Den Texten gebührt der Vorrang

Großer Gewinn: Peter Hünermanns Edition und Neuübersetzung der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils. Von Harm Klueting

Nur wer dessen Texte studiert, versteht das Zweite Vatikanische Konzil. Foto: KNA
Nur wer dessen Texte studiert, versteht das Zweite Vatikanische Konzil. Foto: KNA

Papst Benedikt XVI. hat deutlich gemacht, dass den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils der Vorrang vor dem „Geist“ des Konzils gebührt. In seiner Weihnachtsansprache vor dem Kardinalskollegium und den Mitgliedern der Römischen Kurie hat er 2005 von den zwei Rezeptionsweisen des Konzils gesprochen und zwischen der „Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches“, die jene vertreten, die nicht nach den Konzilstexten und der Tradition, in der sie stehen, sondern nach dem „Geist“ des Konzils fragen, und der „Hermeneutik der Reform“ oder die „Hermeneutik der Kontinuität“ unterschieden, die er selbst vertritt und die auf die Konzilstexte zurückgreift. Dementsprechend hat Benedikt XVI., mit dem der Kirche 40 Jahre nach dem Abschluss des Konzils einer der bedeutendsten Theologen als Papst geschenkt wurde, aus Anlass der 50. Jubiläums der Eröffnung des Konzils zum Studium der Konzilstexte aufgerufen.

Wer bisher die Konzilstexte – vier Konstitutionen, neun Dekrete und drei Erklärungen – in deutscher Sprache lesen wollte und nicht auf den lateinischen Originalwortlaut angewiesen war, der griff zumeist zu der mit 775 Druckseiten stattlichen, aber immerhin noch handlichen und dank des Taschenbuchformats in jede Aktentasche passenden Ausgabe von Karl Rahner und Herbert Vorgrimler. Dieses „Kleine Konzilskompendium“ erschien als Band 270 der „Herderbücherei“ zuerst 1966 und hat seitdem zahlreiche Auflagen erfahren. Nach einer allgemeinen Einleitung über das Zweite Vatikanische Konzil und einer Zeittafel zur Geschichte und zum Ablauf des Konzils von seiner Ankündigung durch Papst Johannes XXIII. am 25. Januar 1959 bis zur feierlichen Schlusssitzung am 8. Dezember 1965 bringt es die 16 Texte in der Folge ihrer Verabschiedung von der „Konstitution über die heilige Liturgie ,Sacro-sanctum concilium‘“ bis zur „Erklärung über die Religionsfreiheit ,Dignitatis humanae‘“, wobei jedem der Texte eine Einleitung vorangestellt ist. Erschlossen wird der Band durch ein Sachregister.

Im 50. Jubiläumsjahr des Zusammentritts des Konzils hat Peter Hünermann eine neue Ausgabe vorgelegt, deren einziger Nachteil gegenüber dem „Kleinen Konzilskompendium“ darin besteht, dass dieses Werk in keine Aktentasche mehr passt und sich kaum für die Lektüre auf langen Bahnfahrten eignet. Im Übrigen stellt Hünermanns Ausgabe einen großen Gewinn dar. Das gilt einmal deshalb, weil Herausgeber und Verlag sich zu einer zweisprachigen Ausgabe entschlossen haben, die den Vergleich der deutschen Übersetzung mit dem ja allein maßgeblichen lateinischen Text bequem möglich macht. Der Satz ist zweispaltig, aber mit Seiten- und nicht Spaltenzählung. Der lateinische Text steht jeweils in der linken, die deutsche Übersetzung in der rechten Spalte. Auch die Fußnoten sind zweispaltig und getrennt für den lateinischen Text und die deutsche Übersetzung.

Ein großer Gewinn ist Hünermanns Edition aber auch wegen der Neuübersetzung ins Deutsche sowie wegen des Verzeichnisses der Bibelstellen, auf das Rahner und Vorgrimler verzichtet haben, und wegen des ausgezeichneten, Maßstäbe setzenden „Systematischen Index“, der die deutschen Texte erschließt und weit über das Sachregister des „Kleinen Konzilskompendiums“ hinausgeht. Hinzugefügt sind ein „Lateinisches Sachverzeichnis“ und ein „Verzeichnis zitierter Dokumente und Quellen“, das alle in den Konzilstexten zitierten Quellen – lehramtliche Dokumente wie Enzykliken oder Motu proprien, Kon-zilsbeschlüsse, päpstliche Verlautbarungen, kirchenrechtliche und liturgische Texte sowie Schriften von Kirchenvätern und Theologen – erfasst. Auch Hünermann ordnet die Konzilstexte chronologisch, doch steht bei ihm die „Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt dieser Zeit ,Gaudium et spes‘“ am Ende, die an demselben Tag, am 7. Dezember 1965, verabschiedet wurde wie „Dignitatis humanae“.

Schon der Titel von „Gaudium et spes“ macht deutlich, dass Hünermanns Übersetzung von derjenigen im „Kleinen Konzilskompendium“ zugunsten einer möglichst wörtlichen Übersetzung abweicht. Hatten Rahner und Vorgrimler den lateinischen Titel „Constitutio pastoralis de Ecclesia in mundo huius temporis“ mit „Pastoralkonstitution. Die Kirche in der Welt von heute“ wiedergegeben, so bleibt Hünermann viel näher am amtlichen Text. Das zeigt sich auch, wenn man Textstellen vergleicht. So übersetzt Hünermann in der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche ,Lumen gentium‘“: „Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, existiert in der katholischen Kirche …, auch wenn sich außerhalb ihres Gefüges mehrere Elemente der Heiligung und der Wahrheit finden, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen“ (Lumen gentium 8,4). Dasselbe lautet bei Rahner und Vorgrimler: „Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche … Das schließt nicht aus, dass außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen“. Angemerkt sei, dass die deutsche Übersetzung der von Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation verantworteten Erklärung „Dominus Iesus“ von 2000 das lateinische „subsistit in“, das Hünermann mit „existiert in“ und Rahner und Vorgrimler mit „ist verwirklicht in“ wiedergeben, unübersetzt lässt und mit „subsistiert in“ lediglich eindeutscht.

Im „Dekret über den Ökumenismus ,Unitatis redintegratio‘“ übersetzt Hünermann: „In dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Anfängen an manche Spaltungen aufgekommen…, in den späteren Jahrhunderten aber sind ausgedehntere Meinungsverschiedenheiten entstanden, und es trennten sich nicht unbedeutende Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche… Diejenigen nämlich, die an Christus glauben und die Taufe in der rechten Weise empfangen haben, werden in eine gewisse, wenn auch nicht vollkommene Gemeinschaft mit der katholischen Kirche gestellt. …und darum werden sie zu Recht mit dem christlichen Namen geziert und von den Kindern der katholischen Kirche verdientermaßen als Brüder im Herrn anerkannt. Überdies können von den Elementen oder Gütern, aus denen insgesamt genommen die Kirche selbst erbaut und belebt wird, einige, ja sogar sehr viele und bedeutende außerhalb der sichtbaren Zäune der katholischen Kirche existieren (Unitatis redintegratio 3,1–2).

Diesen Abschnitt übersetzen Rahner und Vorgrimler: „In dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an Spaltungen entstanden …; in den späteren Jahrhunderten aber sind ausgedehntere Verfeindungen entstanden, und es kam zur Trennung recht großer Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche… Denn wer an Christus glaubt und in der rechten Weise die Taufe empfangen hat, steht dadurch in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche ... darum gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit Recht werden sie von den Söhnen der katholischen Kirche als Brüder im Herrn anerkannt. Hinzu kommt, dass einige, ja sogar viele und bedeutende Elemente oder Güter, aus denen insgesamt die Kirche erbaut wird und ihr Leben gewinnt, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche existieren können. Weiter übersetzt Hünermann: „Auch nicht wenige heilige Handlungen der christlichen Religion werden bei den von uns getrennten Brüdern vollzogen, die auf vielfältige Weise… das Leben der Gnade tatsächlich erzeugen können… Daher sind die getrennten Kirchen und Gemeinschaften selbst, auch wenn sie, wie wir glauben, jene Mängel erleiden, keineswegs im Mysterium des Heils der Bedeutung und des Gewichts beraubt“ (Unitatis redintegratio 3,3–4). Rahner und Vorgrimler haben hier: „Auch zahlreiche liturgische Handlungen der christlichen Religion werden bei den von uns getrennten Brüdern vollzogen, die auf verschiedene Weise… tatsächlich das Leben der Gnade zeugen können… Ebenso sind diese getrennten Kirchen und Gemeinschaften, trotz der Mängel, die ihnen nach unserem Glauben anhaften, nicht ohne Bedeutung und Gewicht im Geheim-nis des Heiles“. Wer die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils studieren möchte, sollte Hünermanns Werk in Händen haben.

Die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils. Konstitutionen, Dekrete, Erklärungen. Lateinisch-deutsche Studienausgabe. Hrsg. von Peter Hünermann. Herder, Freiburg 2012, 956 Seiten, ISBN 978-3-451-34135-9, EUR 46,00