Den inneren Reichtum Benedikts entdecken

Ingo Langners Hörbuch über den Papst ist ein geistlicher Muntermacher

Ein Hörbuch? Über den Papst? Und noch dazu von einem bekannten und angesehenen Filmemacher? Bereits im Jahr 2007 hatte Ingo Langner mit seiner erfolgreichen Fernsehdokumentation „Benedikt XVI. – Eine deutsche Geschichte“ versucht, ein breites deutsches Publikum in das „Geheimnis“ des aus Bayern stammenden Papstes einzuführen. Die Zeit der Vorbereitung des Films war jener Moment, als sich viele noch ob der „Überraschung“ des deutschen Papstes die Augen wischten. Ein Papst, ein Mann der Kirche und einer der größten Theologen des Jahrhunderts wollte und musste jenseits aller Klischees entdeckt werden. Und in der Tat: Der Fall der Mauern der irrationalen und auf Unkenntnis basierenden Voreingenommenheit gegenüber dem „Wachhund des Dogmas“ und dem „Panzerkardinal“ hatte soeben ihren Anfang genommen.

Ansporn für eine vernunftmüde Gesellschaft

Die Menschen erlebten einen gütigen und bescheiden lächelnden Papst, dessen intellektuelle Statur nicht nur für eine an Lichtgestalten arme Kirche zu einer neuen Herausforderung wurde, sondern vor allem in einer vernunftmüden und orientierungslos voranschreitenden Gesellschaft neuen Ansporn und neuen Mut zu einer Erweiterung der Horizonte der Vernunft gerade im säkularen Bereich provozierte.

„Seit Joseph Ratzinger Papst ist, hat sich sein Image radikal verändert. Vor der Wahl galt er als reaktionärer Kirchenfürst. Heute wird er als Benedikt XVI. Woche für Woche von vielen tausend Pilgern aus aller Welt begeistert begrüßt. Warum dieser Umschwung? Wer ist Benedikt XVI.? Wo sind seine Wurzeln? Was hat er der Welt heute zu sagen?“ Mit diesen Worten hatte Ingo Langners Fernsehdokumentation begonnen. Sie bleiben der Ausgangspunkt der Hörbiographie „Papst Benedikt XVI. – Ein Leben“, die Jutta Lampe und Frank Arnold in etwas mehr als einer Stunde und fünfzehn Minuten erzählen. Die Biographie fußt auf Aussagen zu sich selbst von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. und integriert diese mit Interviews, die der Autor mit Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln, den Journalisten Henryk M. Broder, Kai Diekmann, Heinz-Joachim Fischer, Matthias Matussek und Alice Schwarzer, den Philosophen Ulrich Hommes und Rüdiger Safranski und dem Historiker Thomas Brechenmacher geführt hat.

Ein Hörbuch ist ein besonderes Medium. Es kann den Hörer überallhin begleiten: im Auto, beim Spazierengehen, oder einfach dann, wenn man am Abend zu müde ist, um sich mit einem Papierbuch zu beschäftigen. Nur: Langners Werk kann leicht zu einem Konflikt mit der Straßenverkehrsordnung führen oder ein ersehntes Ausrasten verderben, denn das Buch lässt den Zuhörer nicht mehr aus und bringt ihn mitten in das Leben Joseph Ratzingers und das Wesen der Kirche hinein: in das Leben des Professors, des Bischofs und Kardinals und zuletzt des Papstes mit dessen neuen Herausforderungen. Die Priesterweihe, die Antrittsvorlesung, die Konzilszeit, die 68er Jahre und das Wirken Ratzingers in Tübingen und dann in Regensburg, die Auseinandersetzung mit der Befreiungstheologie in den ersten Jahren seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation, die Reisen des Papstes und seine Epoche machenden Ansprachen: all dies lässt den Hörer in ein Gewebe eintreten, dem er sich schwer entziehen kann. Langner fängt nicht an mit „Er wurde geboren, er tat dies, dann wirkte er jenes“. Seine Absicht ist es, über die Interviewbeiträge heterogener Gesprächspartner den inneren Reichtum eines Mannes, der Papst wurde, und den Schatz seines Denkens sichtbar – „hörbar“ – werden zu lassen.

Matthias Matussek bietet dabei ein Schlüsselwort zum Verständnis des Interesses, das Benedikt XVI. gerade in intellektuellen Kreisen zu erwecken vermag, die Kirche bisher gern mit „Ethikagentur“ und rückwärtsgewandtem Wiederkäuen von altbekannten Parolen identifizierten: „Endlich gibt es einen Papst, der Lust an der Diskussion hat“, meint der Journalist. Nun, dass dies „endlich“ der Fall sei, ist zu bezweifeln, da die Diskussion zum Wesen kirchlichen Seins und des Lehramtes gehört. Aber es ist schon richtig: Der Anspruch des Papstes berührt viele Saiten, denen bisher eine gewissen Musikalität fehlte beziehungsweise abhanden gekommen war. Und nun „entdecken“ viele Ratzinger. Matussek gesteht ein: „Für uns war Ratzinger natürlich ganz weit unten, weil wir in den Fernsehstudios immer die gleichen drei Nasen gesehen haben: Geißler, Küng und Drewermann. Und diese Herren haben uns immer wieder gesagt, wie verheerend der Ratzinger ist und wie verheerend überhaupt Katholische Kirche ist. Die Weltkirche hat das offenbar ganz anders gesehen. Ratzinger war in der Weltkirche offenbar äußerst populär, und er ist ja dann auch mit der allergrößten Mehrheit im Konklave gewählt worden.“

Auch Henryk M. Broder erkennt darin ein besonderes Maß des Papstes und erzählt: „Ich fand es sehr erholsam und sehr eindrucksvoll, dass ,wir‘ einen Papst haben, der ein Intellektueller ist, der eine Vorlesung halten kann, der eine Ahnung von Geschichte hat und der auch mit der Welt außerhalb des Vatikans vertraut ist. Ich weiß, dass die italienische Widerstandskämpferin, Journalistin und Schriftstellerin Oriana Fallaci kurz vor ihrem Tod den Papst besucht hat, und sie haben offenbar unglaublichen Gefallen aneinander gefunden. Und irgendwann sagte Oriana Fallaci zum Papst: ,Heiliger Vater, ich glaube nicht an (Gott).‘ Und er soll geantwortet haben: ,Tun sie so, als ob es Gott gäbe.‘ Das ist großartig.“

Europa steht am Scheideweg

Für Papst Benedikt XVI. steht fest, dass die Europäer an einem Scheideweg stehen und dass nur ein Europa mit allgemein anerkannten universalen und absoluten Werten eine auf Dauer haltbare Wertegemeinschaft bilden kann. Dies wird nur dann möglich, wenn eine reiche und weite Vernunft einem reichen und in sich gefestigten Glauben begegnet. Der Philosoph Ulrich Hommes, der in der Zeit des „Geistes der 68er-Jahre“ in Regensburg lehrte, erinnert dabei daran, wie sein Theologenkollege sich zu jener Zeit vehement über den „Verrat der Vernunft“ beklagt habe, wenn es zur besseren Zukunft nur den Weg gibt, dass das Gegenwärtige zertrümmert wird. Gleichzeitig habe Ratzinger klargemacht, dass die christliche Hoffnung nicht ein machbares Glück meine, sondern auf den Himmel ziele, der nicht einfach irgendetwas Jenseitiges sei, sondern eine Realität von höchster gegenwärtiger Bedeutung.

Hoffnung, Liebe, Hirtensorge, Priestertum und Berufung zum wahren Menschsein: Langners Hörbuch stellt an den Hörer einen großen Anspruch. Den Anspruch, einen Weg mitzugehen, Stereotypen zu überwinden und die Lust am Leben, Glauben und Denken zu erfahren, die ein wesentliches Charakteristikum des gütigen Papstes aus deutschen Landen ist.