Das freiwillige Opfer des Unschuldigen rettet die Welt

Neuerscheinung der Schriften des Jesuiten Raymund Schwager. Frieden und Gerechtigkeit im Fokus. Von Urs Buhlmann

Raymund Schwager (1935–2004), der Innsbrucker Theologe und Schweizer Jesuit, ist eine nicht zu unterschätzende Stimme – auch ein gutes Jahrzehnt nach seinem plötzlichen Tod bei einem Arztbesuch. Als Gründer einer eigenen Denkschule hat Schwager sich ein ganzes Wissenschaftler-Leben lang mit dem Zusammenhang von Religion und Gewalt beschäftigt, dabei die Opfer-Theorie des französischen Literaturwissenschaftlers und Religionsphilosophen René Girard weiterentwickelt in der Überzeugung, dass Religion und insbesondere das Christentum vor allem „dramatisch“ zu deuten seien. Mit diesem Ansatz ist Schwager, der zu Girard, aber auch zu Hans Urs von Balthasar enge Beziehungen unterhielt, auch heute noch auf der Höhe des Geschehens, wobei er zu Lebzeiten eher zwischen allen Stühlen zu sitzen kam. Im Kalten Krieg und auf dem Höhepunkt des Wettrüstens zwischen Ost und West trat er für Gewaltlosigkeit und Abrüstung ein, redete innerkirchlich dem interreligiösen Gebet und der Frauenordination das Wort, hielt aber zugleich die Rede vom Opfertod Jesu am Kreuz hoch und musste sich daher von manchen als konservativer Hardliner schmähen lassen.

Es gibt also einige Gründe, sich dem umfangreichen Schrifttum des aus einer Thurgauer Bauernfamilie Stammenden zuzuwenden. Was jetzt mit der bei Herder erschienenen Gesamtausgabe leichter möglich ist. Ihr letzter Band 8 enthält eine Auswahl kleinerer Schriften, aber auch eine Gesamt-Bibliographie und einen bisher unveröffentlichten Briefwechsel mit dem Landsmann Balthasar, die einander höflich mit „Herr Pater“ und „Herr Doktor“ ansprachen.

Herzstück des Bandes ist wohl „Für Gerechtigkeit und Frieden“, 1986 erschienen und vom Umfang her ein kleines Buch. Schwager kommt gleich zu Beginn auf den innerkirchlichen Hintergrund zu sprechen: „Befürchtet die eine Seite, dass die Betonung des Einsatzes für Gerechtigkeit und Frieden zu einer Reduktion und Verpolitisierung des christlichen Glaubens führe, so wird von anderer Seite der Vorwurf laut, ein Glaube, der sich nicht inkarniere, sei ein täuschender und ideologischer Glaube.“ Für ihn ist klar, dass Gott an den Armen und mit ihnen handelt, um seine „Kontrastgesellschaft“ aufzubauen. Ob etwas gut oder schlecht, gerecht oder frevlerisch sei, messe sich am Nutzen der Gemeinschaft daran. Seinem Lieblingsthema nähert sich Schwager, wenn er mit Deuterojesaja, den er den „Schlüssel“ zum AT nennt, festhält, dass „Gott das Böse in der Welt durch das gewaltfreie Leiden seines Erwählten überwindet“. Wer dies annimmt, kann seinerseits umkehren zu Gott, zumal dieser Gott zunächst einmal voraussetzungslos und bedingungslos vergibt. Nicht wie so viele andere Theologen weicht Schwager den zahlreichen Gerichts- und Höllenworten des Neuen Testaments aus, die letztlich die Möglichkeit der Ablehnung des göttlichen Heilsangebotes durch den undankbaren Menschen unterstreichen. Hier argumentiert der Schweizer ganz traditionell und spricht von der möglichen Verdammung als Konsequenz der menschlichen Willensfreiheit. Die Mission Jesu zur Rettung des Menschengeschlechtes sei eng mit Frieden und Gerechtigkeit verbunden. „Im Kreuzesgeschehen wurden die Mächte der Lüge, der Gewalt und des satanisch-rivalisierenden Habenwollens durch seine radikale Feindesliebe und Gewaltfreiheit an ihrer Wurzel entmachtet.“ Konversion und gerechtes Handeln des Einzelnen seien nun ebenso gefragt wie eine sich einig präsentierende Kirche. Hier lässt Schwager eine gewisse Präferenz für die Orthodoxie erkennen, die ihm – für einen Schweizer eigentlich überraschend – näher zu sein scheint als der Protestantismus. Schwagers großangelegter Versuch einer Standortbestimmung endet mit einem klaren Bekenntnis zum Kreuzes-Glauben als Kraft, die die Geschichte verwandelt.

Derselbe Theologe, der begeistert vom Friedenstreffen der Religionen in Assisi 1986 spricht, die nachkonziliären Synoden in Deutschland und der Schweiz preist, die traditionelle Lehre vom gerechten Krieg aufgibt, bekennt sich aber auch zum leeren Grab Jesu: „Der Glaube an den auferweckten Jesus bleibt folglich nur dann in einer echten Kontinuität mit dem messianischen Glauben Israels, wenn sein Grab an Ostern tatsächlich geöffnet und leer war.“ Das wird hierzulande seit den „wilden Sechzigern“ nur noch von einer klein gewordenen Gruppe von Theologen hochgehalten. Raymund Schwager ist also nur schwer unter die gängigen Kategorien von „konservativ“ und „liberal“ einzuordnen. Auch sein Ansatz einer „dramatischen Theologie“ ist weit entfernt von gängigen Mustern theologischer Standortbestimmung – wenn er etwa schreibt: „Da sich der christliche Glaube ganz auf den Weg Israels mit seinem Gott und auf das Zeugnis der Jünger und Apostel über das Leben und das Geschick Jesu stützt, muss er den langen Weg der Offenbarung immer neu innerlich nachvollziehen, wenn er zu einem unbedingten Engagement finden will. Da der Offenbarungsweg aber dramatisch war und Erfahrungen einschloss, durch die den Glaubenden ihre bisherigen Hoffnungen und Überzeugungen fremd, ja problematisch wurden, muss auch der Weg des nachvollziehenden Glaubens auf die eine oder andere Weise Erfahrungen der Krisen und der Enttäuschungen einschließen.“ Hierfür scheint Schwager der Ansatz Girards zu Opfer und Mimesis (der Wirkung durch Nachahmung) besonders geeignet: „Mit Hilfe einer dramatisch verstandenen Erlösungslehre lassen sich aber auch andere theologische Themen (Ekklesiologie, Sakramente – besonders Eucharistie – Gnade, Eschatologie, schlussendlich auch die Trinitätstheologie) einander zuordnen und mit Konflikten und Versöhnungsprozessen im menschlichen Leben in Beziehung bringen.“ Eine Voraussetzung dafür nennt er: „Die Lehre von der Erbsünde ermöglicht uns einen realistischen Blick auf den faktischen Verlauf der Menschheitsgeschichte, der über weite Strecken sehr gewalttätig war, ohne dass man dabei einem pessimistisch-defätistischen Verständnis der menschlichen Natur verfallen muss, das alle Hoffnung auf positive Entwicklungen blockieren würde.“ Zu diesem Realismus, den Schwager empfiehlt, gehört auch, dass sich im Kreuz und nur im Kreuz die „untergründige Menschheitsgeschichte“ enthülle. Der unendlichen Gewalt der Menschen, die sich am Ende auch gegen den richtete, „der Liebe und Frieden verkündet hat und die Menschen im Namen eines barmherzigen himmlischen Vaters sammeln wollte“, wird nun etwas entgegengesetzt: „Das Kreuz offenbart, wie die Antwort auf diese Menschheitsproblematik auch von einem Menschen gegeben wurde, der dies allerdings, wie Ostern offenkundig macht, nur in der Kraft Gottes tun konnte (...) Dort, wo die Gewalt sich letztlich zusammengeballt hat, ist sie im tiefsten auch überwunden worden.“ Das tiefgründige Geschehen, das Raymund Schwager solcherart zu erklären suchte, bleibt im letzten verstörend und undeutbar, wie er wusste: „Als Christen müssen wir (...) immer wieder neu lernen, eine Botschaft zu vertreten, die uns selber überfordert. Wir werden wohl nie dem Weg Jesu vollkommen folgen. Als Christen haben wir eine Botschaft zu vertreten, von der her wir leicht kritisiert werden können.“

Raymund Schwagers Lebensleistung besteht darin, einen von den Humanwissenschaften herkommenden, doch theologisch verantworteten Beitrag zur Lösung des Unlösbaren bereitzustellen, der in einer Welt, in der sich die Spirale von Gewalt und Gegengewalt in immer neue Höhen schraubt, ernst genommen werden sollte. Es lohnt sich also, ihn heute (wieder) zu lesen.

Raymund Schwager: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Kirchliche, politische und theologische Zeitgenossenschaft, hrsg. v. Mathias Mossbrugger. Verlag Herder, Freiburg/Brsg., 2017, 560 Seiten, ISBN 978-3-451-34228-8, EUR 54,–