Den Gekreuzigten anschauen

Begegnung mit dem Klerus, den Ordensleuten und den Seminaristen – St. Mary's School, Nairobi (Kenia) – 26. November 2015

Auch digitale Erinnerungen bleiben: Eine Ordensfrau fotografiert Papst Franziskus. Foto: dpa
Auch digitale Erinnerungen bleiben: Eine Ordensfrau fotografiert Papst Franziskus. Foto: dpa

V. Tumisufu Yesu Kristu! (Gelobt sei Jesus Christus!)

R. Milele na Milele. Amina (Von nun an bis in Ewigkeit. Amen)

Vielen Dank für Eure Anwesenheit. Ich würde so gerne auf Englisch zu euch sprechen, aber mein Englisch ist ärmlich…Ich habe mir ein paar Stichworte gemacht, damit ich alles sage, was ich euch sagen möchte. Und da ich Angst habe [Englisch zu sprechen], werde ich in meiner Muttersprache sprechen. Monsignore Miles ist der Übersetzer. Vielen Dank für euer Verständnis.

Als aus dem Brief des heiligen Paulus vorgelesen wurde, hat mich folgendes getroffen: „Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu“ (Phil 1, 6).

Der Herr hat euch alle erwählt, hat uns alle erwählt!. Und er hat sein Werk begonnen an dem Tag, als er bei der Taufe auf uns schaute, und später an dem Tag, als er zu uns sagte: „Wenn du magst, komm und folge mir.“ Und da haben wir uns eingereiht und den Weg begonnen. Doch den Weg hat er begonnen, nicht wir. Im Evangelium lesen wir von einem Geheilten, der Jesu Weg folgen wollte, und dieser antwortete ihm: „Nein.“ In die Nachfolge Jesu Christi – sei es im Priestertum oder im gottgeweihten Leben – tritt man durch die Tür ein, und diese Tür ist Christus. Er ruft, er beginnt, er tut die Arbeit. Es gibt einige, die durch das Fenster einsteigen wollen… Das ist nutzlos. Bitte, wenn jemand sieht, dass ein Gefährte oder eine Gefährtin durchs Fenster eingestiegen ist – umarme diese Person und erkläre ihr, dass es besser ist, wenn sie weggeht und Gott woanders dient! Denn niemals wird ein Werk vollendet werden, das nicht von Jesus selbst, durch die Tür, begonnen wurde.

Und das muss uns zu einem Bewusstsein der „Erwählten“ führen: Ich wurde angeschaut, ich wurde erwählt. Es beeindruckt mich der Anfang des 16. Kapitels von Ezechiel: „Du warst ein Kind von Ausländern; gerade erst geboren, wurdest du weggeworfen. Ich kam vorbei, habe dich gewaschen und habe dich mitgenommen.“ Das ist der Weg, das ist das Werk, das der Herr begann, als er uns ansah. Es gibt Menschen, die nicht wissen, wozu Gott sie beruft, doch sie spüren, dass Gott sie gerufen hat. Sie sollen nur ruhig sein, er wird sie begreifen lassen, wozu er sie beruft. Es gibt andere, die dem Herrn aus Interesse, aus Berechnung folgen wollen. Erinnern wir uns an die Mutter von Jakobus und Johannes: „Herr, ich bitte dich, wenn du die Torte teilst, das größte Stück meinen Söhnen zu geben… dass einer den Platz zu deiner Rechten und der andere den zu deiner Linken bekommt.“ Und das ist die Versuchung, Jesus aus Ehrgeiz zu folgen: aus Streben nach Geld, Streben nach Macht. Alle können wir sagen: „Als ich begonnen habe, Jesus zu folgen, ist mir das nicht passiert.“ Aber anderen ist es passiert, und ganz allmählich haben sie es dir ins Herz gesät wie ein Unkraut. Im Leben der Nachfolge Jesu ist weder Platz für persönlichen Ehrgeiz, noch für Reichtum, noch dafür, eine bedeutende Persönlichkeit in der Welt zu sein. Jesus folgt man bis zum letzten Schritt seines Erdenlebens, bis zum Kreuz. Danach wird er sich darum kümmern, dich aufzuerwecken, doch bis dorthin musst du gehen. Und das sage ich euch im Ernst, denn die Kirche ist kein Unternehmen, sie ist keine NGO, die Kirche ist ein Geheimnis, sie ist das Geheimnis des Blickes Jesu, der jeden Einzelnen ansieht und ihm sagt: „Komm!“ Das sei also klar: Der Rufende ist Jesus. Man tritt durch die Tür ein, nicht durchs Fenster, und man folgt dem Weg Jesu.

Natürlich, wenn Jesus uns erwählt, macht er uns nicht gleich heilig; wir bleiben dieselben Sünder. Ich möchte euch bitten, wenn es hier einen Priester oder eine Ordensschwester oder einen Ordensbruder gibt, der sich nicht als Sünder fühlt, möchte er bitte die Hand heben… Alle sind wir Sünder, ich der Erste, danach ihr, doch die Zärtlichkeit und die Liebe Jesu bringen uns voran. „Der bei euch das gute Werk begonnen hat, [wird] es auch vollenden…“ Das bringt uns – das, was die Liebe Jesu begonnen hat – voran. Erinnert ihr euch an eine Stelle im Evangelium, wo der Apostel Jakobus weinte? Erinnert sich jemand, oder nicht? – Nein. Und wo der Apostel Johannes weinte? – Nein. Und wo irgendein anderer Apostel weinte? – Von einem Einzigen sagt uns das Evangelium, dass er weinte: derjenige, der sich bewusst wurde, dass er ein Sünder war. Ein solcher Sünder war er, dass er seinen Herrn verleugnet hatte, und als ihm das bewusst wurde, weinte er… Später hat Jesus ihn zum Papst gemacht… Wer versteht Jesus? Es ist ein Geheimnis.

Gebt niemals das Weinen auf! Wenn einem Priester, einem Ordensbruder oder einer Ordensschwester die Tränen eintrocknen, dann stimmt etwas nicht. Weinen über die eigene Untreue, Weinen über den Schmerz der Welt, weinen über die Menschen, die „weggeworfen“ werden, über die verlassenen Alten, über die ermordeten Kinder, über die Dinge, die wir nicht verstehen; weinen, wenn man uns fragt: „Warum?“ Niemand von uns hat Antworten auf alle die „Warum?“ Es gibt einen russischen Schriftsteller, der sich fragte, warum die Kinder leiden müssen. Und jedes Mal, wenn ich ein Kind begrüße, das Krebs hat, einen Tumor oder eine „seltene Krankheit“ – wie man sie jetzt nennt –, dann frage ich mich: „Warum leidet dieses Kind?“ Und ich habe keine Antwort, ich schaue nur auf Jesus am Kreuz. Es gibt Situationen im Leben, die uns nur dazu führen, zu weinen und auf Jesus am Kreuz zu schauen. Und das ist die einzige Antwort auf gewisse Ungerechtigkeiten, auf manchen Schmerz, auf gewisse Situationen im Leben. Der heilige Paulus sagte zu seinen Jüngern: „Erinnert euch an Jesus Christus, erinnert euch an Jesus Christus, den Gekreuzigten!“ Wenn ein gottgeweihter Mensch, ein Priester, Christus, den Gekreuzigten, vergisst – armer Kerl! –, dann ist er in eine sehr hässliche Sünde gefallen, in eine Sünde, die Gott anekelt, die ihm Brechreiz verursacht (vgl. Offb 3, 16): in die Sünde der Lauheit. Liebe Priester, Schwestern und Brüder, passt auf, dass ihr nicht in die Sünde der Lauheit fallt!

Nun, was kann ich euch noch sagen, das euch eine Botschaft aus meinem Herzen überbringt? Dass ihr euch niemals von Jesus entfernen sollt! Das bedeutet, dass ihr niemals aufhören sollt zu beten. – „Pater, aber manchmal ist es so langweilig zu beten, man wird müde, man schläft ein…“ – Schlaft ruhig vor dem Herrn! Das ist [auch] eine Weise zu beten, aber bleibt dort, vor dem Herrn! Betet, gebt das Gebet nicht auf! Wenn ein gottgeweihter Mensch das Beten aufgibt, trocknet seine Seele aus wie jene vertrockneten Feigen; sie sind hässlich, sehen einfach hässlich aus. Die Seele einer Ordensschwester, eines Ordensbruders, eines Priesters, der nicht betet, ist eine hässliche Seele.

Entschuldigung, aber so ist es. Ich überlasse euch diese Frage: Zweige ich etwas von meiner Zeit zum Schlafen, von meiner Zeit für Radio, für Fernsehen und für Zeitschriften ab, um zu beten, oder ziehe ich das andere vor? Sich in die Gegenwart dessen begeben, der in jedem von euch das Werk begonnen hat und der dabei ist, es zu vollenden! – Das Gebet. Und ein Letztes, das ich euch sagen möchte – bevor ich euch noch etwas anderes sage… – ist, dass jeder, der sich von Jesus erwählen ließ, für den Dienst bestimmt ist, um dem Volk Gottes zu dienen, um den Ärmsten, den am meisten Ausgeschlossenen, den Geringsten zu dienen, um den Kindern und den Alten zu dienen, um auch den Menschen zu dienen, die sich ihres Hochmuts und ihrer Sünde nicht bewusst sind… um Jesus zu dienen. Sich von Jesus erwählen lassen heißt, sich erwählen lassen, um zu dienen, und nicht, um sich dienen zu lassen. Vor ungefähr einem Jahr hatte ich eine Begegnung mit Priestern – die Ordensschwestern kommen diesmal davon! –, und während dieser geistlichen Exerzitien hatte jeden Tag wechselweise eine Gruppe von Priestern den Tischdienst. Einige von ihnen beschwerten sich: „Aber nein! Wir müssen bedient werden, wir bezahlen das, wir können dafür bezahlen, dass man uns bedient.“ – Bitte, so etwas niemals in der Kirche! Dienen, nicht sich anderer bedienen.

Das ist es, was ich euch sagen wollte, was ich ganz plötzlich spürte, als ich diesen Satz des heiligen Paulus hörte: „Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu“. Ein älterer Kardinal – ein Jahr älter als ich – sagte mir, dass er, wenn er auf den Friedhof geht, wo er Missionare, Missionarinnen, Priester und Ordensleute sieht, die ihr Leben hingegeben haben, sich fragt: „Warum werden diese nicht gleich morgen heiliggesprochen? Denn sie haben ihr Leben verbracht, indem sie dienten.“ Und es rührt mich, wenn ich nach einer Messe einen Priester, eine Ordensschwester begrüße, die mir sagen: „Seit dreißig, vierzig Jahren bin ich in diesem Krankenhaus für autistische Kinder“ oder „…bin ich in der Mission im Amazonas“ oder „…bin ich an diesem oder jenem Ort“. Das geht mir nahe. Diese Frau oder dieser Mann hat verstanden, dass Jesus nachfolgen heißt, den anderen zu dienen, und nicht, sich ihrer zu bedienen.

Nun gut, ich danke euch sehr… Aber was ist das für ein ungezogener Papst: Er hat uns Ratschläge gegeben, er hat Prügel verteilt und sagt uns nicht einmal „danke“! Das Letzte, was ich euch sagen will, gleichsam als das Pünktchen auf dem „i“: Ich möchte euch Dank sagen. Danke, dass ihr euch entschließt, Jesus zu dienen. Danke für jedes Mal, wenn ihr euch als Sünder fühlt. Danke für jede zärtliche Liebkosung, die ihr denen gebt, die sie nötig haben. Danke für all die Male, in denen ihr so vielen Menschen geholfen habt, in Frieden zu sterben. Danke, dass ihr euer Leben in der Hoffnung verbringt. Danke, dass ihr euch täglich helfen, korrigieren und verzeihen lasst! Und indem ich euch danke, bitte ich euch, nicht zu vergessen, für mich zu beten, denn ich brauche es. Vielen Dank!

Improvisierte Worte zum Abschluss der Begegnung

Ich danke euch für diese Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben. Nun aber muss ich durch diese Tür hinausgehen, denn da sind die an Krebs erkrankten Kinder, und ich möchte sie sehen und sie liebkosen. Euch danke ich sehr, und ihr Seminaristen, die ich nicht erwähnt habe, seid in all das eingeschlossen, was ich gesagt habe. Und wenn jemand sich nicht zu diesem Weg entschließen kann, soll er sich Zeit lassen, eine andere Arbeit suchen, heiraten und eine gute Familie gründen. Danke.

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