Übereinstimmungen und Unterschiede zutage gefördert. Die typischen Differenzen zwischen Altem und Neuem Testament wurden auch hier greifbar. Dazu gehört besonders die Ausweitung des Lebensbegriffs auf das ewige Leben im Neuen Testament und auch die Konzentration der Heilsaussagen auf die Person Jesu Christi im Neuen Testament. Die Rettung vor dem Tod ist im Neuen Testament die vor dem ewigen Tod. Denn zu der Zeit, als das 1. Buch der Könige geschrieben wurde, endete für die Vorstellungen der Menschen in Israel das Leben mit dem Tode. Das Evangelium nach Johannes durchbricht diesen engen Erwartungshorizont ganz systematisch.

In Eph 4, 30–5, 2 ist für mich wichtigste Satz der erste der Perikope: „Macht den Heiligen Geist Gottes nicht traurig. Denn durch ihn bleibt ihr wohlbehalten, bis ihr erlöst werdet“. Das ewige Leben, das Gott ist und schenkt, hat damit – das kommt in den beiden oben diskutierten Texten nicht zum Ausdruck – eine Innenseite, und die heißt Freude. Der Heilige Geist ist Gott, das Leben, als die Freude selbst. Wo immer und wie immer Gott das Brot des Lebens reicht, es bedeutet Lebensfreude. Und sie ist wohl das, was Gott bei seinem Weg mit den Menschen am meisten „interessiert“. Klaus Berger