Der Bonifatiusstab in neuen Händen

Michael Gerber hat sein Amt als Bischof von Fulda angetreten. Mit einem gelungenen Glaubensfest geht der pilgernde Oberhirte seine ersten Schritte in einer großen Tradition. Von Kilian Martin

Michael Gerber ist der 18. Bischof von Fulda. Foto: Bistum Fulda/Otti Leupolt

Mit einem gesungenen Dankgebet, „Deo dicamus gratias“, antwortet der Chor auf die päpstliche Ernennungsbulle, „Gott sagen wir Dank“. Dann tritt Michael Gerber, bis zu diesem Zeitpunkt Weihbischof im Erzbistum Freiburg, vor den Altar im Dom zu Fulda. Ihm gegenüber Paderborns Erzbischof Hans-Josef Becker. Mit einem Segenswunsch erfüllt der Metropolit seine feierliche Aufgabe: „Ich übergebe Dir den Hirtenstab der Fuldaer Äbte und Bischöfe. Trage in Liebe Sorge für das ganze Volk der Herde Christi, für die Du bestellt worden bist und die Dich erfüllen möge.“

Der Bonifatiusstab hat einen neuen Träger. Gelöstes Lächeln bei den beiden Bischöfen, die sich innig die Hand reichen. Mit der freien Hand halten sie für einen Moment den altehrwürdigen Hirtenstab gemeinsam fest im Griff. Die Festgemeinde im Dom wartet in weiterhin gespannter Stille ab, bis Becker seinen neuen Amtsbruder als Diözesanbischof die wenigen Schritte bis zur Kathedra geführt hat. Um 15.24 Uhr am Sonntagnachmittag nimmt Michael Gerber auf seinem Bischofsstuhl Platz und damit die Diözese Fulda in Besitz. Im übervollen Salvatordom brandet Applaus auf, die Bläserfanfare setzt ein – „Nun danket alle Gott“.

Die Einführung Michael Gerbers zum 18. Bischof der Diözese Fulda ist, passend zum Sonntag Laetare, das Musterbeispiel eines katholischen Freudenfestes. Schon die liturgische Einstimmung vor Beginn des Pontifikalamts ist ein Meisterstück. Mit ergreifenden Gebeten und Gesängen werden die Gläubigen zum großen Geheimnis der heiligen Messe, aber auch zum bedeutsamen Ereignis der Einführung ihres neuen Oberhirten hingeführt. Für etliche der Gottesdienstteilnehmer ist es zugleich die Vorbereitung auf einen Abschied. Sie sind aus dem Erzbistum Freiburg angereist, wo Michael Gerber die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat und seit fünfeinhalb Jahren Weihbischof war. Unter den weit angereisten Gästen sind auch zahlreiche Familienmitglieder Gerbers.

Gerber pilgert mit den Gläubigen nach Fulda

Viele der Mitfeiernden hatten zudem bereits an den Vortagen die Einladung ihres neuen Bischofs angenommen, ihn auf seinem Pilgerweg zu seiner neuen Aufgabe zu begleiten. Vor der Übernahme des Hirtenstabs hatte der Bischof erst noch einmal den Pilgerstab zur Hand genommen. Fast tausend Gläubige waren am Freitag und Samstag mit ihm auf der Bonifatiusroute unterwegs und haben an den beiden Abenden mit dem neuen Hirten gebetet. Im Pilgerzug trugen Jugendliche ein großes Weltjugendtagskreuz zum Dom mit dem Bonifatiusgrab. „Keine einfache Geste!“, wie der neue Bischof nun in seiner ersten Predigt betont. Mit dem Kreuz würden die Jugendlichen Christus in ihr Leben tragen und deutlich machen, dass sie die Zukunft der Kirche von Fulda sind. Im Gespräch mit der „Tagespost“ berichtete Gerber, sichtlich angerührt, später noch von anderen bewegenden Momenten auf dem Pilgerweg. Eigentlich habe sein Dienst als Bischof in Fulda nicht erst mit dem prachtvollen Pontifikalamt an diesem Sonntagnachmittag begonnen, sondern schon am Vorabend, als er stundenlang Beichte gehört habe.

Auch am Sonntag zeigt sich Gerber als ein Hirte, der mit seinem Kirchenvolk gemeinsam den Weg des Glaubens bestreiten will. „Ich gehe gerne in den nächsten Jahren mit Ihnen auf Entdeckungsreise“, ruft er den mehreren tausend Gläubigen zu, die im oder neben dem Dom sowie an verschiedenen Orten in der Stadt die Übertragung des Gottesdienstes verfolgten. Diese Reise wird in den kommenden Jahren etliche organisatorische Fragen bereithalten. Unter dem Motto „zusammen wachsen“ hatte Gerbers Vorgänger, Heinz Josef Algermissen, einen Neuordnungsprozess für das Bistum mit Zielmarke im Jahr 2030 auf den Weg gebracht. Gerber sei dankbar für die bisher geleistete Arbeit und werde diese fortführen.

Doch deutlich wird an diesem ersten Amtstag Michael Gebers auch, dass er sich in erster Linie nicht als Leiter einer Struktur, sondern als Diener des Evangeliums versteht. Bei allen Krisen und strukturellen Herausforderungen der Gegenwart sei die erste Aufgabe der Kirche noch immer, die Menschen zur Begegnung mit Gott zu führen. Der Schönstätter Gerber weiß kompetent über Sachfragen zu sprechen, aber wenn er von seiner Sendung spricht, der Botschaft, die ihn antreibt, spürt man, wofür er wirklich brennt. Dann spricht aus seinen Augen die Begeisterung, dann zeigt Michael Gerber sein gewinnendes Lächeln.

Der Bischof reicht den Gläubigen die Hand

Besonders gelöst und fröhlich wirkt der Oberhirte an diesem Sonntag im persönlichen Gespräch mit den Gläubigen. Als ihm nach dem Ritus der Inbesitznahme das Domkapitel und Vertreter des Gottesvolkes Glückwünsche überbringen, nimmt er sich viel Zeit für diese Zeichen der Verbundenheit. Er spricht lange mit jedem Einzelnen, hält den Händedruck während des gesamten Gesprächs. Es passt gut zu seinem Träger, dass im persönlichen Bischofsstab des Michael Gerber zwei sich reichende Hände abgebildet sind.

Auch nach der Festmesse dauert es sehr lange, bis der neue Bischof die wenigen Meter von der Sakristei hinüber zum Empfang im Garten des Priesterseminars zurückgelegt hat. Der großgewachsene Gerber geht auf jeden zu, spricht mit seinen Gästen, lacht, lässt sich auf zahllosen Erinnerungsbildern festhalten. Auch den Wunsch zweier Bethlehemschwestern aus dem Kloster Marienheide erfüllt er. Spontan knien die beiden Ordensfrauen auf dem Pflaster im Schatten des Fuldaer Doms nieder und empfangen für sich und ihren Konvent den ersten Segen ihres neuen Diözesanbischofs.

Michael Gerber und seine Diözesanen finden an diesem sonnigen Frühlingstag einen denkbar guten Beginn ihrer gemeinsamen Zeit. Immer wieder betonen Gläubige wie Bischof dabei auch die Verbundenheit mit der großen Geschichte der Kirche von Fulda. Auch Kardinal Reinhard Marx, der als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz Glückwünsche überbringt, kommt daran nicht vorbei: „Ihr steht in einer großen Tradition, ihr Brüder und Schwestern aus Fulda.“ Das große Erbe des heiligen Bonifatius, Apostel der Deutschen, und seiner Gefährten hatten die Organisatoren von Beginn an ins Zentrum der liturgischen Gestaltung gestellt. Nicht nur der Bonifatiusstab verdeutlicht es, auch der im Chorraum aufgeschlagene Codex Ragyndrudis. Das uralte Buch aus der Privatbibliothek des Bonifatius ist stummer Zeuge des Martyriums, das der Missionar einst um seiner Botschaft Willen erleiden musste.

Dem neuen Bischof wird dieses Schicksal aller Voraussicht nach erspart bleiben. Dennoch sei in Gerbers Aufgabe heute manche Parallele zum Wirken seines heiligen Vorfahren zu finden, wie der evangelische Landesbischof Martin Hein in seinem Grußwort betont: „Die Zeiten ändern sich auch für unsere Kirchen. Es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, sich zu Christus zu bekennen.“ Die Kirche stehe heute wie damals vor der Herausforderung, der Botschaft Christi Gehör zu verschaffen. Mit dem Stab des Bonifatius hat Michael Gerber auch diese Aufgabe übernommen.