„Das gewohnte Denken durchbrechen“

Ehevorbereitung plus Neuevangelisierung: Stefan Lebesmühlbacher will mit „Fit für Ehe“ in das Gelingen des „Unternehmens Ehe“ investieren. Von Stephan Baier

Verliebte nehmen sich Zeit für vieles
Verliebte nehmen sich Zeit für vieles – gut, wenn die geistliche Vorbereitung auf die Ehe nicht zu kurz kommt. Foto: dpa

Sie sind verheiratet und ständiger Diakon. Warum engagieren Sie sich für eine bessere Ehevorbereitung?

Ich bin verheiratet seit 1994 und seit 2010 ständiger Diakon. Mein Engagement kommt aus einem längeren Prozess in der „Initiative Christliche Familie“ (ICF), wo ich seit Anbeginn dabei bin. Da sind all die Erfahrungen mit unserem Jungfamilien-Treffen mit eingeflossen. Wir merkten, dass es für die Ehevorbereitung heute einen Weg und Prozess braucht, der das Leben viel mehr in der Tiefe berührt. Wachstum braucht Zeit. Zweitens merkten wir, es braucht eine Christusbegegnung. Ehevorbereitung und Neuevangelisierung müssen zusammengehen. Der Weg der Ehevorbereitung muss mit Christus in Kontakt führen und Türen öffnen in die Kirche, und zu einer geistlichen Beheimatung in der Kirche. Drittens wollen wir die Inhalte der Theologie von Ehe und Familie gut und kompetent vermitteln.

Ist das eine Strategie für besonders Fromme oder für alle relevant, die den sakramentalen Bund fürs Leben schließen wollen?

Die Frage ist uns vertraut. Sie steht manchmal wie ein Vorwurf im Raum. Wir glauben, dass alle viel mehr brauchen würden. Wieviel Zeit und Geld muss man investieren, um einen Führerschein zu bekommen? Oder wieviel an Kompetenzen braucht jemand, um eine verantwortungsvolle Stelle in einem Unternehmen auszuüben? Das Unternehmen Ehe braucht viel mehr an Investitionen, weil wir als Kirche hier eine Verantwortung haben. Wenn die Ehe scheitert und zerbricht, sind die Konsequenzen gravierend, aber wir stellen den Paaren jene Fragen, die beim Scheitern gestellt werden, nicht vorher. Es muss vor der Ehe viel mehr passieren! Auch bei der jüngsten Bischofssynode wurde klar, dass wir eine viel intensivere Ehevorbereitung brauchen. Dadurch fühlen wir uns bestätigt, weil uns diese Überlegungen seit Jahren beschäftigen.

Sie ziehen den Vergleich mit Unternehmen. Eine Parallele wäre auch die Entscheidung für das Priestertum – eine Lebensentscheidung, die erst nach jahrelanger Vorbereitung und intensiver Prüfung des Kandidaten gefällt wird.

Genau. Bei der Ehe geht man davon aus, dass es „schon so“ geht. Aber die Erfahrung zeigt, dass es „schon so“ eben nicht geht. Auch für die Ehe braucht es konkretes Handwerkszeug und darüber hinaus die große Ressource des Glaubens.

„Achtung, es geht um euer Leben! Nehmt euch mehr Zeit, euch gutvorzubereiten auf dasgemeinsame Leben“

Erfahrene Seelsorger berichten, viele Brautpaare hätten längst alles geplant und vorbereitet, dann kämen sie kurzfristig mit dem Wunschtermin zum Pfarrer. Also ohne Zeit für eine gründliche Ehe-Vorbereitung.

Das war auch unser Ringen im Entwickeln des Projektes. Wir fragten uns: Wieviel verträgt die mitteleuropäische Seele? Worauf lässt man sich überhaupt ein? Das Projekt Hochzeit ist sehr komplex, an alles ist irgendwie gedacht – nur das Leben von Mann und Frau im Bund der Ehe gerät aus dem Blick. Mit der Erfahrung des „Fit für Ehe“-Seminars am vergangenen Samstag sage ich, wir müssten vermutlich noch früher beginnen, und den Paaren sagen: Achtung, es geht um euer Leben! Nehmt euch mehr Zeit, euch gut und gründlich vorzubereiten auf das gemeinsame Leben.

Werden nicht viele Heiratswillige dann nicht lieber auf nur-standesamtlich downgraden?

Ja, die Gefahr gibt es schon. Auch, weil viele aus dem nichtkirchlichen Bereich kommen und nur so schnell wie möglich das schöne Fest haben wollen. Wir müssen nach und nach das Bewusstsein verändern. Wir brauchen eine Verschiebung, so dass Pfarrer den Paaren sagen: Ich verstehe euch und nehme euch ernst, aber gönnt euch für eure Beziehung die Zeit für einen guten Weg, um dann auf guten Fundamenten zu bauen.

Geraten Sie mit Ihrem Konzept nicht zwangsläufig in Konflikt mit bestehenden Modellen kirchlicher Ehevorbereitung, die niedrigschwellig ansetzen?

Diese Frage hat uns lange bewegt: Wie gewinnen wir überhaupt Paare für eine Langform der Ehevorbereitung? Das ist ja der Inhalt unseres Pilotprojektes. Deshalb ist unsere Strategie nun, dass wir einen Tag als vollgültige Form der Ehevorbereitung anbieten. Zugleich machen wir so viel Appetit, dass die Paare weitergehen und tiefer in die eigene Beziehung investieren wollen. Deshalb ist es kein Konkurrenzangebot, sondern etwas Tieferführendes.

Ist nicht dennoch der Konflikt zwischen Ihrem Modell und den bisherigen diözesanen Konzepten vorprogrammiert?

Eigentlich nicht, denn wir haben im Vorfeld Gespräche geführt, etwa mit Stellen in Wien, die ebenfalls sehen, dass die Paare eigentlich mehr brauchen würden. In vorbereitenden Gesprächen kam folgendes bei uns an: Mutig und gut – macht das!

Ehe und Familie sind derzeit innerkirchlich in der Debatte. Wie anspruchsvoll wollen Sie die zu vermittelnden Inhalte ansetzen?

Inhaltlich fließen drei Stränge ein: Die Lehre der Kirche zu Ehe und Familie – „Familiaris consortio“ und „Amoris laetitia“ – haben wir in den Teilnehmerheften, aber auch die Humanwissenschaften und das Leben der Teilnehmer selbst. Wir haben schon diese pastorale Grundorientierung: Jemand steht, wo er steht. Wir docken dort an, holen ihn ab, aber führen ihn auch einen Schritt weiter.

Welche Rolle spielt „Humanae vitae“ in Ihrem Konzept? Wie gehen Sie mit Paaren um, die bereits seit Jahren zusammenleben, und bei denen Verhütung vielfach zum Alltag gehört?

Bei dem Treffen am vergangenen Samstag war „Humanae vitae“ nicht als Dokument Thema, aber die Grundaussagen waren da, und auch die Natürliche Empfängnisregelung wurde besprochen. Um das wirklich in der Tiefe auszubuchstabieren und zu beleuchten, braucht es aber den vertiefenden Prozessteil. „Humanae vitae“ wird jedenfalls nicht ausgeklammert.

Große Liebe will Ewigkeit. Hält man sich jedoch vor Augen, dass nicht nur die absolute Mehrheit aller Beziehungen, sondern auch etwa die Hälfte aller Ehen scheitern, drängt sich die Frage auf: Lässt sich das überhaupt wagen? Welches Rüstzeug kann dem Gelingen dienen?

Da gibt es sehr viel praktisches Rüstzeug. Ich meine damit die Kommunikation und die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und Lebensgeschichte. Im Letzten bündelt es sich im Ehesakrament, in der Dynamik des Ganz-Schenkens und Ganz-Empfangens, das getragen und umhüllt wird vom Ja der Liebe Gottes. Das bedeutet, dass man in den Raum des Glaubens wirklich hineingeht. Hauskirche meint, den Glauben als Ehepaar und Familie wirklich zu leben, damit das Ehesakrament tragend wirksam werden kann.

Wenn man den Paaren das Anspruchsvolle der christlichen Ehe vermittelt, gehen dann nicht viele traurig weg, weil sie fürchten, das ohnehin nicht zu schaffen?

Nach der bisherigen Erfahrung würde ich mit Nein antworten. Exklusivität und Dauer entsprechen der Sehnsucht, die im Raum steht. Die große, schöne und exklusive Liebe ist das Ideal, das war meine Erfahrung bei unserem Treffen in Trumau. Diese Hoffnung bringen die Paare mit. Wir sprechen auch davon, dass die Liebe das Gesicht des Opfers annehmen kann. Das menschliche Herz versteht das, aber es muss gesagt und ausdifferenziert werden. Am schwersten scheint mir, denen, die bereits zusammenleben, zu sagen: Wollt Ihr nicht aufeinander verzichten, um euch dann in der Hochzeitsnacht neu zu schenken? Das sind Zumutungen, aber es ist auch gut, sie auszusprechen und das gewohnte Denken zu durchbrechen. Wenn man über die große und schöne Liebe spricht, dann sind alle voll dabei.

„Mir ist ganz klar, dass gerade die ersten Ehejahre schön und schwer zugleich sind“

 

Reicht eine gediegene Ehevorbereitung oder bedarf es auch einer einfühlsamen Ehe-Begleitung, gerade in den ersten Jahren?

Ja, absolut. Auch wenn es uns gelingt, durch „Fit für Ehe“ eine Art Ehe-Katechumenat umzusetzen, ist mir ganz klar, dass gerade die ersten Ehejahre schön und schwer zugleich sind. Die Last des Lebens steigt, die Verliebtheit fällt weg, mit Kindern kommen neue Krisenmomente. Die beste Ehevorbereitung genügt nicht, wenn sie nicht Hand in Hand geht mit einer sofort einsetzenden Ehebegleitung. In der Ehebegleitung sind die Themen andere, es braucht darum andere Werkzeuge – aber „Fit in der Ehe“ muss zusammengehen mit „Fit für Ehe“. Wir wollen die jungen Paare, die wir fit für Ehe gemacht haben, begleiten und ihnen etwas geben für die ersten Jahre, mit anderen Schwerpunkten.

Sie haben auch Ärzte, Psychologen und Juristen in „Fit für Ehe“ einbezogen. Warum?

Das Konzept kommt aus der Ukraine, wo kirchliche Ehevorbereitung nachhaltig die Scheidungsziffern senken und die Geburtenrate steigern konnte. Hier war der Schlüssel ein interdisziplinäres Team von Referenten, die von unterschiedlichen Seiten auf Ehe und Familie hinschauen und ihren Blickwinkel einbringen. Das haben wir übernommen. Bei uns hat etwa ein Psychotherapeut, der auch Ehemann und Familienvater mit viel Praxiserfahrung ist, aufgrund seiner therapeutischen Erfahrung über Herkunftsfamilie gesprochen, und das war wichtig. Über Natürliche Empfängnisregelung sollte am besten ein Mediziner referieren.

Die Österreichische Bischofskonferenz sprach sich schon vor Jahren – wenn auch recht allgemein – für eine längere und intensivere Ehevorbereitung aus. Was wäre das zeitliche Minimum für alle?

Das Ideal wäre ein halbes Jahr. Das Richtmaß könnte ein Treffen alle 14 Tage sein. Wir haben jetzt für das Vertiefungsmodul, das von Ende Januar bis Ende April reicht, 14-tägig einen Abend, mit Hausübungen dazwischen.

Soll Ihr Modell parallel zu den vorhandenen laufen oder die Standards allgemein verändern?

Die Vision wäre, die Standards zu verändern. Aber das scheint mir für den Moment unrealistisch. Ein Ehe-Katechumenat für alle wird es so in nächster Zeit in Österreich nicht geben. Darum muss man überlegen, wo man jetzt so etwas als Zusatzangebot anbieten kann. Wir sind bei einem ebenso mutigen wie demütigen Beginnen. Das kann sich dann später ausbreiten.