Den Ursehnsüchten des Menschen folgen

Rund 5 000 Gläubige feiern mit Kardinal Joachim Meisner im Kölner Dom eine Jugendvigil – Papst Benedikt XVI. grüßt eigens mit Schreiben Von Clemens Mann

Köln (DT) Eng und geschäftig geht es in der Kölner Fußgängerzone zu. Tausende von Menschen sind unterwegs – dank einer Shopping-Night und verlängerten Öffnungszeiten. Vor einer Bühne stehen Schaulustige, laute Musik dringt durch die von Passanten belebte Gasse. Dann plötzlich: Aus dem Trubel sticht eine Gruppe hervor. Es sind Jugendliche, manche tragen Fahnen, Kirchenfarben. Fast alle haben gelbe T-Shirts an, auf denen kreisrund „Die Freude an Gott ist unsere Stärke“ aufgedruckt ist. Die Stimmung der jungen Menschen ist gut, es wird viel gelacht. Während sich der Zug unaufhaltsam seinen Weg Richtung Sankt Aposteln bahnt, hat man unwiederbringlich das Gefühl, ein deja-vue zu erleben – beinahe ist es so wie vor fünf Jahren beim Weltjugendtag.

Der Aufdruck auf den vielen gelben T-Shirts kommt nicht von ungefähr: „Die Freude an Gott ist unsere Stärke“ – so lautete das Motto des am Samstag im Rahmen der Domwallfahrt stattfindenden Jugendtags im Erzbistum Köln. 2010 stand die Aktion im Zeichen der vergangenen und kommenden Weltjugendtage in Köln (2005) und Madrid (2011). Rund 1 500 Jugendliche hatten die Veranstalter im Vorfeld erwartet, am Ende sollen es nach Angaben der Erzdiözese bei der nächtlichen Vigil im Kölner Dom mit Kardinal Joachim Meisner, bei den Katechesen und den Eucharistiefeiern mit den Weihbischöfen in St. Aposteln, St. Ursula sowie St. Johann Baptist „Crux“ sogar rund 5 000 Menschen gewesen sein.

Einen Hauch der Internationalität von Weltjugendtagen konnten die Jugendlichen bei der Katechese und der Eucharistiefeier in Sankt Aposteln mit Weihbischof Heiner Koch erleben: Mitglieder der polnischen und spanischen Gemeinde in Köln waren ebenso vertreten wie Christen aus Kamerun. Eine spanischsprachige Gruppe stellte ein eigens für den Weltjugendtag komponiertes Lied vor, Mitglieder der frankofonen Gemeinde in Düsseldorf bereicherten den Gottesdienst mit ihrem Gesang.

„Was trägt im Leben, wenn alles Lachen vergangen ist?“, fragte Weihbischof Koch die Jugendlichen, von denen viele keinen Platz mehr in der romanischen Kirche fanden und auf dem blanken Boden saßen. Zwar müsse Spaß sein, ein Witz trage aber nicht das ganze Leben, so Koch und ergänzte, dass man auf Gott hingegen bauen könne. „Gott lässt uns nicht allein. Auch wenn wir ihn nicht sehen“, sagt der Weihbischof. Er habe den Menschen auch durch den Tod begleitet und sei deshalb „der einzige Grund der Freude“. Zugleich hatte der Hirte drei Tipps parat, wie ein Leben mit diesem Gott der Freude gelingen könne: Das Leben mit Gott erfordere heute mehr denn je Mut, denn Christ zu sein sei heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Zudem brauche es eine starke Gemeinschaft, die den Glauben miteinander teile. „Wer meint Christ allein zu sein, wird früher oder später scheitern. Wir brauchen Menschen an unserer Seite, die uns unterstützen im Glauben“, ist der Weihbischof überzeugt. Vor allem aber müsse man geduldig sein mit Gott, insbesondere in den Phasen, in denen man meint, von Gott verlassen zu sein.

Einen Film über die Weltjugendtage in Köln und Sydney gab es nach einem Sternmarsch der Jugendlichen von den Innenstadtkirchen hin zum Kölner Dom im Vorfeld der abendlichen Vigilfeier in der Bischofskathedrale zu sehen. Beeindruckende Bilder vom Marsch der jugendlichen Pilger über die Harbour-Bridge 2008, dem frenetischen Willkommenheißen des Papstes am Rhein 2005 sowie die gigantischen Menschenmassen auf dem Marienfeld beim Abschlussgottesdienst mit über einer Million Gläubiger dürften den Jugendlichen Lust für den Aufbruch nach Madrid gemacht haben.

Ein besonderes Highlight des Abends war das von Kardinal Joachim Meisner verlesene Grußwort des Papstes, worin das Kirchenoberhaupt die Jugendlichen aufforderte, den Weg der Heiligkeit zu beschreiten. Gerne denke der Papst noch an die Begegnung mit den Jugendlichen auf dem Marienfeld zurück. „Ich erinnere mich an die Feier der Eucharistie, wo wir spüren durften, dass wir gemeinsam die eine heilige, katholische und apostolische Kirche bilden, die weltweit die Menschen einlädt, Christus zu folgen“, so Benedikt XVI. Der Papst forderte die Jugendlichen auf, aus der „lebendigen Begegnung mit Christus entscheidende neue Wege“ für das eigene Leben zu finden. Die Suche nach Geld, Erfolg und Anerkennung reiche für ein erfülltes Leben nicht aus. „Wahres Glück“ finde man letztlich nur in Gott allein, der die Menschen mit einer Intensität liebe, die man sich kaum vorstellen könne. Diese Liebe Gottes ermögliche den Menschen Habgier und Selbstsucht als Sünde und zerstörerische Kräfte zu erkennen und sich dem Nächsten anzunehmen.

In seiner Predigt während der stimmungsvollen Vigil stellte Kardinal Joachim Meisner die jungen Gläubigen aus dem Bistum vor eine Entscheidung: „Folgst du den Ursehnsüchten des menschlichen Lebens oder den gerade gängigen Trends in der Gesellschaft? Ist ein unendliches Leben dein Ziel oder begnügst du dich mit einem endlichen Dasein?“ Ein endliches Lebenskonzept schaffe laut Meisner Resignation und Depression, weil es den Menschen auf seine Endlichkeit festlege. Es führe zu Egoismus, der dem Menschen die Freiheit raube, zu einer „gnadenlosen Jagd nach dem persönlichen Vorteil“, der zu faulen Kompromissen verleite, und hindere den Menschen, zu lieben. Mit einem solchen Konzept werde man zum „Ausbeuter seiner selbst, zum Ausbeuter meiner Menschenschwestern und -brüdern und zum Ausbeuter unserer Umwelt“, erklärt Meisner. Ein unendliches Lebenskonzept, das der Mensch in der Auferstehung Christi feiere, führe hingegen zu einem Leben in Fülle, „auch wenn es manchmal äußerlich finster ist“, so der Erzbischof. Deshalb forderte der Kardinal die Jugendlichen auf, auf ihre Ursehnsüchte zu hören, die den Menschen letztlich in die Gemeinschaft mit Gott führen wollen.