Der Campo Santo schafft Distanz

Kaum Zeitbezug: Erwin Gatz über sein Leben Von Harm Klueting

Viele Leser kennen den Campo Santo Teutonico bei St. Peter in Rom, den 799 zum ersten Mal genannten Friedhof mit Kirche der deutschen Pilger in der Ewigen Stadt, heute Sitz der um 1450 entstandenen, seit 1579 als „Arciconfraternita di Santa Maria della Pieta“ bezeichneten Bruderschaft. Sie kennen auch den Friedhof – auch an heißesten Hochsommertagen ein angenehm kühler Platz –, auf dem noch heute die Mitglieder der Erzbruderschaft begraben werden. Viele kennen auch die Kirche des Campo Santo, die – wie Gatz in seinem Romführer „Roma Christiana“ schreibt – wahrscheinlich von Giovanni di Pietro de Dolci, dem Architekten der Sixtinischen Kapelle, erbaute Kirche Santa Maria della Pieta gleich neben der Sakristei von St. Peter und nur durch die vatikanische Via della Sagrestia von der Basilika San Pietro getrennt und mit der von Bundespräsident Theodor Heuss gestifteten Bronzetür, in der Kardinal Ratzinger bis zu seiner Erhebung auf den Papstthron regelmäßig donnerstags frühmorgens die heilige Messe zelebrierte.

Manche kennen auch das 1876 gegründete Priesterkolleg des Campo Santo, das sich dem Studium der Christlichen Altertumskunde und der Kirchengeschichte widmet und die „Römische Quartalschrift“ herausgibt, oder das im Campo Santo untergebrachte Römische Institut der Görres-Gesellschaft mit seiner Bibliothek. Seit 35 Jahren, seit 1975, hat der Aachener Diözesanpriester Erwin Gatz das Glück, als Rektor an der Spitze des Campo Santo Teutonico zu stehen.

Erwin Gatz beging im März 2010 das fünfzigste Jubiläum seiner Priesterweihe. Das war für ihn Anlass zur Veröffentlichung seiner Lebenserinnerungen, auch wenn er im Vorwort anmerkt, „Priester und Seelsorger“ schrieben „nur selten über sich selbst“. Nun ist der Priester Gatz aber mehr als Gelehrter und als Verfasser und vor allem als Herausgeber bedeutender Werke denn als Seelsorger bekannt, sodass man mit großem Interesse zu dieser Autobiografie greift. Man erfährt viel über die Kindheit und Jugend des 1933 in Aachen geborenen Verfassers in Aachen und in Taucha bei Leipzig, wohin es die Familie 1938 verschlug, über die Abiturientenzeit am Aachener Einhard-Gymnasium und über das Studium der katholischen Theologie in Bonn und München.

Mit Schmunzeln liest man die Erinnerung an das Theologenkonvikt Collegium Albertinum in Bonn und über die von dem späteren Kölner Weihbischof Klaus Dick verfasste Hymne auf den damaligen Konviktsdirektor Hans Daniels: „Heil Dir im Siegerkranz, Heil Dir Du lieber Hans, Heil Fiffi Dir. In des Direktors Glanz bleibst Du doch unser Hans, Heil Dir im Siegerkranz, Heil Fiffi Dir“. Man wird unterrichtet über die Zeit im Aachener Priesterseminar und über die kirchengeschichtliche Promotion – mit der Dissertation über „Rheinische Volksmission im 19. Jahrhundert“ – 1961 bei Hubert Jedin in Bonn, über die Diakonen- und die Priesterweihe – 1960 in Aachen – und über die Habilitation als Kirchenhistoriker – mit der Habilitationsschrift „Kirche und Krankenpflege im 19. Jahrhundert“ – 1970 bei Eduard Hegel in Bonn. Man liest auch über die Erfahrungen des Privatdozenten mit vergeblichen Bemühungen um einen Lehrstuhl, wie fast jeder Privatdozent und auch der Rezensent sie gemacht hat.

Lesenswerte Kapitel über Kaplansjahre am Niederrhein

Die interessantesten Abschnitte des Buches gelten aber nicht der akademischen, sondern der pastoralen Seite. Das sind die sehr lesenswerten Kapitel über die Kaplansjahre in Vorst bei Kempen am Niederrhein, in Grefrath und in Düren. Gatz scheint gern Kaplan gewesen zu sein. Die Darstellung bricht ab mit der Ernennung zum außerplanmäßigen Professor 1973 in Bonn und mit der Berufung nach Rom 1974/75. Aus seinen römischen Jahrzehnten berichtet Gatz nur über die Entstehung der von ihm verfassten oder herausgegebenen Werke, darunter das mehrbändige Bischofslexikon, das Bistumslexikon, die große „Geschichte des kirchlichen Lebens in den deutschsprachigen Ländern seit dem Ende des 18. Jahrhunderts“ und der 2009 erschienene „Atlas zur Kirche in Geschichte und Gegenwart“.

Gatz verzichtet weitgehend auf Kontextualisierung. Was ist damit gemeint? Gemeint ist, dass er über sich und über sein Leben berichtet, aber kaum über den Kontext, in dem dieses Leben gelebt wurde. Die Kaplansjahre seit 1960 fielen in die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils, die Bonner Habilitation mitten in die Zeit der Studentenbewegung nach „1968“ und in die aufregende Nachkonzilszeit. Die Jahre zwischen 1960 und 1975 waren kirchlich, theologisch, politisch und gesellschaftlich eine höchst aufregende Zeit. Von alledem liest man in diesen Lebenserinnerungen fast gar nichts. Einmal heißt es: „Während meiner Grefrather Zeit fand das Zweite Vatikanische Konzil statt. Ich verfolgte damals wie eine breite Öffentlichkeit seine Verhandlungen, abonnierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die wirkliche Tragweite des Konzils kam mir damals nicht zum Bewusstsein, denn ich war viel zu sehr mit meinen täglichen Aufgaben befasst.“ Und an einer anderen Stelle: „Während meiner Dürener Kaplansjahre gerieten auch andere hergebrachte Bräuche in eine Krise. Der Klerus legte allmählich die Priesterkleidung ab und ging nach allerlei Kompromisslösungen zur weltlichen Kleidung über. Viel gravierender waren jedoch der Rückgang des Gottesdienstbesuches und der fast völlige Verfall der persönlichen Beichtpraxis.“ Das ist alles. Wie eine stärker kontextualisierte Autobiografie aussieht, das zeigen Joseph Ratzingers „Aus meinem Leben“ oder Hubert Jedins „Lebensbericht“.

Erwin Gatz: Aus meinem Leben. Schnell & Steiner, Regensburg 2010, 224 Seiten, ISBN 978-3-7954-2373-5, EUR 24,90