Den „Honigtropfen“ des Glaubens weitergeben

Hochkarätig besetztes internationales Symposion befasst sich mit der Neuevangelisierung im deutschsprachigen Raum

Vallendar (DT) Neuevangelisierung ist im theologischen Gespräch ein Schlüsselbegriff für die Vision der künftigen Pastoral. Dahinter steht die Erkenntnis, dass die Kirche in Zeiten einer fortschreitenden „Entchristlichung“ der Gesellschaft neue Wege finden muss für eine Verlebendigung des Glaubens. Unter dem Titel „Das Evangelium Jesu Christi – Impulse zur Neuevangelisierung im deutschsprachigen Raum“ lud das Kardinal-Walter Kasper-Institut an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar der Pallottiner kürzlich zu einem hochkarätig besetzten Symposion. Die Tagung war eine Kooperation mit dem internationalen katholischen Missionswerk missio.

Bischof Stephan Ackermann, Diözese Trier und der langjährige Vorsitzende der Pastoralkommission der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Joachim Wanke von Erfurt, analysierten die kirchliche Entwicklung der vergangenen Jahre in Deutschland, suchten nach bereits existierenden Ansätzen einer missionarischen Pastoral; der Schweizer Bischof Kurt Koch ergänzte diese Ausführungen um seine Erfahrungen aus der Diözese Basel. Zwei hochrangige Vertreter aus Rom brachten die weltkirchliche Perspektive zum Tragen: der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates und Namensgeber des Ende 2005 gegründeten Instituts, Walter Kardinal Kasper, sowie der Präsident der Päpstlichen Kongregation für die Evangelisierung der Völker, der aus Indien stammende Kardinal Ivan Dias.

Hintergrund des Symposions in Vallendar war die sich zum zehnten Mal jährende Veröffentlichung des Bischofswortes: „Zeit zur Aussaat – Missionarisch Kirche sein“. Darin formulierten die deutschen Bischöfe eine Reihe noch immer aktueller Gedanken zu einem kirchlichen Grundbegriff: dem der „missionarischen Verkündigung, der Evangelisierung“.

Wörtlich heißt es in dem Text aus dem Jahr 2000: „Missionarisch Kirche sein heißt immer auch, Bereitschaft zum missionarischen Zeugnis einzubringen. Das gilt für jeden, der getauft und gefirmt ist, und es gilt an allen Orten, an denen Frauen und Männer als Christen leben.“ Ein Zweites wird im Wort der deutschen Bischöfe hervorgehoben: „Zum missionarischen Kirchesein gehört ganz sicher der Mut zum eigenen, unverwechselbaren Profil. Christliches Leben gewinnt darin eine befreiende Kraft, die es befähigt zur Solidarität. Ohne ein Minimum an Bereitschaft, widerständig und anders zu sein gegenüber üblichen Plausibilitäten, kann es schwerlich christlichen Glauben geben.“

Ackermann unterstrich, es gehöre notwendig zum Wesen der Kirche, sich als „missionarische Kirche“ zu verstehen. Denn: „Wenn sie keine Kirche mehr ist, die wachsen und Menschen den Glauben verkünden will, die auch aus der Tiefe wachsen, eine Reflexion und Vertiefung des Glaubens, eine immer größere Hingabe erreichen will, dann ist die Kirche nicht mehr wirklich Kirche.“

Immer mehr Erwachsene möchten sich taufen lassen

Ackermann beließ es jedoch nicht bei der Beschreibung der Krise. Er nannte auch Hoffnung weckende Ansätze in der Pastoral und Initiativen, die nach seiner Überzeugung Auswege aus der Situation einer „schrumpfenden“ Kirche weisen. Dazu gehören, so der Bischof, viele der geistlichen Gemeinschaften. Sie seien im Wachsen begriffen, besonders in größeren Städten „getreu der frühchristlichen Tradition, derzufolge der christliche Glaube zunächst einmal Glaube in der Stadt und nicht Glaube auf dem Lande ist.“

Zur missionarischen Pastoral gehöre auch, neue Wege in der Erwachsenenkatechese zu beschreiten: „Es gibt viele Gruppen des sogenannten Erwachsenenkatechumenats, wo es um Vertiefung und Wachstum im Glauben geht. Auch wenn daraus noch keine wirkliche Massenbewegung entsteht, sind diese Gruppen doch ein deutliches Zeichen des Aufbruchs.“ Als besonderes Beispiel erwähnte der Bischof die durch Pater Hubert Lenz von den Pallottinern initiierten Glaubenskurse „Wege erwachsenen Glaubens“. Die Früchte solcher Initiativen seien teilweise heute schon sichtbar: „In diesem Jahr durfte ich am ersten Fastensonntag fünfzig erwachsene Taufbewerber annehmen. Schon seit einigen Jahren stellen wir mit Freude fest, dass die Zahl der Bewerber kontinuierlich zunimmt.“

Der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, Walter Kardinal Kasper, skizzierte das Thema des Symposions auf drei Ebenen. Er beschrieb Neuevangelisierung als pastorale, theologische und geistliche Herausforderung. „Zunächst ist einmal ist Evangelisierung, auch die Neuevangelisierung oder Wiederevangelisierung, eine pastorale Herausforderung. Wir spüren heute immer drängender, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Neue Wege der Glaubensverkündigung und Seelsorge sind gefordert.“

Diese Entwicklung stelle die Kirche zugleich auch vor neue theologische Herausforderungen. Im Mittelpunkt stehe dabei die Frage nach dem Ziel allen kirchlichen Handelns: „Was ist vorrangige Aufgabe der Kirche? Es geht darum, das Evangelium zu verkünden – das war und ist entscheidend. Und dieses Evangelium ist ja nicht ein abstrakter Lehrkodex. Es ist lebendige Verkündigung Gottes.“ Diese Verlebendigung des Glaubens muss aus Sicht des Kardinals durch eine zeitgemäße Theologie neu fundiert werden.

Die Neuevangelisierung sei aber – neben der pastoralen und theologischen Dimension – auch eine geistliche Herausforderung an jeden einzelnen Menschen. Kardinal Kasper zitierte in diesem Zusammenhang Paul VI.: „Die Menschen heute suchen nicht eine Lehre, sie suchen Zeugen.“ Im Vordergrund müsse also das persönliche Glaubenszeugnis von Christen stehen: „Nur wer selbst vom Geist bewegt ist, kann den Geist auch weitergeben. Und es waren immer die großen Heiligen, die schon in der Vergangenheit zu großen Verkündern des Glaubens wurden. Natürlich können wir nicht alle vollkommene Heilige werden, aber unser Herz muss brennen, ehe wir den Glauben weitergeben.“

Im Gespräch mit dieser Zeitung unterstrich der Präsident des Einheitsrates: „Bei allen notwendigen Strukturreformen kann die Kirche es nicht nur dabei belassen, Gemeinden zusammenzulegen und den Mangel zu verwalten. Das wäre am Ende tödlich. Stattdessen brauchen wir wieder eine Vision davon, wie wir als Glaubende wachsen können.“ Plötzliche Massenbekehrungen seien weder zu erwarten, noch wären sie sinnvoll. Stattdessen erinnerte der Kardinal an das biblische Gleichnis vom Senfkorn: Aus „Zellen des Glaubens“ könne neues kirchliches Leben hervorgehen und wachsen. „Im Augenblick sitzen wir viel zu viel beisammen und lamentieren über unsere Probleme. Die haben wir ohne Zweifel. Aber damit zieht die Kirche niemanden an. Mit einem Kübel Essig gewinnt man keine Fliegen, aber mit einem Tropfen Honig sehr viele. Und diesen Honigtropfen des Glaubens sollen wir weitergeben, damit andere Menschen Geschmack daran finden.“

„Schnupperkurse“ für Interessierte anbieten

Auch die weltkirchliche Perspektive brachte der Kardinal ein, bezog sich auf das Beispiel der kleinen christlichen Gemeinschaften in Afrika, Asien, in Lateinamerika. Von ihnen könnten auch Gemeinden in Deutschland durchaus profitieren. „In Afrika, wo ich viele dieser kleinen christliche Gemeinschaften kennengelernt habe, gibt es natürlich andere Mentalitäten, andere kulturelle Zusammenhänge. Aber wenn auch in Deutschland in den immer größer werdenden Pfarreien und Pfarrverbünden kleine Gruppen entstehen, in denen Menschen den Glauben erfahren und einüben, den Glauben leben können, dann strahlt das aus auf das Umfeld.“

Kasper plädierte dafür, in den Gemeinden zunächst einmal „Schnupperkurse“ für am Glauben Interessierte anzubieten, aber auch Angebote zu schaffen für Menschen, die ihren Glauben vertiefen möchten. Er sprach sich aus für Gemeindegruppen, in denen Menschen aus unterschiedlichen oder gleichen Berufsfeldern zusammenkommen, um sich auszutauschen über ihre Lebens- und Glaubenserfahrungen. „Wir brauchen in unseren Gemeinden heute wieder das, was Paulus in seinen Predigten als ,Hauskirchen‘ beschreibt. Sie waren für den Apostel Stützpunkte bei seinen Missionsreisen. Er nennt da zum Beispiel im Römerbrief ganz viele Orte und Namen.“ Also: Rückbesinnung auf ein biblisches Modell, das jedoch, wie der Kardinal hervorhob, der heutigen Situation in Kirche und Gesellschaft entsprechend erneuert werden muss, um den Glauben wieder im Leben der Menschen zu verwurzeln.

Der in Bombay, seit 1995 Mumbai, geborene Kardinalpräfekt Ivan Dias brachte schließlich den Aspekt des interkulturellen und interreligiösen Dialogs mit in die Diskussion. Er berichtete von Erfahrungen in seiner Heimat Indien, wo der Dialog der Kirche mit Islam und Hinduismus eine wesentliche Rolle spiele: „Dieser Dialog ist ein bedeutsames Element der Evangelisierung in meiner Heimat. Denn im Dialog mit den anderen Glaubensgemeinschaften entsteht eine Vertiefung des eigenen Glaubens, kommt es zu einer tieferen Einwurzelung des Evangeliums. Zum Dialog gehört die unbedingte Wertschätzung des anderen, der Respekt vor seinen Überzeugungen. Ebenso aber gehört dazu der Wunsch, den eigenen Glauben dem anderen mitzuteilen. Denn was ich in meinem eigenen Leben als sinnstiftend und bereichernd erfahre, das möchte ich auch meinen Mitmenschen als Geschenk anbieten.“

Der Glaube als Geschenk – diese wesentliche Quintessenz nahmen die etwa 150 Teilnehmer des Symposions, Ordensleute, Pfarrer und Laien, Theologen und in Gemeindeinitiativen Engagierte, mit auf den Weg. Evangelisierung oder auch Missionierung, in dieser Weise verstanden, hat dann nicht mehr den Beiklang von Indoktrinierung, „Überstülpen“ von Glaubenssätzen. Evangelisierung entsteht in einem offenen Prozess zwischen dem Glaubenden, der seinen Glauben weitergeben möchte, und seinem Gegenüber, der den Glauben zunächst einmal als Einladung begreifen kann.

Der Präsident des internationalen Missionswerks missio, Prälat Klaus Krämer, warnte vor einer reinen Defensivhaltung der Kirche in einer zunehmend pluralen Gesellschaft. „Wenn Kirche nur noch ihre gesellschaftliche Existenzberechtigung bewahren will, dann hat sie ihre prophetische Kraft verloren. Stattdessen müssen wir als Kirche offensiv auf die unterschiedlichen Gruppen in der Gesellschaft zugehen und auf die aktuellen Nöte der Menschen antworten.“