„Das wird kein Mischmasch“

Nach langer Vorbereitung ist in Osnabrück die bundesweit erste Drei-Religionen-Schule eröffnet worden. Von Gerd Felder

Die beiden Schüler Khaled (muslimisch) und Sebastian (katholisch) mit Sebastians Eltern und der muslimischen Lehrerin Annett Abder-Rahman. Foto: Felder
Die beiden Schüler Khaled (muslimisch) und Sebastian (katholisch) mit Sebastians Eltern und der muslimischen Lehrerin An... Foto: Felder

Osnabrück (DT) Mit einer kleinen Einweihungsfeier hat vor wenigen Tagen die bundesweit erste Drei-Religionen-Schule in Osnabrück mit dem Unterricht begonnen. Bei der Zeremonie in der Turnhalle der Johannisschule trugen drei Religionslehrer Texte aus der Thora, der Bibel und dem Koran vor. Darüber hinaus sprachen Vertreter der katholischen Kirche, der Jüdischen Gemeinde und der islamischen Gemeinschaft in Osnabrück kurze Gebete. Anschließend fand die erste Unterrichtsstunde statt, der ein Beisammensein mit Eltern und Geschwistern im Klassenraum folgte.

Die Vorgeschichte der Drei-Religionen-Schule zog sich über drei Jahre hin und war durchaus kompliziert. Die Johannisschule war ursprünglich eine katholische Bekenntnisschule in städtischer Trägerschaft, bekam aber im Laufe der Jahre immer größere Probleme mit den Anmeldezahlen. Die vorgeschriebene Quote, die nach niedersächsischem Landesrecht bei 80 Prozent katholischen Schülern liegt, konnte schon länger nicht mehr erreicht werden. Daraufhin stellte sich die Alternative, die Schule entweder zu schließen oder in anderer Form weiterzuführen. Da dem Bistum Osnabrück aber viel am Erhalt der traditionsreichen Schule lag, entwickelte die Diözese ein neues Konzept und holte die Schura, also den islamischen Landesverband Niedersachsen, den Landesverband Niedersachsen und Bremen der Türkisch-Islamischen Union (Ditib) und die Jüdische Gemeinde Osnabrück als Kooperateure mit ins Boot.

Der Rat der Stadt Osnabrück, die künftig ebenfalls als Kooperationspartner beteiligt ist, stimmte der Idee der Drei-Religionen-Schule im Dezember 2010 mit knapper Mehrheit zu. Damit war der Weg frei für die ungewöhnliche Schule, die am Mittwoch mit 22 Erstklässlern – neun Katholiken, acht Muslimen, zwei Juden sowie je einem Kind mit evangelischer, orthodoxer und ohne Konfession – starten konnte. Die Grundschule im Gebäude der städtischen Johannisschule wird künftig von der Schulstiftung des Bistums Osnabrück getragen, die von einem Beirat mit christlichen, jüdischen und muslimischen Elternvertretern in Fragen des dreifach-religiösen Profils beraten wird.

Einen Wermutstropfen aber gibt es doch: Das gesamte bisherige Kollegium – ursprünglich 13, derzeit noch neun Lehrer – hat es abgelehnt, in die neue Drei-Religionen-Schule zu wechseln und dementsprechend die Versetzung beantragt. Durch diese Entwicklung gibt es nach Auskunft von Bistums-Pressesprecher Hermann Haarmann momentan noch zwei Lehrerkollegien mit zwei getrennten Lehrerzimmern.

Das Bemerkenswerte ist: Alle Beteiligten unterstrichen beim Start der Grundschule, dass es ihnen nicht um einen religiösen Mischmasch gehe. „Die Kinder sollen nicht in eine andere Religion wechseln, sondern in ihrer je eigenen Religion gestärkt werden“, betonte der jüdische Rabbiner Mosche Baumel. „Jeder soll lernen, den anderen zu respektieren, aber zugleich stolz auf seine eigene Religion zu sein.“ Besonders dass muslimische Kinder zusammen mit jüdischen Kindern aufwüchsen, sei vorbildlich und müsse anderswo auch praktiziert werden, regte der Rabbiner an.

Der jüdische Religionslehrer Sebastian Hobrack fügte hinzu, ein gemeinsamer Religionsunterricht von jüdischen, muslimischen und christlichen Kindern sei nicht möglich. „Das wäre ein nicht mehr unterscheidbarer Mischmasch.“ Jeder müsse seine eigene religiöse und kulturelle Identität annehmen, und genau dadurch könne dann Dialogfähigkeit entstehen. „Den Alltag der Schüler müssen wir allerdings gemeinsam gestalten“, so Hobrack. Die muslimische Religionslehrerin Annett Abdel-Rahman bestätigte diese Sicht. „Alle drei Religionen müssen hier ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten aushalten“, erklärte die Lehrerin. „Wir müssen unser Team hier erst zusammenschweißen.“ Bedeutsam sei für sie, dass die Lehrer ihre religiöse Kleidung wie Kippa und Kopftuch tragen dürften. Auch sei sie gespannt darauf, wie es mit dem Mittagessen klappen werde, das auch koscher und halal, also nach den Essens-Vorschriften des Judentums und des Islam, zubereitet werden solle.

Unter den vier Lehrern des neuen Kollegiums könne es nicht um theologischen Austausch gehen; man werde aber selbstverständlich schauen, wie die Kollegen ihren Unterricht gestalteten.

Alle Fächer außerhalb des Religionsunterrichts, vor allem Lesen, Schreiben und Rechnen, sollen künftig gemeinsam erteilt werden. Und auch die regelmäßigen Jahresfeste der drei Religionen sollen in Zukunft zusammen gefeiert werden, wenn das möglich und gewünscht ist. „Wir wollen uns der Integration aktiv stellen, und es ist auch nicht falsch, wenn katholische Schulen das tun, was sonst staatliche Schulen tun“, unterstrich der Leiter der Schulabteilung des Bistums Osnabrück, Winfried Verburg. Im Gegensatz zu staatlichen Schulen müsse man aber die negative Religionsfreiheit nicht einhalten.

Eltern und Kinder gaben sich trotz des großen Medieninteresses am ersten Schultag locker und entspannt. Dabei deuteten mehrere Eltern an, dass sie bei der Anmeldung ihrer Kinder gar nichts davon gewusst hätten, dass die Grundschule als Drei-Religionen-Schule weitergeführt werden solle. Trotzdem war immer wieder die Einschätzung zu hören: „Das ist richtig, ich finde das sehr gut.“ Für das nächste Schuljahr 2013/14 wurden bereits 38 Schüler angemeldet, sodass die Zukunft der Schule erst einmal gesichert ist.