„Defizit an Menschlichkeit“

Auftakt zum Liborifest in Paderborn: Erzbischof Becker kritisiert westlichen Lebensstil ohne Gott. Von Anja Kordik

In feierlicher Prozession wird der Liborischrein durch die Stadt getragen und im Altarraum des Domes zur Verehrung überführt. Foto: Pressestelle Erzbistum Paderborn
In feierlicher Prozession wird der Liborischrein durch die Stadt getragen und im Altarraum des Domes zur Verehrung überf... Foto: Pressestelle Erzbistum Paderborn

Paderborn (DT) Außen bedeckter Himmel, innen drängende Fülle im Hohen Dom zu Paderborn. Bis vor das Paradiesportal stehen die Gläubigen, Familien mit Kinderwagen, ältere Menschen. Trotz einsetzenden Nieselregens harren viele sogar auf dem Domplatz aus, einige stiegen bis auf die Wendeltreppe am benachbarten Diözesanmuseum, um die feierliche Pontifikalvesper im Dom mit Erzbischof Hans-Josef Becker über Lautsprecher zu verfolgen. Mit ihr begann auch in diesem Jahr das traditionelle Libori-Wochenende. Ein klangvoller Tusch begrüßte den Reliquienschrein, als er aus der Krypta in den Altarraum überführt wurde.

Weit über Paderborns Grenzen hinaus verbindet die Verehrung des heiligen Liborius Menschen in aller Welt. Und so konnte der Erzbischof auch in diesem Jahr zahlreiche bischöfliche Gäste aus verschiedenen Ländern und Kontinenten begrüßen: den Bischof der französischen Partnerdiözese Le Mans, Yves Le Saux, und den – aus der Erzdiözese Paderborn stammenden – Kurienbischof und Sekretär des Päpstlichen Rates für die Laien, Josef Clemens. Unter den Libori-Gästen waren auch der Bischof von Novosibirsk, Joseph Werth, SJ, und der Apostolische Administrator von Estland, Bischof Philippe Jourdan. Auch der indische Bischof Joshuah Ignathios Kizhakkeveetil war eigens nach Paderborn gekommen, ebenso aus Südafrika Francisco de Gouveia, Bischof der Diözese Outhshoorn am Kap der Guten Hoffnung. Die bis zum 5. August dauernden Feierlichkeiten stehen in diesem Jahr unter einem Wort aus dem Epheser-Brief: „Erneuert euren Geist und Sinn“. In seiner Ansprache während der Pontifikalvesper erinnerte der Paderborner Erzbischof mit Blick auf das fünfzigjährige Jubiläum des Zweiten Vatikanum an die Erneuerung der Kirche aus dem Geist des Konzils. Erzbischof Becker zitierte Papst Johannes XXIII., der von „einem pastoralen Ereignis für die ganze Kirche am Übergang in ein neues Zeitalter“ gesprochen habe. „Dem Konzil war die geistliche Neuwerdung eines jeden Christen ein wesentliches Anliegen, indem es den Fokus legte auf die besondere Würde und Aufgabe, die aus der Taufe erwächst.“

Auf dem Weg zum „Jahr des Glaubens“

Nicht umsonst habe Papst Benedikt XVI. zum Konzilsjubiläum ein „Jahr des Glaubens“ ausgerufen, das im Oktober beginnen wird. Damit verleihe der Papst seinem Wunsch nach einer „tiefgreifenden Erneuerung von Geist und Sinn für alle Glieder der Kirche“ wesentlichen Ausdruck.

Zu den Gästen der Libori-Feierlichkeiten gehört in diesem Jahr auch der brasilianische Erzbischof Luiz Mancilha Vilela aus der Diözese Vitória im Bundesstaat Espíritu Santo, im Nordosten des riesigen Landes an der Atlantikküste gelegen. Die Diözese wird im kommenden Jahr zum Weltjugendtag in Río de Janeiro gut 10 000 Jugendliche aus aller Welt empfangen, unter ihnen eine große Delegation aus Paderborn.

Seinen Aufenthalt zu Libori nutzt der brasilianische Erzbischof deshalb auch zu einem Treffen mit dem Paderborner Weihbischof Matthias König, Bischofsvikar für Aufgaben der Weltkirche, mit Diözesanjugendpfarrer Stephan Schröder und einer Gruppe von 40 bis 50 Jugendlichen. In seiner Diözese gebe es eine reiche Erfahrung mit der Vorbereitung von Großereignissen, betonte Erzbischof Mancilha Vilela im Gespräch mit dieser Zeitung. Denn: „In Vitória war Johannes Paul II. 1991 zu Besuch.“ In Erinnerung an dieses Ereignis ist eine große Versammlung vorgesehen auf dem zentralen Platz, auf dem Johannes Paul II. vor mehr als zwanzig Jahren die Heilige Messe feierte und die heute „Platz des Papstes“ („Praça do Papa“) heißt. „Wir rechnen dort mit gut 100 000 Jugendlichen“, so der Bischof. Der Weltjugendtag ist nach seinen Worten „eine Sendung, eine Sendung für das Leben, zugleich Gelegenheit zum Austausch über unterschiedlichste Erfahrungen, kirchliche, gesellschaftliche, menschliche“.

Die katholische Kirche Brasiliens ist mit etwa 140 Millionen Gläubigen die größte katholische Ortskirche weltweit. Es gibt eine in der brasilianischen Bevölkerung tief verwurzelte katholische Frömmigkeit, die sich etwa bei den Wallfahrten zum Marienheiligtum Aparecida ausdrückt. Zugleich steht die Kirche Brasiliens vor neuen Herausforderungen durch eine zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft gerade in den großen Städten und den wachsenden Einfluss evangelischer Freikirchen. „Allein im Gebiet unserer Diözese gibt es über hundert verschiedene Pfingstgemeinschaften“, so der Oberhirte von Vitória.

Statt zu klagen und diese kirchlichen Gemeinschaften nur als „Rivalen“ zu sehen, versucht die brasilianische Kirche Antworten auf die Probleme in der katholischen Pastoral zu finden. Denn der steigende Einfluss der Pfingstkirchen hat seine Ursachen vor allem in der fehlenden Präsenz der Kirche gerade in den wuchernden Randgebieten der großen Städte – und in einem mangelnden vertieften Glaubenswissen der Bevölkerung. Erzbischof Mancilha Vilela erklärte: „Wir haben zu wenig Priester im Verhältnis zur Zahl der Gläubigen, um überall anwesend zu sein. Um so wichtiger sind der Aufbau von Basisgemeinden und eine gute Ausbildung für unsere Laien, damit sie auf ihre Aufgaben in diesen Gemeinden vorzubereitet sind.“ In der Diözese Vitória entsteht derzeit ein neues theologisches Zentrum, berichtete der aus dem sauerländischen Olpe stammende Steyler Missionar, Pater Hugo Scheer, der seit drei Jahrzehnten in Vitória lebt und Erzbischof Mancilha Vilela nach Paderborn begleitete: „An diesem Institut sollen nicht nur Priester, sondern auch Laien-Katecheten eine fundierte theologische Ausbildung erhalten.“

In Deutschland scheint es, als seien Christen insgesamt auf dem Weg in die Minderheit. Daran erinnerte Erzbischof Becker in seiner Predigt beim Pontifikalamt am Sonntag, dem Höhepunkt der Libori-Feierlichkeiten. Aber, so der Erzbischof: „Dieser Weg in die Minderheit spricht nicht gegen uns. Er erinnert uns an die Christen der ersten Generation, an welche sich der Verfasser des Epheser-Briefes wendet. Wie die Christen damals sind wir heute entschiedener gefragt zu sagen, was uns glauben und hoffen lässt.“ Die ersten Christengemeinden seien entstanden mitten in einer Gesellschaft, die von einem heidnischen Lebensstil geprägt war. „Und dieser Lebensstil widersprach der Lebensauffassung der Christen absolut. Im Epheser-Brief ist deshalb die Rede von Gottentfremdung und Verhärtung gegenüber dem Guten, von einem Leben, das nur auf den Besitz und Genuss ausgerichtet sei.“

Sittliche Grenzen werden bedenkenlos überschritten

Ähnliches gelte auch für den in der heutigen Gesellschaft verbreiteten Lebensstil, einen Lebensstil, den der Erzbischof umschrieb als „permissiv“, alles „erlaubend“ und alle sittlichen Grenzen mit größter Selbstsicherheit überschreitend. „Es ist ein Lebensstil ohne Gott, hervorgehend aus der totalen Selbstbestimmung.“ Dieses Leben ohne Gott habe aber den Menschen nicht froher, nicht freier und schöpferischer gemacht. „Ich wage sogar zu behaupten: Nie war das Defizit an Menschlichkeit größer, als es heute ist.“ Die heutige Gesellschaft brauche das christliche Glaubenszeugnis dringender denn je, um die Würde des Menschen vor Vermarktung, auch vor dem Zugriff durch die Bio-Wissenschaften, die den Menschen auf das Messbare, das Verwertbare reduzieren wollen, zu schützen.

Die notwendige Präsenz der Kirche im gesellschaftlichen Leben, an der „Bruchstelle zwischen Evangelium und Kultur“, unterstrich Erzbischof Becker auch beim traditionellen Libori-Empfang im Leokonvikt. Und er nannte konkret zwei Bereiche, in denen sich Kirche und Gesellschaft auf besondere Weise berühren: die katholische Erwachsenenbildung und die Caritas. Die Anwesenheit führender Vertreter des Erzbistums aus beiden Bereichen am Libori-Sonntag unterstreicht, dass die Botschaft von Libori neben der weltweiten Verbindung von Menschen vor allem auch die Verbindung von Kirche und Gesellschaft einbezieht.