Der Barmherzige fürchtet den Tod nicht

Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz am 27. November 2013

Taifun-Opfer auf den Philippinen bereiten Mitte November das Begräbnis ihrer Angehörigen vor. Foto: dpa
Taifun-Opfer auf den Philippinen bereiten Mitte November das Begräbnis ihrer Angehörigen vor. Foto: dpa

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Meine Hochachtung, dass Ihr so mutig wart, bei dieser Kälte auf den Platz zu kommen. Wirklich: alle Achtung!

Ich möchte die Katechese über das Credo zum Abschluss führen, die uns während des am vergangenen Sonntag zu Ende gegangenen „Jahrs des Glaubens“ begleitet hat. Bei dieser und bei der nächsten Katechese möchte ich das Thema der Auferstehung des Fleisches betrachten und zwei Aspekte herausgreifen, die im Katechismus der Katholischen Kirche dargestellt sind: unser Sterben und unsere Auferstehung in Jesus Christus. Heute möchte ich mich mit dem ersten Aspekt befassen: „Sterben in Christus“.

1. Unter uns ist eine falsche Betrachtungsweise des Todes verbreitet. Der Tod betrifft uns alle und stellt uns zutiefst in Frage, vor allem wenn er uns aus der Nähe berührt, oder wenn er Kinder, wenn er Wehrlose auf eine Weise trifft, die uns als „skandalös“ anmutet. Mich hat immer die Frage betroffen gemacht: Warum müssen Kinder leiden? Warum müssen Kinder sterben? Wenn der Tod als das Ende von allem betrachtet wird, dann erschreckt er uns, versetzt uns in Angst, verwandelt sich in eine Bedrohung, die jeden Traum, jede Perspektive zerstört, jede Beziehung zerbricht und jeden Weg abrupt beendet. Das geschieht, wenn wir unser Leben als einen Zeitraum betrachten, der zwischen zwei Polen eingeschlossen ist: der Geburt und dem Tod; wenn wir nicht an einen Horizont glauben, der über das gegenwärtige Leben hinausgeht; wenn man lebt, als ob es Gott nicht gäbe. Diese Auffassung des Todes ist charakteristisch für das atheistische Denken, das das Dasein so interpretiert, als sei man zufällig auf der Welt und gehe dem Nichts entgegen. Doch es gibt auch einen praktischen Atheismus, ein Leben nur für die eigenen Interessen, ein Leben nur für die weltlichen Dinge. Wenn wir uns von dieser falschen Sicht des Todes einnehmen lassen, dann haben wir keine andere Wahl, als den Tod zu vertuschen, ihn zu leugnen oder ihn zu banalisieren, damit er uns keine Angst macht.

2. Doch gegen diese falsche Lösung rebelliert das „Herz“ des Menschen, der Wunsch nach Unendlichkeit, den wir alle haben, die Sehnsucht nach Ewigkeit, die uns allen innewohnt. Was ist also die christliche Bedeutung des Todes? Wenn wir auf die schmerzhaftesten Momente unseres Lebens schauen, wenn wir einen lieben Menschen verlieren – die Eltern, einen Bruder, eine Schwester, den Ehemann oder die Ehefrau, einen Freund –, dann stellen wir fest, das trotz der Tragödie des Verlustes, auch wenn wir von Schmerz zerrissen sind, aus dem Herzen die Überzeugung aufsteigt, das nicht alles zu Ende sein kann, dass das Gute, das gegeben und empfangen wurde, nicht umsonst gewesen ist. Uns wohnt ein mächtiger Instinkt inne, der uns sagt, dass unser Leben mit dem Tod nicht zu Ende ist.

Dieses Dürsten nach Leben hat seine wirkliche und vertrauenswürdige Antwort in der Auferstehung Jesu Christi gefunden. Die Auferstehung Jesu gibt nicht nur die Gewissheit, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, sondern sie erleuchtet auch das Geheimnis des Todes eines jeden von uns. Wenn wir mit Jesus vereint leben, Ihm treu sind, werden wir auch dem Übergang zum Tod voller Hoffnung und Gelassenheit entgegensehen können. So betet die Kirche: „Bedrückt uns auch das Los des sicheren Todes, so tröstet uns doch die Verheißung der künftigen Unsterblichkeit“. Das ist ein wirklich schönes Gebet der Kirche! Ein Mensch stirbt zumeist so, wie er gelebt hat. Wenn mein Leben ein Weg mit dem Herrn war, ein Weg des Vertrauens auf seine unendliche Barmherzigkeit, werde ich vorbereitet sein, den letzten Moment meines irdischen Daseins anzunehmen, in dem ich mich endgültig voller Zuversicht Seinen Händen überlasse, in der Erwartung, Sein Antlitz von Angesicht zu Angesicht zu betrachten. Das ist das Schönste, das uns widerfahren kann: von Angesicht zu Angesicht jenes wunderbare Antlitz des Herrn zu betrachten, zu sehen, wie schön, voller Licht, voller Liebe, voller Zärtlichkeit Er ist. Wir gehen bis zu diesem Punkt: den Herrn zu schauen.

3. Vor diesem Hintergrund ist die Einladung Christi zu verstehen, immer bereit, immer wachsam zu sein, da wir wissen, dass das Leben in dieser Welt uns auch geschenkt ist, um das andere Leben, das Leben mit dem himmlischen Vater vorzubereiten. Und dafür gibt es einen sicheren Weg: sich gut auf den Tod vorbereiten, indem man Jesus nahesteht. Das ist die Gewissheit: ich bereite mich auf den Tod vor, indem ich Jesus nahestehe. Und wie steht man Jesus nahe? Mit dem Gebet, in den Sakramenten und auch durch das Ausüben der Nächstenliebe. Erinnern wir uns daran, dass Er in den Schwächsten und Bedürftigsten gegenwärtig ist. Er selbst hat sich im berühmten Gleichnis über das Jüngste Gericht mit ihnen identifiziert, wo er sagt: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. (…) Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 35–36.40).

Ein sicherer Weg ist es daher, sich wieder auf die christliche Nächstenliebe und das brüderliche Teilen zu besinnen und uns um die körperlichen und seelischen Wunden unserer Mitmenschen zu kümmern. Solidarität im Mitleiden und Hoffnung zu vermitteln sind Voraussetzung und Bedingung, um die Erbschaft jenes Reiches zu empfangen, das für uns bereitet ist. Wer barmherzig ist, fürchtet den Tod nicht. Vergegenwärtigt Euch das gut: Wer barmherzig ist, fürchtet den Tod nicht! Stimmt Ihr dem zu? Wollen wir das gemeinsam sagen, damit wir es nicht vergessen? Wer barmherzig ist, fürchtet den Tod nicht. Und warum fürchtet er den Tod nicht? Weil er ihm in den Wunden seiner Brüder und Schwestern ins Angesicht blickt und ihn mit der Liebe Jesu Christi überwindet.

Wenn wir unseren schwächeren Brüdern und Schwestern die Tür unseres Lebens und unseres Herzens öffnen, dann wird auch unser Tod eine Tür werden, die uns in den Himmel führt, in die selige Heimat, zu der wir unterwegs sind, mit dem sehnlichen Wunsch, für immer in Gemeinschaft mit Jesus, mit der Gottesmutter und mit den Heiligen bei Gott, unserem Vater, zu sein.

Ein Sprecher verlas folgenden Gruß des Papstes an die Besucher aus dem deutschen Sprachraum:

Ein herzliches Willkommen richte ich an die Pilger deutscher Sprache. Der auferstandene Christus kommt zu allen Zeiten, um seine Brüder und Schwestern zu begleiten, besonders die Armen und die Bedürftigen. Wir wollen Zeugen des neuen Lebens in ihm sein. Von Herzen erbitte ich Gottes Segen und Gnade für euch und eure Lieben.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller