„Den Religionsunterricht nicht überfordern“

Ein Gespräch mit Schulbischof Hans-Josef Becker von Paderborn zum „Jahr des Glaubens“. Von Anja Kordik

Für Erzbischof Hans-Josef Becker hängt der Erfolg des Religionsunterrichtes wesentlich von der Person und Spiritualität des Lehrers ab. Foto: KNA
Für Erzbischof Hans-Josef Becker hängt der Erfolg des Religionsunterrichtes wesentlich von der Person und Spiritualität ... Foto: KNA
Exzellenz, welche konkreten Initiativen finden in Ihrer Diözese zum „Jahr des Glaubens“ statt?

Aus vielen unserer Gemeinden höre ich von besonderen vertiefenden Angeboten. Ich möchte sie in zwei große Themenkreise aufgliedern: Einmal werden vielerorts Vortragsveranstaltungen zum Glaubenswissen angeboten – im Mittelpunkt stehen beispielsweise die großen Konstitutionen des Zweiten Vatikanischen Konzils oder der Katechismus. Besonders freue ich mich aber über die vielen Mitteilungen aus den Gemeinden zu besonderen Feiern unseres Glaubens in diesem Jahr. Dazu gehören Gottesdienste, eucharistische Anbetungstage oder die Beschäftigung mit dem Wort Gottes als Quelle für den Alltag. Der Höhepunkt im Jahreskalender unseres Erzbistums ist zweifelsohne das Liborifest. In diesem Jahr wird es unter dem Leitwort stehen: „Libori – im Jahr des Glaubens. Heute Zeuge des Glaubens sein.“ Gerade zu Libori wird der Feier und Vertiefung des Glaubens durch die zahlreichen gottesdienstlichen Angebote großer Platz eingeräumt.

Anlässlich des Glaubensjahres luden Sie in einer Predigt ein zur „Selbstevangelisierung eines jeden Einzelnen von uns“. Was bedeutet das konkret?

Glaube ist zuallererst ein personales Geschehen. Nicht umsonst beginnen wir das Glaubensbekenntnis mit dem Wort „Credo – ich glaube“. Damit geben wir die Antwort auf Gottes Ruf, der zuvor an uns ergangen ist. Der Begriff der „Selbstevangelisierung“ stammt ja nicht von mir, sondern geht schon zurück auf Papst Paul VI. und seine Enzyklika „Evangelii nuntiandi“. Ich möchte damit das Bewusstsein für dieses personale Glaubensgeschehen wieder schärfen. Es wird zukünftig ganz wesentlich auf die Vertiefung der persönlichen Gottesbeziehung, auf das Sprechen mit Gott ankommen. Die Hilfen dazu liegen auf der Hand. Denken wir nur an eine fruchtbare geistliche Teilnahme an der Heiligen Messe, an das persönliche Gebet im Kreis der Familie oder auch in Stille, an das Lesen in der Heiligen Schrift, an die eucharistische Anbetung.

Die derzeitigen Strukturreformen im Erzbistum Paderborn unter der Überschrift „Perspektive 2014“ haben im Kern eine pastorale Erneuerung der Gemeinden zum Ziel. Sind diese Reformen daher als Teil einer umfassenden Neuevangelisierung zu sehen, umso mehr, als Christen in ihren Gemeinden künftig stärker Verantwortung werden übernehmen müssen?

Ich möchte dies voll und ganz bejahen. Wir begeben uns auf einen gefährlichen Holzweg, wenn wir unsere Strukturreformen abkoppeln von einer geistlichen Erneuerung. Es liegt mir sehr viel an der Verbindung von beiden Bereichen, und bei meinen Visitationsreisen und Gesprächen erfahre ich von vielem Gelungenen in diesem Kontext. Der Glaube wird in unseren Breiten eine umso größere Überlebenschance haben, je mehr wir begreifen, dass seine Weitergabe dem ganzen Volk Gottes aufgetragen ist und somit alle Verantwortung tragen – nicht nur die Priester und die hauptberuflich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In unserem Erzbistum steht deshalb die Strukturreform unter dem Leitgedanken der Berufungspastoral, die ich in diesem Zusammenhang umfassender als gewohnt verstehe: Alle Getauften sind dazu berufen, Zeugnis zu geben von der Hoffnung, die sie erfüllt (vgl. 1 Petr 3, 15). Das ist eine Herausforderung und wirft für jeden persönlich die Frage auf: Worauf gründe ich mein Leben wirklich, und halte ich diesen Grund für wertvoll genug, ihn an die nächste Generation weiterzugeben?

Sie sind Vorsitzender der Kommission für Erziehung und Schule in der Deutschen Bischofskonferenz. Welche Bedeutung für die Neuevangelisierung hat der Religionsunterricht?

Während unserer Herbst-Vollversammlung in Fulda haben wir Bischöfe uns intensiv mit der Glaubenskommunikation in Religionsunterricht und Katechese befasst. Wir haben erstmals beide Orte – Schule und Gemeinde – in den Blick genommen. Dabei ist uns deutlich geworden, dass wir den Religionsunterricht nicht überfordern dürfen. Er kann weder die religiöse Erziehung in der Familie noch die Katechese in der Gemeinde ersetzen. In den vergangenen Jahren hat die Deutsche Bischofskonferenz Impulse zur Reform der Religionsunterrichts und der Religionslehrerbildung gesetzt, die aber – wie alle Schulreformen – erst mittel- und langfristig wirken können. Wir reden ja hier von einem Unterricht, der von über drei Millionen Kindern und Jugendlichen besucht und von rund 70 000 Lehrerinnen und Lehrern erteilt wird.

Welche konkreten Initiativen sind Ihnen als Schulbischof zur Stärkung des Religionsunterrichts wichtig?

Die Qualität des Religionsunterrichts wird vor allem von zwei Faktoren bestimmt: von der didaktisch-methodischen Konzeption und von der Person der Religionslehrerin und des Religionslehrers. Ob den Schülerinnen und Schülern die existenzielle Bedeutung einer biblischen Geschichte oder einer Glaubenswahrheit deutlich wird, hängt wesentlich von der Spiritualität und der Persönlichkeit der Lehrerin und des Lehrers ab. Das kirchliche Engagement in der Schule geht aber über den Religionsunterricht hinaus. Wir haben in den vergangenen Jahren im Erzbistum Paderborn die Schulpastoral deutlich ausgebaut, vor allem auch an den Ganztagsschulen. Die Schulpastoral umfasst spirituelle und diakonische Angebote, die den Schülerinnen und Schülern Glaubenserfahrungen ermöglichen sollen und die gleichzeitig die Schulkultur mitprägen. Religionsunterricht und schulpastorale Angebote ergänzen und stützen sich gegenseitig.

Welche Rolle spielt in diesem Kontext der Religionsunterricht an Berufsschulen, dessen Bedeutung Sie kürzlich bei einem Kongress in St. Georgen hervorgehoben haben?

Unsere Schulen – ich beziehe mich hier ausdrücklich auf alle Schulformen – sind wichtige Orte der Pastoral. Hier erreichen wir einen Großteil der jungen Menschen und können sie mit religiösen Dingen in Berührung bringen. In erster Linie dient der Religionsunterricht natürlich der Vermittlung von Glaubenswissen. Wenn es darüber hinaus gelingt, die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen mit dem Wort Gottes in Einklang zu bringen, ist sehr viel erreicht, dann bekommt der Religionsunterricht eine existenzielle Relevanz. Das ist die große Chance des Religionsunterrichtes und begründet seine herausragende Bedeutung bei der Neuevangelisierung. Diese Tatsache hat ja auch die jüngst stattgefundene Bischofssynode betont.

In Lateinamerika, Afrika, Asien, teils auch in Osteuropa wachsen kleine christliche Gemeinschaften in den Pfarrgemeinden. Kann dies eine Chance sein auch für die Kirche in Deutschland, auch für das Erzbistum Paderborn?

Die vielfältigen Begegnungen bei der Eröffnung der Missio-Aktion im September 2012 haben mir wieder neu vor Augen geführt, wie viel unsere Kirche in Europa von der Kirche in den sogenannten Missionsländern lernen kann. Man erntet dort zahlreich die Früchte, die Missionare aus unseren Breiten gesät haben. In diesem Zusammenhang möchte ich auch die erwähnten kleinen christlichen Gemeinschaften sehen. Sie zeigen uns durch ihr Zusammenspiel zwischen verantworteter Glaubensweitergabe durch die Getauften und Einbeziehung in das Gesamt der Pfarrgemeinde einen guten Weg der Neuevangelisierung auch für uns. Ansätze davon nehme ich in unserem Erzbistum wahr, und es freut mich, dass damit auch die Wichtigkeit der persönlichen Gottesbeziehung wieder mehr ins Blickfeld gerät.

Welche Impulse für die Neuevangelisierung in Ihrer Diözese gab es während der Weltbischofssynode in Rom?

Unsere deutschen Synodenväter haben auf der letzten Sitzung des Ständigen Rates der Bischofskonferenz ihre Eindrücke aus Rom geschildert. Erst einmal war es ein großes Glaubensfest der Weltkirche, das sicherlich weiterhin zur Stärkung der Ortskirchen beitragen wird. Von den inhaltlichen Punkten bewegt es mich, auch im Blick auf unser Erzbistum Paderborn, die weit verbreitete Säkularisierung in unserer Gesellschaft nicht nur als ein Übel, sondern auch als Chance zur Erneuerung der Kirche aufzufassen. Es ist eine deutliche Absage an alle, die bloß schwarzmalerisch in die Zukunft blicken. Der Glaube an Jesus Christus schafft wirkliche Freude im Leben und darüber hinaus – das ist unsere Botschaft, die wir zu verkünden haben. Und sie wird immer offene Ohren finden!