Das neue Geheimnis der alten Kunde von Bethlehem

Wie der italienische Maler Giotto die Weihnachtsfeier des heiligen Franziskus Greccio deutet. Von Michael Karger

Giottos Darstellung der Heiligen Nacht verbindet das Geheimnis des Kreuzes und die Menschwerdung Gottes auf geheimnisvolle Weise. Foto: IN
Giottos Darstellung der Heiligen Nacht verbindet das Geheimnis des Kreuzes und die Menschwerdung Gottes auf geheimnisvol... Foto: IN

Den heiligen Franziskus von Assisi bezeichnete Gilbert Keith Chesterton als eine im höchsten Grade „dramatische Persönlichkeit“. Franziskus habe in einem bestimmten Sinn das Leben selbst zur Kunst gemacht, schrieb der englische Schriftsteller, „wenn es auch keine beabsichtigte Kunst war, … Es waren jedoch stets Handlungen und nicht bloße Erklärungen, und sie drückten immer das aus, was er damit ausdrücken wollte. Die erstaunliche Lebendigkeit, mit der er sich dem Gedächtnis und der Phantasie der Menschheit einprägte, ist zum größten Teil der Tatsache zu verdanken, dass er immer und immer wieder unter dramatischen Umständen gesehen wurde. Von dem Augenblick an, da er seine Kleider zerriss und sie seinem Vater vor die Füße warf, bis zu dem Augenblick, wo er sich sterbend auf der bloßen Erde in der Form des Kreuzes ausstreckte, bestand sein ganzes Leben aus solchen unbewussten Gebärden und treffenden Gesten.“

„Giotto hat den

Schauplatz verändert

und die Feier der

Mitternachtsmesse in eine Kirche verlegt“

Eine der wirkmächtigsten dramatischen Inszenierungen von Franziskus war die Feier der Christmette in einer Grotte der Einsiedelei der Franziskaner in Greccio in der Heiligen Nacht des Jahres 1223. Der erste Biograph des Heiligen, der Franziskaner Thomas von Celano, hat in seiner Vita „Das Leben des seligen Franziskus“, die er im Auftrag des Papstes zur Heiligsprechung 1228 verfasste, davon berichtet.

In seiner verkürzten zweiten Biographie „Das Leben unseres seligen Vaters Franziskus“, die 2014 wiederentdeckt wurde und die er um 1230 zur ordensinternen Verwendung geschrieben hatte, heißt es, „um die Kindheit des neugeborenen Heilands darzustellen“, habe Franziskus die „alte Kunde von Bethlehem“ durch einen „neuen Ritus“ in Greccio erneuert.

Worin bestand nun dieser „neue Ritus“? „In der Nacht, in der Christus auf Erden geboren wurde, ließ er eine Krippe herrichten, Heu in die Krippe hineinlegen und Ochs und Esel hinzuführen.“ Mitbrüder aus den umliegenden Niederlassungen wurden zusammengerufen, um die Weihnachtsvigil mitzufeiern. Zahlreiche Menschen aus der Umgebung strömten mit Fackeln und Kerzen herbei, um das „neue Geheimnis“ anzuschauen, das in der Abstiegsbewegung Gottes in die äußerste menschliche Armut bestand. Weiter heißt es in der zweiten Vita von Thomas von Celano: „Der Heilige Gottes steht vor der Krippe, im Geist zum Himmel gerichtet und von unaussprechlicher Freude durchströmt.“

Daraufhin wurde die Mitternachtsmesse „über der Krippe gefeiert und der zelebrierende Priester spürte eine ganz neue Tröstung“. Dann zog Franziskus die Dalmatik, die liturgische Kleidung des Diakons, an und sang das Weihnachtsevangelium. Danach hielt Franziskus eine Predigt „über die Geburt des armen Königs und die kleine Stadt Bethlehem.“

Ein anwesender Mann, vielleicht der mit Franziskus befreundete Adlige Johannes von Greccio, der die gesamte Inszenierung mit vorbereitet hat, hatte in diesem Moment eine Vision: Er sah „in der Krippe ein lebloses Kind liegen, zu dem der Heilige Gottes hinzutrat und es gleichsam wie aus tiefem Schlaf in kurzer Zeit aufweckte“. Diese Vision wird von Thomas von Celano folgendermaßen kommentiert: Durch Franziskus wurde das Jesuskind „ins Gedächtnis vieler zurückgebracht, in deren Herzen es in Vergessenheit geraten war“. Betrachtet man nun die früheste bildliche Darstellung der heiligen Nacht von Greccio im Langhaus der Oberkirche der Basilika San Francesco in Assisi, so zeigt das lebensgroße Fresko, das Giotto um 1300 gemalt hat, bemerkenswerte Abweichungen von der literarischen Quelle. Giotto hat den Schauplatz verändert und die Feier der Mitternachtsmesse in eine Kirche verlegt.

Der Betrachter befindet sich im Altarraum und blickt auf den Lettner, durch dessen schmale Tür zahlreiche Frauen hereindrängen. Über dem Lettner ist ein großes Kreuz angebracht, von dem die Rückseite zu sehen ist. Auf der rechten Seite befindet sich der Altar, der von einem von vier Säulen getragenen Ziborium überragt wird.

„Die gelebte Armut

des heiligen Franziskus ist das Raum geben

für das

Handeln Gottes“

In der Mitte steht ein Pult, auf dem ein großes Graduale mit den liturgischen Gesängen der Missa in nocte liegt. Es ist von zahlreichen Kerzen umgeben. Links führt eine steinerne Treppe zum marmornen Ambo herauf, der den Lettner überragt. Franziskaner im Ordensgewand und mit Tonsur singen die Messgesänge. Männliche Laien schauen auf Franziskus, der im Vordergrund vor der sarkophagartigen Krippe kniet. Das in königliches Rot gewickelte Kind schaut Franziskus an, der die liturgische Kleidung eines Diakons trägt. Ochs und Esel lagern, in starker Verkleinerung dargestellt, neben der Krippe. Ein Mönchspriester im Messgewand wendet sich mit leeren Händen zu Franziskus herab, als wolle er das Kind von ihm empfangen. Hinter dem Priester steht am rechten Bildrand der Subdiakon.

Was Franziskus in seiner dramatischen Neuinszenierung in Greccio kreativ vergegenwärtigt hat, wurde von Giotto ebenso genial zu einer Darstellung der Einheit von Inkarnations- und Kreuzestheologie des heiligen Franziskus vertieft. Als Giotto dieses Fresko malte, gab es den Bildinhalt der Anbetung der Hirten noch gar nicht, allein Maria durfte das Kind berühren, dem greisen Simeon in die Arme legen. Franziskus tritt nun sogar an die Stelle der Gottesmutter. Er nimmt gemäß der von Thomas von Celano überlieferten Vision das schlafende Jesuskind aus der Krippe, das ihn im Erwachen anblickt. Der charismatische Mystiker Franziskus wird als Diakon der Kirche dargestellt: Wenn der Amtsträger das Sakrament der Kirche spendet, gibt er das, was er aus sich selbst heraus nicht geben kann. Die gelebte Armut des heiligen Franziskus ist das Raum geben für das Handeln Gottes, das sich zurücknimmt, damit Christus handeln kann und so die Vielen Leib Christi werden können. So erwacht Christus in den Seelen. In der Weihnachtsliturgie der Kirche wird das geschichtlich vergangene Ereignis gegenwärtig: Der unsichtbare Gott hat sich den Menschen aus Liebe in einem Menschen sichtbar gemacht und den Zugang zu sich geöffnet. Gott tritt aus der unendlichen Distanz in eine unendliche Nähe. Franziskus legt dem Priester und durch ihn allen Glaubenden das Kind in die Arme. Jetzt ist Gott wirklich der Immanuel der „Gott mit uns“ geworden. Dieses Kind wird die Welt aus der Gottferne holen, damit die Welt wieder zur Welt Gottes werde. Am Kreuz durchleidet der Sohn alles Böse und verwandelt es durch seinen Gehorsam dem Vater gegenüber. Die göttliche Liebe gibt sich preis, lässt sich verteilen ohne etwas zurückzubehalten, damit die Vielen einer in Christus werden können.

„Sich etwas schenken lassen müssen und dann auch noch dankend

annehmen – davor haben wir Angst“

Dies ist die Rückseite des Kreuzes, seine wahre Bedeutung. Darum führt der Weg der Glaubenden auf dem Bild Giottos durch eine schmale Tür unter dem Kreuz in den Raum der Begegnung mit Gott. Sich etwas schenken lassen müssen und dann auch noch dankend annehmen, davor haben wir Angst. Vom Ambo aus kann man über den Lettner blicken, und die Türe steht offen: Selber Sakrament werden heißt sich senden lassen und eucharistisch aufbrechen über den Raum der Kirche hinaus. Franziskus sagt uns: Lass Dich von der Torheit der armen und sich selbstlos verschenkenden Liebe enteignen.

Seinen Bericht über die Heilige Nacht von Greccio beschließt Thomas von Celano wie folgt: „Als schließlich die Feierlichkeiten beendet waren, kehrten alle nach Hause zurück. Das Heu der Krippe wird aufbewahrt, es heilt kranke Tiere, auch Männer und Frauen genesen durch das Wirken der Gnade Gottes von ihren Krankheiten. Später werden der Ort der Krippe zu einem Tempel des Herrn konsekriert und zu Ehren des seligen Vaters Franziskus eine Kirche mit einem Altar über der Krippe geweiht.“ Was der Mensch zum Heil beitragen kann ist nur das trockne Heu, das verwelkte Gras unserer Schwachheit und Vergänglichkeit. Aber das empfangene und freigegebene Wort bleibt in Maria und der Kirche nicht äußerlich, denn in ihr ist es ja Fleisch geworden und wenn sie sich mit austeilen lässt, dann wird sie selbst zum Heil.