Den Horizont der Hoffnung vor Augen

Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters beim Angelus am ersten Advent – 1. Dezember 2013

Der Papst besuchte am Sonntag die römische Pfarrei St. Cirillo Alessandrinos. Foto: dpa
Der Papst besuchte am Sonntag die römische Pfarrei St. Cirillo Alessandrinos. Foto: dpa

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute, am ersten Adventssonntag, beginnt ein neues Kirchenjahr, ein neuer Weg des Volkes Gottes mit Jesus Christus, unserem Hirten, der uns in der Geschichte zur Vollendung des Reiches Gottes führt. Daher hat dieser Tag einen besonderen Reiz: Er lässt uns auf tiefe Weise den Sinn der Geschichte empfinden. Wir entdecken erneut die Schönheit der Tatsache, dass wir alle unterwegs sind: die Kirche mit ihrer Berufung und ihrer Sendung sowie die ganze Menschheit, die Völker, die Zivilisationen, die Kulturen, alle sind unterwegs auf den Wegen der Zeit.

Doch unterwegs wohin? Gibt es ein gemeinsames Ziel? Und welches Ziel ist das? Der Herr antwortet uns durch den Propheten Jesaja und sagt folgendes: „Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen“ (2, 2–3). Das sagt Jesaja über das Ziel, zu dem wir gehen. Es ist eine universale Pilgerschaft zu einem gemeinsamen Ziel, das im Alten Testament Jerusalem ist, wo sich der Tempel des Herrn erhebt, denn von dort, von Jerusalem, ist die Offenbarung des Antlitzes Gottes und Seines Gesetzes gekommen. Die Offenbarung hat in Jesus Christus ihre Erfüllung gefunden, und er selbst, das menschgewordene Wort, ist der „Tempel des Herrn“ geworden: Er führt uns auf der Pilgerschaft, der Pilgerschaft des ganzen Gottesvolks, und ist gleichzeitig ihr Ziel; und in seinem Licht können auch die anderen Völker auf das Reich der Gerechtigkeit, auf das Reich des Friedens zugehen. Der Prophet sagt weiter: „Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg“ (2, 4). Ich erlaube mir, noch einmal zu wiederholen, was der Prophet hier sagt, hört gut zu: „Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg“. Doch wann wird das geschehen? Was wird das für ein schöner Tag sein, an dem die Waffen auseinandergenommen und zu Arbeitswerkzeugen umfunktioniert werden! Was für ein schöner Tag wird das sein! Und das ist möglich! Setzen wir auf die Hoffnung, die Hoffnung auf Frieden, und es wird möglich sein!

Dieser Weg ist niemals zu Ende. Wie es im Leben eines jeden von uns erforderlich ist, immer von Neuem aufzubrechen, immer wieder aufzustehen, den Sinn für das Ziel des eigenen Daseins immer neu zu finden, so muss für die große Menschheitsfamilie stets der gemeinsame Horizont erneuert werden, zu dem wir unterwegs sind. Der Horizont der Hoffnung! Das ist der Horizont, um einen guten Weg zurückzulegen. Die Adventszeit, die heute erneut beginnt, gibt uns den Horizont der Hoffnung zurück, einer Hoffnung, die nicht enttäuscht, weil sie auf dem Wort Gottes gründet. Einer Hoffnung, die nicht enttäuscht, einfach deswegen, weil der Herr nie enttäuscht! Er ist treu! Er enttäuscht uns nicht! Bedenken und spüren wir, wie schön das ist.

Das Vorbild dieser geistlichen Haltung, dieser Daseinsweise, dieser Weise, im Leben unterwegs zu sein, ist die Jungfrau Maria. Ein einfaches Mädchen vom Land, das die ganze Hoffnung Gottes in sich trägt! In ihrem Leib hat die Hoffnung Gottes Fleisch angenommen, ist sie Mensch geworden, ist sie Geschichte geworden: Jesus Christus. Ihr Magnifikat ist der Lobgesang des Volkes Gottes, das unterwegs ist, sowie aller Männer und Frauen, die ihre Hoffnung auf Gott setzen, auf die Kraft seiner Barmherzigkeit. Lassen wir uns von ihr leiten, die Mutter ist und weiß, wie sie uns zu leiten hat. Lassen wir uns von Ihr in dieser Zeit der Erwartung und der tätigen Wachsamkeit leiten.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller